Die Wüste ist beeindruckend. Die Wüste ist heiß. Und irgendwann wird die Wüste verdammt langweilig, außer man holt sich jede Menge Glücksspiellizenzen und baut einfach ein paar überdimensionale Hotel- und Casinokomplexe in den Sand. Las Vegas hat abseits eben jener Vergnügungsorte eigentlich nichts zu bieten.
Die Hauptattraktion sind die Hotels, die sich am berühmten Strip aneinanderreihen Und das ist nur vernünftig wenn man bedenkt, dass es in dieser Stadt rund neun Monate im Jahr so unerträglich heiß ist, dass man es keine fünf Minuten im Freien ertragen kann. So spielt sich das Leben hier drinnen ab. In den notorisch unterkühlten Räumen der großen Hotels von Las Vegas. Die Namen der gemauerten Wüstengiganten sind auf der ganzen Welt bekannt. Bellagio, Caesar’s, Venetian, Wynn sind der Stoff, aus dem die großen Träume vom ganz großen Glück gestrickt sind. Leider endet der Traum meist mit einer leeren Brieftaschen und einem Kater, gezeugt aus der Mischung von billigem Alkohol und frustrierter Resignation. Im Casino ist nur selten jemand reich geworden und wenn, dann ist er es nicht lang geblieben. Die Gier ist ein Schwein.
Ich trinke gerne, ich rauche zu viel, dafür übt alle Art von Glücksspiel absolut keine Anziehungskraft auf mich aus. Ich war noch keine Sekunde meines Lebens in Versuchung, an irgendeinem Roulettetisch mein Glück zu versuchen und das ewige Klimpern der Automaten ist für mich kein Sirenengesang sondern einfach nur lästig. Dementsprechend ungefährlich sind für mich die Entdeckungstouren durch die Hotels in Las Vegas. Dachte ich zumindest. Denn irgendwann bringt diese Stadt jeden Menschen dazu, sein Erspartes auf idiotische Weise locker zu machen – so oder so. Bitteschön, an diesem Candyshop im Venetian konnte ich einfach nicht vorbei gehen. Ich konnte nicht. Kopfhörer in Form von kleinen rosaroten Gummibärchen, Bazooka-Lipgloss, XXL-HelloKitty-Lollies, ja, definitiv stelle ich mir das Schlaraffenland so vor. 100 Dollar später stehe ich am Markusplatz und wundere mich über die Tüten in meiner Hand. Nichts davon kann ich wirklich brauchen, das meiste lässt sich nur mit Mühe im Flieger nach Europa transportieren und eigentlich wollte ich doch mein Geld für vernünftige Dinge sparen. Den Ausgleich meines Kontos zum Beispiel. Welcome to faboulos Las Vegas!
Zur Beruhigung setzte ich mich also erstmal am Markusplatz in ein Café, bestelle mir einen Espresso und bin gleich nochmal um sieben Dollar ärmer. Kurzurlaub in Italien ist längst keine Okkasion mehr, auch wenn man sich eigentlich nur in einem Hotel in Las Vegas befindet, das sich Venetian nennt und einfach alles daran setzt, dem originalen Venedig mit viel Plastik und Kitsch gerecht zu werden. Es ist kein Geheimnis, dass man in Las Vegas zur Übertreibung neigt. Neben mir schippert eine Gondel vorbei. Einige übergewichtige Amerikaner lassen sich von einer ebenso beleibten und nicht minder amerikanischen Dame über die türkisen Kanalattrappen paddeln. Eine haarsträubende Version von „O sole mio“ ist im Preis inbegriffen. Ich habe ein bisschen Gänsehaut. Tatsächlich bekommt man im Inneren des gigantischen Hotels phasenweise den Eindruck, wirklich in Venedig zu sein, was vor allem an dem künstlichen Himmel liegt, der sich über die venezianischen Papp-Pallazzi erstreckt. Mittags ist er gleißend hell, ein paar kleine Schafswolken zieren den Plastikäther. Irgendwann beginnt es zu dämmern. Der Abendhimmel zaubert ein beinahe romantisches Ambiente über diese Stadtfarce.
Das Venetian Resort Hotel gehört übrigens zu den grössten und luxuriösesten Hotels unter der Sonne Nevadas. Gemeinsam mit dem Schwesterhotel „Palazzo“ bildet das Venetian den größten Hotelkomplex der Welt. Ich begebe mich also auf den Weg ins Palazzo. Venedig hängt mir bereits nach kurzer Zeit zum Hals raus. Doch, so leicht wie ich mir das vorgestellt habe, ist es hier nicht von einem Ort zum anderen zu gelangen. Ich stolpere nämlich nach nur wenigen Gehminuten in eine, man kann nicht genau sagen, was. Vorführung trifft es vermutlich am besten. Gegeben wird an diesem Abend irgendwas Italienisches. Jeder kennt die Melodie, die die fünf Harlekins zum Besten geben. Die Leute sind begeistert, machen Videos, Fotos, kaufen Souvenirs und verlieren später vor lauter Übermut ihr Erspartes an den einarmigen Banditen im Casino. Alles nach Plan. Für kurze Zeit hält auch mich dieses Schauspiel gefangen. Es ist einfach zu verrückt. Dauerentertainment als state-of-the-art – so hat sich Rousseau, den aufgeklärten Menschen bestimmt nicht vorgestellt. Schnell weiter, bevor mit dieses Gesinge noch das letzte bisschen Verstand raubt.
http://youtu.be/AFMFnB2jCjU
Verbunden sind die beiden Bettenburgen Venetian und Palazzo über einen Gang, der keinen Zweifel daran lässt, dass man hier stolz auf Amerika ist. Zumindest in der Zeit rund um den US-amerikanischen Nationalfeiertag, den Independence Day am 4. Juli, ist hier alles mit Stars&Stripes zugepflastert. Ok, ok, ok, hier liebt man sein Land. Ich habe verstanden. Gutheißen kann ich das allerdings kein bisschen. Die Amerikaner finden das hingegen „wonderfull“, posieren vor ihren Fahnen und freuen sich patriotisch. Für heute habe ich genug. Über den Rialto verlasse ich das verrückte „Quasi-Italien“. Ciao guys, take care! So leicht gebe ich die Stadt allerdings nicht auf. Fünf weitere Wochen warten hier auf mich, genügend Zeit also ein Plätzchen in Las Vegas zu finden, das mir gefällt.



