Man kann sich das so vorstellen. Über 3.200 Silberrücken und die Szenerie beginnt für europäische Verhältnisse abstrakt. „Oklahoma Johnny“ Hale eröffnet das Turnier mit dem traditionellen Treuegelöbnis gegenüber der Nation und der Fahne der USA (Pledge of Allegiance) und hunderte ältere Männer stehen mit der Hand auf der Brust und Tränen in den Augen in einem riesigen Pokersaal.


Alles geht sehr langsam, jede Bewegung, jeder Move und jedes Karten aufnehmen. Eine zarte Geruchsmischung von Garküche, Asthmamedikamenten und Harninkontinez liegt im Raum und die Stimmung ist freundschaftlich friedlich, ebenso wie das Spiel. Das Gesamtalter liegt weit über 176.000 Jahre und ebenso viel Erfahrung. Das Spiel ist Texas Hold’em No Limit, obwohl die meisten der Spieler lieber ein gute alte Drawpoker-Variante führen würden.
Ein Call ist immer besser als ein Raise und das Pre-Flopspiel nennt sich Check. Dies hat den Vorteil, dass im Vergleich zu anderen 1k NLH Turnieren sehr viele River gesehen werden und noch mehr Flops. Aggressives Spielen bedeutet nur Blinds stehlen, denn jeder Call bedeutet AA oder zumindest AK.
Die Organisation nahm auf die Veteranen insofern Rücksicht, als das sie die Pause von normalen 20 Minuten auf 30 Minuten verlängerten um den Prostataproblemen entgegenzukommen und die geschätzten 500 Senioren vor den Toiletten geben ihnen auch recht.
Anders als beim Ladies-Event bei dem auch Männer mitspielen können, so gibt es, fast ein wenig überraschend für Amerika, kein Gesetz für Jugendlichen-Diskriminierung. Überraschend wenig deutschsprachige nehmen am Turnier teil. Der jüngste der Senioren ist mit Sicherheit Sigi Stockinger und dies aus mehreren Gründen. Er ist einer der wenigen, die einen iPod verwenden, er ist sicher der einzige, dessen iPod mit Arctic Monkeys, Architecture in Helsinki oder Depeche Mode bestückt ist und er wird wahrscheinlich auch der einzige sein, dessen Mode nicht schon vorgestern unmodern war.
Natürlich möchte ich den anderen deutschsprechen Spielern nicht auf den Windsor-gebundenen Slips treten und selbstverständlich Dani Studer, Ivo Donev, „Bongo“ Bayer, Ben van der Meij und all die anderen aus unseren Breiten aus diesem Vorurteil ausnehmen.
Ein gemütlicher Nachmittag im Rio’s beim Senioren-Event und die Erben des Siegers werden sich sicher über die $487.994 freuen.
