Daniel Negreanu redet nicht um den heißen Brei. Wenn etwas im Poker schiefläuft, benennt er es klar und deutlich. In einem Interview mit Poker.org prangert der sechsfache Bracelet-Gewinner eine Praxis an, die zunehmend den Geist des Spiels vergiftet: Angle Shooting.
Für Negreanu ist klar – taktisches Zeitschinden, um sich etwa einen besseren Platz im Payout zu sichern, sei Betrug am Wettbewerb. „Zeitschinden ist kein Pokerspielzug. Es hat nichts mit dem Spiel zu tun, also ist es per Definition ein Angle Shoot“, erklärt er mit Nachdruck. Diese Art von Verhalten, betont er, untergräbt die Integrität jeder Hand.
Sein Zorn richtet sich vor allem auf ein Ereignis beim WSOP Main Event 2025. Dort soll Isaac Haxton bewusst Zeit verzögert haben, um sich in ein höheres Auszahlungs-Level zu retten. Negreanu vergleicht solche Spieler mit „krebsartigen Geiern“, die nicht gewinnen wollen, sondern auf die Verluste anderer lauern.
Negreanus Lösungsvorschläge
Stillstand reicht ihm nicht – Reformen müssen her. Er fordert strukturierte Maßnahmen, um diese toxische Strategie einzudämmen. Zwei konkrete Ideen bringt er ins Spiel:
- Individuelle Zeitbanken: Ähnlich wie im Onlinepoker soll jeder Spieler über begrenzte Zusatzzeit verfügen.
- Schachuhren am Tisch: Ein zeitlich geregelter Ablauf für alle Entscheidungen, individuell messbar und transparent.
Für Negreanu sind diese Tools mehr als Technik. Sie schützen das Spiel vor Ausbeutung. „Die Shot Clock hilft, aber sie ist nicht perfekt. Ich spiele schnell, es sei denn, es ist eine wirklich schwierige River-Entscheidung. Trotzdem bin ich schneller als viele, die jedes Mal maximalen Zeitvorteil herausholen wollen.“
Poker soll Wettbewerb bleiben – nicht Geduldsspiel
Neben Haxton nennt Negreanu auch Will Kassouf als Negativbeispiel. Dessen ewiges Gerede und langsames Spiel hätten am Tisch längst jede Grenze überschritten. „Wer ständig sagt ‚Das ist eine große Entscheidung‘ und dann minutenlang zögert, will keine Fairness – der spielt mit dem Nervenkostüm seiner Mitspieler.“
Diese Haltung irritiert viele Profis und Freizeitspieler gleichermaßen. Poker lebt von klarem Denken, Mut, Strategie – aber nicht vom Warten auf die Uhr.
Reaktionen bleiben abzuwarten
Negreanus Kritik trifft einen Nerv. Spieler fordern seit Jahren Reformen, die faires Tempo und respektvolles Verhalten fördern. Mit seiner Reichweite und seinem Ansehen in der Szene könnte seine Stimme endlich den nötigen Druck erzeugen.
Ob große Veranstalter wie die WSOP reagieren, bleibt noch offen. Doch die Diskussion wurde einmal mehr entfacht – und der Ruf nach authentischer Integrität am Pokertisch wird lauter.
