- Gewagte These: Cloudflare-CEO Matthew Prince gibt Ozempic die Schuld an der Vegas-Krise.
- Faktencheck: Besucherzahlen und Casino-Einnahmen in Las Vegas sinken messbar.
- Widerspruch: Online-Glücksspiel boomt, das Spielverhalten scheint sich nur zu verlagern.
Mit einem einzigen Post hat Matthew Prince, CEO von Cloudflare, für Aufsehen gesorgt: „Ozempic killt Vegas.“ Eine steile These, die auf der Plattform X viral ging. Über 140.000 Menschen lasen seine Einschätzung, laut der das bekannte Diabetes- und Abnehmmedikament die Lust am Glücksspiel, Alkohol und Partyleben dämpfe, und damit auch die Attraktivität von Las Vegas.

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten: Die These schlug Wellen, wurde diskutiert, geteilt und kritisiert. Doch steckt mehr dahinter als bloße Spekulation?
Was weird being in Vegas recently. So quiet. So many fewer people gambling, drinking, partying. My pet theory: Ozempic killing Vegas, just like it’s killing snack food brands, liquor producers, and Napa.
— Matthew Prince 🌥 (@eastdakota) October 19, 2025
Zahlen sprechen eine klare Sprache
Die nüchternen Daten geben Prince zunächst recht: Der Las-Vegas-Tourismus ist rückläufig. Im ersten Halbjahr 2025 kamen nur 19,6 Millionen Besucher in die Stadt. Das sind 6,7 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2024. Im April sanken die Einnahmen der Strip-Casinos um knapp 3 Prozent auf 646,9 Millionen US-$. Und auch in den restlichen Monaten bewegt sich der Rückgang im zweistelligen Bereich.
Auch die Poker-Dealer in Las Vegas bekommen die Krise zu spüren. Große Resorts wie das Fontainebleau oder Resorts World haben bereits Entlassungen vornehmen müssen. Die Zeiten, in denen man als Kartengeber ein sicheres Einkommen in Vegas erwarten konnte, scheinen vorbei.
Die Las Vegas Convention and Visitors Authority schlägt zu Recht Alarm. Der Glanz von „Sin City“ scheint zu verblassen. Aber liegt das wirklich am Medikament mit dem Wirkstoff Semaglutid?
Weniger Heißhunger, weniger Exzesse?
Ozempic, Wegovy und Mounjaro gehören zur Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Sie sind Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurden, inzwischen jedoch vor allem als effektive Appetitzügler für die Gewichtsreduktion eingesetzt werden.
Sie wirken tief ins Belohnungssystem des Gehirns hinein, also genau dort, wo Alkohol, fettiges Essen und Glücksspiel ihr Feuer entfachen. Genauer gesagt: Diese Medikamente verzögern die Magenentleerung, sorgen für ein länger anhaltendes Sättigungsgefühl und reduzieren gleichzeitig das Verlangen nach kurzfristiger Bedürfnisbefriedigung.
Studien zeigen, dass Nutzer dieser Präparate nicht nur Gewicht verlieren, sondern auch seltener zu Alkohol greifen, weniger impulsiv handeln und generell eine größere Verhaltenskontrolle entwickeln. Im Journal JAMA Psychiatry wurde beispielsweise ein signifikanter Rückgang des Alkoholkonsums bei Ozempic-Nutzern festgestellt. Andere Studien belegen, dass GLP-1-Wirkstoffe die Wirkung von Alkohol verzögern und eine schnellere Selbstregulation ermöglichen.
Die gesellschaftliche Verbreitung dieser Medikamente ist derweil kein Randphänomen mehr. Eine landesweite Umfrage der Kaiser Family Foundation ergab, dass rund 12 % aller erwachsenen US-Amerikaner bereits Erfahrungen mit GLP-1-Medikamenten gemacht haben. 6 % davon nutzen sie sogar aktiv. Damit zählen Millionen Menschen zu einer neuen Konsumentengruppe, deren Verhalten sich fundamental verändert hat. Tägliche Snacks, nächtliche Drinks und spontane Casino-Besuche wirken plötzlich nicht mehr reizvoll, sondern überflüssig. Wenn also weniger Heißhunger, weniger Promille und weniger Risikobereitschaft zusammenkommen, verändert sich zwangsläufig auch das Geschäftsmodell von Städten wie Las Vegas.
Der Erfolg von Ozempic und seinen Verwandten lässt sich auch wirtschaftlich ablesen. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk, Hersteller von Ozempic und Wegovy, zählt inzwischen zu den wertvollsten Unternehmen Europas. Allein 2024 explodierte die Nachfrage derart, dass es in den USA und Europa zeitweise zu Lieferengpässen kam. Die Diskussion um mögliche Langzeitfolgen hat der Euphorie bislang keinen Abbruch getan, ebenso wenig wie der hohe Preis der Medikamente, der je nach Dosis und Anbieter bei bis zu 1.300 US-$ pro Monat liegen kann.
Boom beim Online-Gaming
Dennoch ist die Theorie nicht ganz wasserdicht. Denn obwohl Vegas mit Besucherschwund kämpft, boomt das Online-Glücksspielgeschäft wie nie zuvor. Im ersten Quartal 2025 erzielte die US-Online-Gaming-Industrie einen Umsatz von 6,19 Milliarden US-$. Das entspricht einem satten Plus von 26,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Marktanteil kletterte auf rekordverdächtige 32,8 Prozent.
Die Spieler sind also keineswegs verschwunden, sie haben einfach nur das Spielfeld gewechselt. Dazu passt auch ein weiterer Trend: Das Durchschnittsalter der Glücksspieler sank binnen weniger Jahre von 50 auf 42 Jahre, und die neue Generation wettet scheinbar lieber mit dem Smartphone als vor Ort im Casino.