Pokeri mit Seti 9-2016

HOME PokerForum Strategie Pokeri mit Seti 9-2016

Dieses Thema enthält 10 Antworten und 4 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Seti vor 3 Jahre, 7 Monate.

Ansicht von 11 Beiträgen - 1 bis 11 (von insgesamt 11)
  • Autor
    Beiträge
  • #396608

    Seti
    Teilnehmer

    Poker ist Mathematik

    Angeregt durch den Artikel über Claudico
    http://www.pokerfirma.com/news/claudico-nachfolger-soll-poker-pros-schlagen/395435
    habe ich mich diese Woche für dieses Thema entschieden. Auch wenn einige Spieler nach Bauchgefühl oder nach (subjektiven!) Erfahrungen Entscheidungen treffen, ist ein mathematischer Ansatz immer korrekt. Alle Faktoren in einer Hand, z.B. „der blufft doch immer“, lassen sich als Parameter für einen Algorithmus verwenden, mit dem dann eine korrekte Entscheidung berechnet werden kann.

    Claudicos Edge

    Claudico hat den Vorteil, dass er zu jedem Zeitpunkt in Bruchteilen einer Sekunde, oder zumindest innerhalb ein paar Sekunden, nahezu unendlich viele Berechnungen mit beliebig komplexen Algorithmen durchführen kann. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis diese Gesamtheit der Algorithmen geeignet sind jeden menschlichen Gegner zu schlagen.

    Wir haben diese Fähigkeit nicht, können aber durch Analysen von Händen unsere Edge steigern. Durch das regelmäßige Berechnen von Spots in der Nachanalyse von gespielten Sessions, prägen sich mathemathische Situationen in unser Gehirn ein, die wir bei Bedarf abrufen können. Ingame fällt es uns dann leichter in der befristeten Zeit eine korrekte mathematische Abschätzung zu treffen. Heute gehe ich beispielhaft auf ein mathematisches Problem ein, welches ingame aufgrund der befristeten Zeit nicht lösbar wäre, bei dem aber das einprägsame Resultat problemlos ingame angewendet werden kann.

    #396609

    Seti
    Teilnehmer

    Das mathematische Problem

    Wir wollen bestimmen, wie häufig wir in einem bestimmten Spot bluffen sollen. Wir nehmen an, dass uns keiner der folgenden Leaks bei Villain bekannt ist:

    – Villain ist Calling Station, dann macht bluffen wenig Sinn
    – Villain foldet auf Riverbet „alles ausser die Nuts“, dann sollten wir immer bluffen

    Es geht also um einen guten Gegner, der bessere Hände noch folden kann (sonst würden wir ja nicht bluffen), oder um unknown, bei dem wir seine Action auf unsere bluff-bet nicht einschätzen können.

    Way ahead / way behind

    Ein guter Spot für dieses Problem ist der Spot, in dem wir von Villain annehmen können, dass er sich in einer way ahead / way behind Situation befindet. Er muss also davon ausgehen, dass er kaum EQ hat oder beat ist, wenn hero einen bestimmten Teil seiner möglichen Range hält, andererseits, wenn hero den anderen Teil seiner Range hält, hero kaum EQ hält oder bereits beat ist. Diese Problematik lässt sich sehr gut anhand des A-K-Q-games darstellen.

    #396611

    Seti
    Teilnehmer

    Das A-K-Q-game

    Hero ist der Attacker PlayerA und villain der Defender PlayerD. Zu Beginn zahlt jeder 1 (Währung lasse ich jetzt mal weg) in den Pot und der Pot beträgt damit 2. Jeder bekommt jetzt eine Karte aus dem Deck, welches nur 1xA, 1xK, 1xQ enthält. Der Attacker hat als einzige Entscheidung, ob checked, dann ist das Spiel zu Ende und die bessere Hand gewinnt, oder ob er 1 betted. Der Defender hat als einzige Entscheidung, ob er auf eine bet called, der Pot ist dann 4 und die bessere Hand gewinnt, oder ob er folded und PlayerA gewinnt. Ein Raise würde in einer way ahead / way behind Situation keinen Sinn ergeben.

    Optimale Strategie

    Da wir voraussetzen, dass wir kein entsprechendes Leak bei PlayerD kennen, ansonsten wäre exploitive Play die richtige Wahl, suchen wir die optimale Strategie mit der wir uns unabhängig von PlayerD Action machen.

    Für PlayerA gilt
    – mit A wird zu 100% gebetted, p(bet) = 1,0
    – mit K wird zu 100% gechecked, p(bet) = 0,0
    – für Q wird die optimale bluff-freq gesucht, p(bet) = ?

    Für PlayerD gilt
    – mit A wird zu 100% gecalled, p(call) = 1,0
    – mit Q wird zu 100% gefolded, p(call) = 0,0
    – für K wird zwischen p(call) = 1,0 und p(call) = 0,0 gecalled (sonst Leak)

    Die Gründe für diese Annahmen sollten klar, weil eindeutig sein. Aus Gründen der Deception sollten Value-Bet und Bluff-Bet das gleiche Sizing haben, in diesem Beispiel wird jeweils halbe Potsize gebetted. Um es vorwegzunehmen, die Berechnungen werden später noch anschaulich dargestellt, die optimale Bluff-Freq ist exakt 1/3. Tatsächlich hat hero in diesem Spot sogar longterm +EV bei optimaler Strategie ohne das es Villain möglich wäre dem etwas entgegen zu setzen

    In den Anhängen sind die Berechnungen und Erklärungen zu diesem Thema beigefügt.Wer will kann also selber ein bischen probieren.

    Attachments:
    You must be logged in to view attached files.
    #396616

    Seti
    Teilnehmer

    und zum Nachvollziehen, die Tabelle im Anhang.

    Wie immer gilt: Bei Fragen einfach posten. Feedback ist unbedingt erwünscht.

    Schönes WE
    Seti

    Attachments:
    You must be logged in to view attached files.
    #396740

    kovinator
    Keymaster

    Sehr geil Seti!
    Ich kannte das A-K-Q Game nicht. Deine beschriebene optimale Strategie macht aber sehr viel Sinn 😉

    #396800

    Seti
    Teilnehmer

    @kovinator
    danke für das feedback. auf dich ist verlass 😛

    das A-K-Q-game ist perfekt für die abbildung einer way ahead / way behind situation. für diese situation gilt:

    aus sicht des defenders
    – attacker hält in grob 50% eine range gegen die defender beat ist oder nur wenig EQ hält
    – attacker hält in grob 50% eine range die defender beated und attacker nur wenig EQ hält

    die optimale bluff-freq mit 1/2 potsize für attacker ist exakt 33%

    der attacker runned bei optimaler strategie +EV

    deutliche abweichung von der optimalem strategie machen attacker’s strategie angreifbar:
    – zu wenig bluffs -> defender kann immer folden
    – zu viele bluffs -> defender kann immer callen

    weiteres feedback, auch von anderen, welcome

    #397938

    Seti
    Teilnehmer

    ein bischen mehr response wäre schon schön 😥

    liest überhaupt noch jemand, ausser kovi, meine artikel?

    #397940

    kovinator
    Keymaster

    Keine Ahnung Seti, ich lese sie aber dafür mehrmals am Tag 😛

    #397944

    phillo283
    Teilnehmer

    Ich will ehrlich sein, ich lese es und finde es auch interessant, aber ich spiele nur MTT`s und das meistens wirklich Multitabling und mir persönlich hilft es nicht weiter, mich tief in diese Materie zu stürzen, zumal ich auch nicht die Zeit habe, daher bin ich für diese Art von Betrachtung der falsche Abnehmer. Vielleicht habe ich selber auch schon zu viel gelesen und bin daher überlesen und kann nicht mehr filtern.^^

    #397945

    Tyro73
    Teilnehmer

    Hi Seti,

    klar, ich lese fleißig. Nur mit dem Schreiben ist’s ein bißchen knapp, weil ich meist etwas länger für die Ordnung meiner Gedanken brauche.

    Interessanterweise habe ich bei deiner Frage, wie oft man hier bluffen sollte, sofort mit 1/3 geantwortet. Als ich dann weiterlas und ich damit richtig lag, war ich einerseits froh, dass ich ein „intuitives, mathematisches Gefühl“ habe, aber ich gebe zu, dass ich glaube dann nicht mehr alles im Detail verstanden zu haben.

    Ich nehme für mich aus dem Artikel mit, dass
    1. in way-ahead-way-behind-Situationen eine Bluff-Frequenzy von 33% die (annähernd) optimale Strategie ist
    2. Eine Abweichung nach oben oder unten immer zu Lasten des Aggressors geht -> auch ein tighter Spieler MUSS (in diesen Spots) 1/3 seiner Hände bluffen, um langfristig +EV zu sein

    Habe ich das soweit richtig verstanden?

    Hast du ähnlich Überlegungen schon für Flush- und Straight-Draws gemacht? Mit welchem Prozentsatz sollte ich z.B. bluffen, wenn mein Gegner ein OP hält und ich mir überlege, ob ich ihn im Falle einer passenden Riverkarte (FD oder SD angekommen) noch von der Hand bekomme?

    Gruß
    Tyro

    #397968

    Seti
    Teilnehmer

    danke für das feedback!

    @tyro73

    um die ausgangsituation nochmal zu verdeutlichen:

    – attacker weiß: dass er beat ist und (geht davon aus,) dass defender auf river bet folden kann
    – defender beated mit seiner hand grob 50% der attacker range und ist von attackers range grob 50% beat
    – für defeneder ergibt sich eine klassische way ahead / way behind situation

    – solche spots ergeben sich auch schon vor dem river, wenn attacker oder defender nur sehr geringe EQ haben

    um optimal zu runnen bluffed man hier in 33%. defender kann dann nicht adapten und attacker runned +EV. attacker könnte bei leak von defender natürlich besser +EV runnen, wenn leak bei defender bekannt ist.

    zu deinen draw überlegungen:
    – hier ergeben sich auch way ahead / way behind spots
    – hier ergeben sich aber auch andere spots, für die andere „gesetze“ gelten

Ansicht von 11 Beiträgen - 1 bis 11 (von insgesamt 11)

Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.