Kolumnen

„Welt der Wunder“ und die fünf lukrativsten Glücksspiele

Erst beim Intelligenztest besser abschneiden wie eine handelsübliche Druckpatrone und schon dürfen Sie ihr Redakteurs-Büro beziehen. Mit einem nach EU-Recht gültigen Hauptschulabschluss bekommen Sie vielleicht noch ein kleines „wissenschaftliches“ Labor hinter Ihrem privaten Waschraum. Dort untersuchen Sie dann für „Welt der Wunder“ die Wunder dieser Welt und alles wird wunderbar.

Weniger wunderbar und weniger überraschend die Präsentation der aktuellen Sendung. In einem knapp dreiminütigen Beitrag wurden die „lukrativsten Glücksspiele“ abgehandelt. Verpackt in eine dieser absurd willkürlich Top-Listen. Wenn sich geistiger Unrat mal in die „Plätze 1-5“ sortieren lässt fehlt nur noch Oliver Geissen. Aber der kam nicht – immerhin ein Plus. „Wir haben uns die einzelnen Glücksspiele mal genauer angesehen und für Sie die Top 5 der Gewinnchancen zusammengestellt“ so das vollmundige Versprechen des Moderators. – Da zückt man als chronisch überarbeiteter Chefredakteur dieser tatsächlich wunderbaren Seite gerne mal den Bleistift und erträgt auch so manche Werbepause ohne zu jammern.

Doch so schnell wird nicht geschossen und schon gar nicht gesendet. Erst durfte ich zwei attraktiven Zwillingen (oder müsste es schlicht heißen „attraktiven Zwillingen“) beim Koma-Saufen zusehen. Selbstverständlich im Namen der Wissenschaft und unter Aufsicht des betreuenden Fachredakteurs. Was hilft wirklich gegen den Kater danach und wo bitte geht es zu den Anonymen Alkoholikern? Im nächsten Beitrag gab es Aufklärung zum Thema: Bomben bauen mit alltäglichen Haushaltsmitteln. Selbstverständlich nicht zur Nachahmung empfohlen und getragen von dieser exklusiven Verlogenheit des Privatfernsehens. Verantwortung wird aus dem „off“ deklariert und gleichzeitig in Bild und Ton verletzt. Wieder ein paar Kinder mehr, die wissen wie man mit Haarspray und Mehl das Kinderzimmer abfackeln kann. Wenn dann alles kaputt ist, kommt die dicke Vera und baut alles wieder auf und wir dürfen vor den Bildschirm sitzen und ein bisschen weinen.

Lotto
Lotto

Dann ging es – nach einer weiteren Werbepause – auch tatsächlich los. „Auf Platz 5 der lukrativsten Glückspiele…“ . Lotto spielen ist also doch nicht so schlau, wie ich immer dachte. Laut Moderator steht das mit dem großen Los 139.838.160:1. Das hat er wahrscheinlich in seinem Labor (hinter dem Waschraum) ausgerechnet – wahrscheinlich im Kopf. Vom Blitz getroffen werden sei – soweit der tröstliche Gedanke – immer noch 45-mal wahrscheinlicher. Kann man das auch im Doppelpack buchen? 45 Blitze, ein großes Los und zwei alkoholisierte attraktive Zwillinge. RTL-2 Zuseher, was willst du mehr? – Doch weiter geht es in der angewandten RTL-Mathematik. Das obligate Schirm-Beispiel musste auch noch im Namen der „Welt der Wunder“ herhalten. Schließlich wollte der Moderator doch zeigen, was er wohl selbst nicht so ganz verstanden hatte: „Wenn ich in Hamburg meinen Schirm verliere und wahllos wen anrufe, ist es genauso wahrscheinlich, dass…“. Danke! Den Rest kennen wir. Obwohl ich hätte da noch eine Zusatzfrage. Gibt es jetzt wo der HSV ganz oben steht 139 Millionen Hamburger? Und wenn ich meinen Schirm in Wuppertal verliere, wen rufe ich dann an? Oder kaufe ich mir dann besser ein Los – oder doch eine Dose Haarspray?

Poker

„Platz Vier der lukrativsten Glücksspiele…“ unser geliebtes Poker. Illustriert die ganze Sequenz von ein paar dümmlich lächelnden Modellen, die halbwegs gekonnt fünf Karten in der Hand hielten.
Scheinbar tagt der Wissenschaftsbeirat von „Welt der Wunder“ seit Jahrzehnten in Permanenz und das auf einer streng abgeschotteten Vulkaninsel. Der Niedergang des Draw-Pokers ist aus diesen verständlichen Gründen offenbar noch nicht Teil des Redaktionswissens. Immerhin weiß der Moderator, dass „gewiffte Spieler zur gegebenen Zeit bluffen. Sie geben als nur vor, gute Karten zu haben“. Tja mancher blufft am Kartentisch, mancher aus dem Fernsehstudio und mehr gab es dann auch nicht zu dem Thema. Quasi ein recherchemäßiges All-in.

„Platz Drei der lukrativsten Glücksspiele: Black Jack“ – „auch als 17 und 4 bekannt“. Habe ich eigentlich schon von der Vulkaninsel erzählt? Jedenfalls bei Black Jack sei das Ziel des Spieles eben besagter „Black Jack“ – ist ja auch ein viel hehernes Ziel als beim Pokern. Da geht es darum den Dealer erschrocken anzusehen, wenn er sich hinsetzt und ihm leise Flüche hinterher zu schicken, wenn er nach dreißig Minuten wieder geht. – „Welt der Wunder“ besitzt aber auch richtig insidermäßiges Insider-Wissen: „Ganz ausgebuffte Spieler merken sich die Karten – Wer Karten zählt fliegt raus. Die Kasinos erkennen diese Spieler sofort!“. Klar tun sie das. Die Kasinos wissen alles. Wer wegen Unterforderung aus der Hochbegabten-Gruppe der Sir Karl Popper Schule fliegt wird automatisch zur Saalaufsicht im nächst gelegenen Kasino eingeteilt. – Deswegen lässt sich Andy Bloch auch so selten in Warnemünde blicken.

„Platz Zwei der lukrativsten Glücksspiele“ wenig überraschend „Spielautomaten“. Schließlich seien die Gewinnchancen „berechenbar“ – und das Risiko ebenso. Man muss nur zur richtigen Zeit kommen, dann können Spielautomaten höchst lukrativ sein. Nun da fehlen mir doch fast die Worte. Wer sitzt da wohl im akademischen Beirat von „Welt der Wunder“? Tim Toupet und Jürgen aus dem Big Brother Haus? Vielleicht bedeutet „berechenbar“ – Bankkonto mal Überziehungsrahmen dividiert durch verfügbaren Freigang aus der betreuten Anstalt ist gleich Profit. – Keine Ahnung, will das jetzt weiter ausrechnen. Soviel Zeit habe ich nicht. Schließlich will ich heute noch die Früchtepermanenzen für meinen Lieblingsautomaten in ein die Varianz abfederndes Trackerprogramm stopfen.
„Platz Eins der lukrativsten Glücksspiele Roulette“ – STOP! Ich weiß es wirkt weder reif noch besonders erwachsen. Ich habe das Fernsehgerät prompt abgeschaltet und RTL-2 aus meinen Programmen gelöscht – DSF, arte, 3-Sat und Playboy TV reicht für alle Lebenslagen. Mir hat einfach die Kraft gefehlt, einer weiteren Erklärung meine Aufmerksamkeit zu schenken. Für erste werden sämtliche „Wissenschaftsendungen“ bestreikt – außer Nobelpreis-Kandidat Uri Geller ist dabei. Als televisionärer Kritiker tauge ich einfach nicht. Man kann nicht alles können und jetzt ziehe ich los und verliere meinen Schirm. Mein Handy habe ich auch dabei. Wenn die zwei attraktiven Zwillinge zwei getrennte Telefonnummern haben steht das dann irgendwie 139 Millionen dividiert durch zwei – außer natürlich die beiden wohnen in Wuppertal. Immerhin 27-mal wahrscheinlicher als vom Blitz getroffen zu werden, oder umgekehrt? – Egal.


11 Comments
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Nils Lehmensiek
11 Jahre zuvor

🙂

LaFreTie
11 Jahre zuvor

Eines der besten Kommentare die ich je gelesen habe. Danke Götz. Ich habe Tränen gelacht. Danke. Danke.

schallundrauch
11 Jahre zuvor

dont try so hard to be funny

CheztaOne
11 Jahre zuvor

n1 8)

Angela
11 Jahre zuvor

Und das kam tatsächlich so im Fernsehen??? OMG ^^
Danke für die Kritik, die ist hervorragend gelungen!

Jürgen
11 Jahre zuvor

Ich glaube man bewertet den Beitrag viel zu hoch, wenn man ihm soviel Aufmerksamkeit schenkt…

Angela
11 Jahre zuvor

@ Jürgen: Bei mir ist es nur die Verwunderung über den Schwachsinn, der da als wissenschaftlich dargestellt wird… ansonsten ist mir der Beitrag ziemlich egal.

gotsol
11 Jahre zuvor

HaHa Hart!!!

Welt der Wunder, da wundert einen nix mehr!

Gelungene Kritik! trifft direkt mitten ins schwarze!!!

SeRS
11 Jahre zuvor

bin normal niemand der auf sowas antwortet abba danke dieser artikel hat mein leben reicher und lebenswerter gemacht!!! auch ja bei Tim toupet und jürgen da darf man den guten Slatco net vergessen

ohlsen08
11 Jahre zuvor

haha-hab die sendung nicht gesehen.kann sie mir aber genaustens vorstellen. sehr schöne kritik!!

Daniel
11 Jahre zuvor

Ein herrlicher Artikel! Vielen Dank hierfür.