Kolumnen

Bright in Brighton?

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Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit unserer Performance. Wir spielten der Struktur angepasst vorsichtigen, technisch soliden Poker. Tight und vor allem aggressiv hielten wir unsere Stacks um den langsam steigenden Average und konnten so vom Ausscheiden mancher Nation profitieren ohne selbst im Risiko zu stehen. So verabschiedeten sich die spielerisch starken und topplatzierten Ungarn sang und klanglos ohne einen einzigen MTT Punkt.

Die Team Captains

Mich wundert heute noch, dass keine andere Nation eine klare übergeordnete Strategie verfolgte. Alle spielten als ob es sich um ein normales Pokerturnier handelte. Doch das war es bei Leibe nicht.

In normalen Turnieren verteilt sich der Löwenanteil der Preisgelder auf die allerersten Plätze. Hier wurden die Punkte aber wie folgt verteilt:

16 Punkte für den Ersten
15 Punkte für den Zweiten
14 Punkte für den Dritten

2 Punkte für den Fünfzehnten
und
1 Punkt für den Sechszehnten

Es gab also 136 Punkte zu verteilen. Um bei gegebenen 28 Teilnehmern eine solchen Preispool zu generieren, hätte ein Buyin etwa 5 Punkte gekostet. Die Payoutstruktur eines Standardturniers wäre dann vielleicht in etwa so ausgefallen:

50 Punkte für den Ersten
35 Punkte für den Zweiten
25 Punkte für den Dritten
15 Punkte für den Vierten
und
11 Punkte für den Fünften

Der Unterschied ist gravierend. Spielen wir auf „Sicherheit“ und bringen damit drei Spieler eher short an den Finaltisch, so ist dies im klassischen Turnier eine dumme Strategie. Denn vermutlich kommt dann nur einer und dieser knapp in die Punkte. Mit erwartungsgemäß somit vielleicht 15 Punkten kommt man aber nicht weit.

Ganz anders hier: Lasse ich vorsichtig spielen und verlieren wir wie oben auf dem Weg zum Finaltisch einen Spieler, so haben wir 8+9+10 also 27 Punkte für die drei verbleibenden Spieler sicher. Dazu haben wir drei „Shots“ und massiv strategische Schlagkraft, da wir konzertiert arbeiten können. Je nach Situation können wir entscheiden, welcher Stack von uns gegen welche Nation at Risk gestellt werden darf/kann/muss.

Und nun der eigentliche Clue: Immer wenn irgendjemand ausscheidet, gewinnt diese Strategie. Warum? Weil sie am meisten Spieler im Rennen hat! Das Turniersystem von Brighton beschert jeder Nation pro aktiven verbleibenden Spieler einen Punkt. Damit haben Nationen mit vielen Spielern im Rennen den besten Hebel. Ein Beispiel:

Am realen Finaltisch saßen 3 Iren, 2 Schotten, 1 Franzose, Jürgen und 1 Engländer
Es schied gleich der Franzose aus. Damit war England und uns ein weiterer Punkt sicher, den Schotten aber 2 und den Iren gleich 3. Wir verlieren also beim Ausscheiden irgendeiner Nation gegenüber den Nationen, die mehr Spieler am Start haben.

Stephan coacht Jürgen

Ärgerlich ist, dass wir bewusst auf diese Situation abgezielt hätten, die Iren hingegen sich dorthin verir(r)t hatten. Dem ist wirklich so. Sie callten von Anfang des Turniers an jeden All In mit jeder Hand und sagen dann die Nationalhymne. Zu Beginn der jeweiligen Hand mit Mut, am Turn mit Zuversicht und am River mit Recht. Leider.

So kam es, dass wir zwar als einzige Nation vier Spieler in die Punkte brachten, aber bis zum Finaltisch erst Jan, dann Silke und schließlich Thomas in Preflopduellen mit allesamt aktiv gespielten 50%, 70% und nochmal 50% Szenarien verloren. Allein Jürgens 70%er hielt. Immerhin.

Die Finaltischbesetzung habe ich bereits erwähnt. Ich möchte noch eine interessante Situation beschreiben. Nachdem der Franzose und der Engländer raus waren, saßen die letzten sechs Spieler so:

Seat 1: Irland
Seat 2: Irland
Seat 3: Irland
Seat 4: Jürgen für Deutschland
Seat 5: Schottland
Seat 6: Schottland

Jürgen war der Shorteste und der Big Blind nahte. Bronze war sicher, Gold fest in irischer Hand, nur wenn unmittelbar als nächstes ein Schotte flog und Jürgen auch den anderen Schotten überlebte, war noch Silber drin. UTG stellte er mit A9 ein und wurde nach zwei sofortigen Folds der Schotten  durch einem irischen Call samt grün schimmernden Board versenkt.
Die Situation ist verzwickt. Durch das suboptimale Seating hat Schottland fast immer Position auf Jürgen. Falls Schottland um die Situation wusste – was nicht unwahrscheinlich ist, da sie einen guten Captain hatten – ist Silber praktisch unerreichbar, weil die Schotten es aussitzen. Sie haben alle Vorteile auf ihrer Seite. Mehr Jetons, Position und, sobald zwei Iren aussscheiden, Silber gesichert, weil sie wie oben beschrieben vom Ausschieden dritter Nationen gegenüber uns gewinnen.

Dritter Platz für Deutschland

Als Variante zum UTG Push hätte sich angeboten zu folden und zu hoffen, dass in diesem Spiel, wenn, dann nur ein Schotte ausscheidet. Danach ein Schotte ins Spiel einsteigt und wir diesen mit „any Two“ aussucken. Ich halte diese Alternative für recht close zur Push-Entscheidung. Letztlich musste Jürgen zwischen Pest und Colera entscheiden. Ziel muss es jedenfalls sein, isoliert gegen einen Schotten anzutreten…
Hat vielleicht jemand eine dritte Meinung oder sogar eine optimale Lösung parat? Viel Spass beim kalkulieren…

Zahlen zocken – Könner Kalkulieren
Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

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