Kolumnen

Der letzte Deutsche in London

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Ebenso wie im Vorjahr waren 362 Spieler bereit – oder fanden jemanden, der für sie bereit war – 10.000 Pfund gegen etwas gestanzten Kunststoff zu tauschen. Fünf Tage, knapp 60 Stunden reine Spielzeit, später, ist alles, was rund ist, auf John vereint. Hut ab, ein wahrer Champion.

Jan und Stephan
Jan und Stephan

Wie hart ein Turnier auf diesem Niveau auch für die Spieler ist, durfte ich hautnah erleben. Anfang September war die Teamformation „Aces Up“ unseres Projektes „PokerProStartup.net“ als amtierender EPC Teamchampion nach Berlin zum Betfairclubchallenge Finale geladen worden. Alle Acht von uns platzierten sich tief im besten Drittel der 320 Starter. Einer – Jan Schwarz – wurde gar Erster und gewann den Seat für die John Juanda Show.

Als Trainer dieser Zusammenstellung von ambitionierten Pokerspielern flog ich natürlich mit nach London und es war mein Job, Jan so gut als nur möglich zu helfen. Über Taktik brauchten wir nahezu nicht sprechen. Jan weiß, wie man pokert. Es ging darum, in diesem Langstreckenrennen der Superlative, den Überblick zu behalten, fokusiert zu bleiben und v.a nicht verrückt zu werden. So witzig das klingen mag, ich bin der Überzeugung, dass in einem Turnier mit solch hochkarätiger Besetzung Überlegenheit nicht primär durch Spieltechnik, sondern durch physische und psychische Stärke und Ausdauer entsteht.

Ich habe folgendes Spiel von Gus Hansen, einen Spieler, den ich sehr schätze, gesehen:
Der einzig evident schwache Spieler am Tisch raist aus UTG. John Pham unmittelbar in UTG+1 callt. John Juanda in UTG+2 foldet. Hansen im Highjack und der Button, ein besonnener (wahrscheinlich auch namhafter, mir aber unbekannter) TAG callen. Jan foldet seinen BB. Ich behaupte schon hier, dass alle drei Caller, v.a. ihr gegenüber dem UTG überlegenes Postflopspiel in die Waagschale werfen wollten. Nun kommt der Flop mit König hoch gefolgt von zwei kleinen Karten; zwei Karten in Herz. UTG spielt 1.300 auf den etwa 4.000 großen Pot an, was Pham und Hansen callen. Der Button geht auf knapp 8.000, was UTG via All In callt. Pham foldet, Hansen muss etwa 6.500 bringen und hätte danach noch knapp 10.000 behind. Er wird vom Button gecovert. Er callt. Der Turn blankt, Hansen checkt und der Button schiebt All In. Darauf foldet Hansen seinen Nut Flush Draw (Ah 5h) offen. Der Showdown von UTG offenbart AK, also TopTop, der Button zeigt 77, was am Flop zum Midset geworden war. Der River blankt für die aktiven Spieler mit der 4h, was Gus nicht unbedingt als Blank bezeichnet hätte, wäre er noch im Spiel. Dass er nicht mehr im Spiel war, ist nicht zu diskutieren, ein klarer Fold am Turn. Aber sein zweiter Call am Flop ist mir völlig schleierhaft.

Gus Hansen bei der WSOPE
Gus Hansen bei der WSOPE

Hatte er die Outs für die sich bietenden Odds?
Er musste 6.500 bezahlen um 15.700 (4.000 + (4 x 1.300) + 6.500) gewinnen zu können. Damit sich das rechnet, muss er an knapp 30% Gewinnwahrscheinlichkeit geglaubt haben.

Wie soll das gehen?
Er braucht ca. 15 Outs, falls er meint, nur eine Karte zu erhalten. Die hat er definitiv nicht.
Falls er glaubt, für 6.500 Turn und River zu erhalten, braucht er nur ca. 8 Outs. Die hat er. Doch das Spiel offenbarte, dass er keine zwei Karten bekommt (Button ging am Turn nicht sehr überraschend All In.)

Wie kann man diesen Call retten?
Ein Float? Nein. Hansen hat am Turn nicht geblufft und es hätte auch keinen Sinn gemacht, da UTG  bereits All In war.
Hansen muss wohl aus irgendwelchen Gründen an zwei Karten oder volle implied Odds geglaubt haben.

Aus meiner Sicht ist dieser Call schlichtweg fehlerhaft und zeigt, dass selbst unbestrittene Weltklassespieler im Kontext eines solch großen Turniers offensichtliche Fehler von großer Tragweite (6.500 ist fast ein Drittel der Startchips) unterlaufen können. Da ich überzeugt bin, dass einem Gus Hansen obige einfache Überlegungen sonnenklar sind, muss ihn irgendein anderer Teufel geritten haben, dass er tat, was er tat und dafür bezahlte.

Zurück zur eigentlichen These. Edge auf spielerischer Basis zu finden, ist echt hart, wie obiges Beispiel zeigt. Ist mal einer als schlecht ausgemacht, stürzen sich gleich drei Pros auf sein potentiell suboptimales Postflopspiel und entscheiden dabei selbst grenzwertig. Doch wer will das rausfinden, EHE es geschieht? Das Niveau ist einfach zu hoch, um nachhaltig nur mit cleveren Fold – Call – Raise – Entscheidungen das Gegnerfeld, Rake und die Reisekosten schlagen zu können (Doch genau das wollen wir bei PokerProStartup.net).

Ein weiteres Beispiel soll zeigen, worauf es neben taktisch gutem Spiel ankommen kann.

Jan Schwarz
Jan Schwarz

Jan saß im BB, als es zu einem denkwürdigen Battle of the Blinds kam, den Pokernews anschliesend „The Schwarz Stare“ taufte.
Der Small Blind fühlte auf und Jan checkte. Am Flop kam KT5 in zwei Farben. Praz Bansi, spielt an, Jan raist, Praz reraist. Jan kommt over-the-top, ein quasi All In für SB. Jetzt vergehen gefühlt Stunden. Die Spieler sitzen auf den Seats 5 und 6, was sie eng zueinander bringt. Jan starrt auf Lineallänge dem Braceletgewinner ins Gesicht. Alles erstarrt mit den beiden. SB schmeisst weg, mancher Zuschauer klatscht.

Das Interessante kommt allerdings erst jetzt. Obwohl Jans Gegner nur knapp 30% seines Stacks eingebüßt hat, war sein Turnier gelaufen. Er taumelte noch ca. 30 Minuten durch seltsame Spiele, ehe einer der Geier am Tisch zuschnappen konnte. In solchen Situationen liegt das eigentliche Edge auf Weltklasseniveau: Eigene Niederlagen abschütteln zu können und ruhig weiterzuspielen; sich bietende Gelegenheiten zu erkennen, zum Assgeier zu werden und zuzuschnappen.

Daniel Negreanu hat mich diesbezüglich besonders beeindruckt. Ihn habe ich nie in einem Loch gesehen, er war jeden Tag, jede Stunden, ja jede Minute präsent, schwer anzugreifen und immer bereit zuzuschnappen. Er wurde Fünfter.

Auch und gerade John Juanda war schon früh auffallend. Was Daniel über Show macht, macht er über kontinuierliche Aufmerksamkeit. Er ist fokusiert. Er kann einen solchen Marathon auf stetem hohen Konzentrationslevel durchlaufen. Er meistert die Todesfallen Gier, Stolz, Ungeduld, Wut, Müdigkeit, Unaufmerksamkeit, Überheblichkeit, …

Beiden gemein ist, dass Sie v.a durch das bestechen, was sie NICHT tun. Denn im Doing ist das Feld recht ausgewogen.

Auch Jan machte sich gut. Er bestand im Feld der Besten. Er beendete das Turnier als 42., bester  Deutscher, kurz vor dem Bubble. Gratulation, ein wirklich achtbarer Rookie auf der Weltbühne.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.eu

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