Kolumnen

Die Wahrheit – Legal, Illegal – Scheißegal

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Im Überfluss haben die US-Amerikaner auch sonst vieles, wo Bewohnern anderer Staaten der Schnabel trocken bleibt. Fernsehsender, Rapper, Fast Food Ketten, Amokläufer, Fettleibige, Magersüchtige und Brad Pitt. Und Gesetze. Viele Gesetze. Sehr viele Gesetze. Unglaublich sehr viele Gesetze. Sehr viele unglaubliche Gesetze.

Viele sind zum Schutz des Staats, auf die ich hier nicht näher eingehen will, weil sonst wohl die Serverkapazitäten hier gesprengt würden, und einige zum Schutz des Burgers, äh, Bürgers. Hier gibt es nette Kuriositäten, da die USA ja eine Föderation sind wodurch es, ähnlich wie in Deutschland, sowohl Bundes- als auch Ländergesetze gibt. Der Humorist Ephraim Kishon formulierte einst vortrefflich: „In den USA gibt es Staaten, in denen sich eine Frau nicht prostituieren darf. In anderen Staaten darf sie und in einigen muss sie.“ Wichtige Dinge sind auf Bundesebene geregelt. Z.B. darf in den ganzen USA nicht öffentlich Alkohol konsumiert werden (man muss sein Bier zum unsichtbar machen in eine Papiertüte stecken, dann ist es ok) dafür darf man sich, sobald man 18 ist, beliebig Schusswaffen kaufen. In ein Casino darf man erst mit 21, denn da sollte man schon etwas reifer sein. Bundesweit darf man Unternehmen verklagen, die einen heimtückisch töten wollen, wie Zigarettenhersteller oder den Produzenten des Mikrowellenofens, der vergessen hat in der Gebrauchsanweisung darauf hinzuweisen, dass sein Gerät nicht zum Trocknen frisch gebadeter Babys geeignet sei (wobei ich bezweifle, dass der Mutter, die das fertig gebracht hat, dadurch geholfen gewesen wäre). Andere Kleinigkeiten wie die Todesstrafe sind regional geregelt. Übertragen wir das gedanklich mal nach Deutschland…Richter: „Tja, Herr Schulze, hätten Sie Ihre Frau in Hamburg gevierteilt, wären Sie mit 15 Jahren davon gekommen, aber hier in Bremen schicken wir Sie auf den elektrischen Stuhl.“ Köstlich!

Casinos sind nur in Nevada und New Jersey erlaubt. Vielleicht ist deswegen Nevada einer der Staaten, in denen Prostitution verboten ist, um die Laster wenigstens in einer Richtung zu beschränken. Clevere amerikanische Unternehmer suchten nach Lücken im Gesetz, um neue lukrative Casinostandorte zu schaffen (Merke: Wo viele Gesetze da auch viele Lücken) und wurden auch fündig: Ist das Casino auf dem Wasser, dann ist jeder Standort legal.

Dadurch entstanden Casinodestinationen deren Popularität teilweise nicht nachvollziehbar ist. Tunica- Mississippi ist eine davon. Die Region besticht durch nichts, außer dass ein gezeitenfreier Nebenarm des Mississippi und billiges Bauland vorhanden sind. Die „Casinoboote“ liegen ihr Leben lang fest vertäut auf 20cm Brackwasser. Infrastruktur außerhalb der Casinos ist nicht existent. Während eines Aufenthalts bei der World Poker Open wollte ich mir mal die Gegend ansehen und musste 30 km fahren, bis die erste Ortschaft in Sicht kam. Trotz dieser zentralen Lage mitten im Nirgendwo werden dort Milliardengewinne eingefahren.

Ich besuchte auch Gulfport/Biloxi, eine kleine Hafenstadt ca. 100 km östlich von New Orleans. Hier sind auch „Casinoboote „im Hafen fixiert, das Städtchen existierte aber schon vorher und ist dementsprechend sympathischer.

Von solchen Wassercasinos gibt es noch jede Menge, was aber der wirkliche Hit ist, wurde mir erst bei einem Urlaub in San Diego 2002 bewusst. In Kalifornien ist Poker legalisiert, deswegen gibt es dort allerorten Pokerclubs in diversen Größen. Nach 5 Tagen Strand trieb uns die Langeweile auf die Straße, die über den Oceans 11 Pokerclub in Oceanside (freundlich und zweckdienlich) schließlich nach Pechanga führte.

Dort haben die Luiseno Indianer in ihrem Reservat im Temecula Tal ein Casino hingestellt (www.pechanga.com und www.pechanga-nsn.gov). Ich hatte vorher noch nie etwas von den Luisenos gehört. Wahrscheinlich, weil sie bis kurz vor die Ausrottung dezimiert, nicht den Bekanntheitsgrad von Sioux oder Apachen erzielen konnten. Jedenfalls sind Indianerreservate ein Staat im Staat, die auch über eigene Gesetzeshoheit verfügen. Nach Jahrhunderten langer Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, wurden, zuerst als Joint-Ventures, mittlerweile in Eigenregie, die Stammeshäuptlinge zu Casinodirektoren. Schön, dass sie überlebt haben und jetzt für den Landraub Rache nehmen können. Denn nicht mit dem Tomahawk, sondern mit der Slotmaschine wird jetzt dem weißen Mann der Skalp abgezogen.

Diese Indianercasinos gibt es mittlerweile überall in den USA. Mit der Zeit gehend hält die Kahnawake Gaming Commission momentan 60% aller Online Lizenzen weltweit. Das Stammesoberhaupt der kanadischen Mohawk Indianer steht auch der KGC vor und garantiert den betrugsfreien Ablauf des Online Spiels. Da kann sich ja mein weißer Arsch sicher fühlen. An dieser Stelle mein herzlicher Dank an:
Mohawk Council of Kahnawáke Grand Chief Michael Ahríhrhon Delisle, Jr.

So, wie steht es denn im guten alten Deutschland?

Hier halten die Länder einträchtig zusammen, wenn es um das Casinomonopol geht. Bei Diskussionen um den Länderfinanzausgleich ist davon weniger zu spüren. Leider ist Poker als Glückspiel deklariert und fällt deshalb unter das staatliche Monopol. Der Dealer Peter S. erklärte mir stichhaltig die Definition des Pokerspiels, der sich offensichtlich auch der Staat angeschlossen hat: „Poker ist zu 90% Glück und zu 10% ist der Dealer schuld.“

Da es zurzeit ja nur etwa 2 Millionen Pokerspieler in Deutschland gibt (Tendenz steigend) ist offensichtlich, dass hier am Bürger vorbei regiert wird. Auch bei günstigster räumlicher und zeitlicher Verteilung finden diese Massen keinen Platz in deutschen Casinos. Was sind die Alternativen?

Die Sachpreis Turniere sind bereits runterreguliert und waren ja sowieso nie so richtig spannend.

Wer bei illegalen Cashgame Betreibern spielt, befindet sich außerhalb der Legalität.
Wer online um Geld spielt, tut dies ebenfalls illegal.

Also kann man nur privat spielen – aber mit wem? Versuchen Sie mal eine Anzeige zu schalten „Spielpartner zum Pokern gesucht.“ Geht nicht, da illegal! Ja was geht denn dann???

Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht können wir auch in Deutschland eine Gesetzeslücke finden. Was ist denn mit den Indianern in Bad Segeberg, könnten die keinen Pokerclub aufmachen? Das muss doch mehr bringen, als die öden Karl-May Festspiele!

Oder gibt es irgendwo Überlebende wie die Luisenos, von denen niemand etwas weiß? Ein stark dezimierter Teutonenstamm, der in der Nähe von Castrop-Rauxel in den Wäldern haust?
Irgendein Bergstamm in einem unzugänglichen Alpental, denen ihr angestammtes Land unrechtmäßig weggenommen wurde, um Skipisten zu generieren?
Steinzeit Ostfriesen, die unbeachtet zwischen Deich und Wasserkante dahinvegetieren?

Wir müssen zusammenhalten, denn sonst bleibt der Großteil aller Pokeraktivitäten illegal und kommt nie aus der Grauzone heraus. Also, wenn Sie irgendwo entrechtete Ureinwohner ausmachen, lassen Sie es mich wissen.

Phillip Marmorstein

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