Kolumnen

German High Rollers – Mein erster Eindruck

Frei nach einem Gedanken von Dieter Nuhr zur aktuellen Finanzkrise tun uns die in den Sand gesetzten 100.000 Milliarden Euro gar nicht so weh. Eine so gewaltige Summe kann man sich einfach nicht vorstellen und – jetzt wird es quasi philosophisch – was man sich nicht vorstellen kann, kann man auch schwerlich vermissen.

Jeder von uns hat schon mal € 4.000 in der Hand gehabt oder kennt zumindest jemand, der jemand kennt, der ihm erzählt hat, wie sich das anfühlt. Wenn Jan Heitmann gleich mal im ersten gespielten Pot diese Summe am Turn reinschiebt und nach einem All-in Raise von Markus Golser folden muss, tut das weh. Man kann mitleiden und vor allen Dingen mitfiebern, weil man weiß, um was es da geht. Im Gegensatz zu Guy Laliberte, der zwar in einer Sendung auch mal $400.000 verdaddelt, aber wahrscheinlich die Summe am Tag verdient (wenn das nicht mal untertrieben ist). Jan Heitmann muss für sein Geld pokerarbeiten oder Talente wie Joey Kelly coachen und da wird der Bezug einfach realer und somit spürbar spannender.

Aber nicht zu hastig. Erst sollte ich Ihnen mal die komplette Gästeliste präsentieren, bevor ich mich zu sehr in Details verliere. Eingeladen waren: Markus Golser, Marcel Luske, Erich Kollmann, Markus Lehmann, Antonio Turrisi, Sven Stiel und Hermann Pascha und außerdem möchte ich noch ein paar Worte über mein Fernsehgerät verlieren. Quasi als mögliches Alibi sollte ich (wieder einmal) ungerecht und unsachlich über Licht und Farben der aktuellen Sendung herziehen. Das Baujahr ist keineswegs verbrieft, gekauft habe ich ihn knapp vor der Fußball WM 1990 wegen der vielen zu erwartenden Farben, nachdem ich den Fall der Berliner Mauer noch in Schwarzweiß erleben durfte, konnte ich nach Brehmes Elfmetertor gegen Argentinien schon weltmeisterlich und „in colore“ jubeln.

Vielleicht – aber nur vielleicht – bin ich somit nicht wirklich auf dem letzten technischen Stand. Jedenfalls war da wieder dieses milchig weiße überstrahlende Licht, das in den Augen schmerzt und mir gruselige Erinnerungen an ebenso gruselige Teresa Orlowsky VHS-Kassetten, die ich seinerzeit im Rausch der Farben – und selbstverständlich versehentlich – in nächtlichen Tankstellen erstanden hatte. Wäre Theresa in all dem Geflirre und Gestrahle aus der Kulisse gesprungen um sich breitbeinig über den Tisch zu schmeißen, rein farbtechnisch hätte es mich nicht weiter verblüfft.

Apropos Frauen – Klischees sind selbstverständlich da, um bedient zu werden, sonst verkümmern sie rasch zu nostalgischen Plattitüden, allerdings wäre ein Vorspann zu einer Pokersendung ohne dekolletierte Blondine nicht mal einen Versuch wert? Quasi als cineastische Revolution der Pokerfilmerei? Mal abgesehen von den wunderschönen dunklen Frauen, die als Behübschung zwischen all den gegelten Frisuren und seidig glänzenden Versace-Hemden auch mal eine Chance verdient hätten.

Aber kommen wir langsam zu den Proponenten dieser historischen Sendung in der (zu Recht) gefürchteten Einzelkritik. Ursprünglich wollte ich ein wenig genauer auf den Punkt „Pokerspieler und ihre Armbanduhren“ eingehen. Allerdings war mir das mangels brauchbarer Kameraperspektiven nicht wirklich möglich. So als gefühlte Ferndiagnose würde ich die Uhr von Markus Lehmann nehmen (aber nur für Ausnahmetage, da ich sonst meiner Daytona selbstverständlich treu bleibe).

Marcel Luske – Wusste was sich gehört und ahnte, warum er eingeladen war. Eine souveräne Vorstellung. Drei Asse, ein Set Jungen, ein Nut Flush am Flop und viele weitere Treffer neben einer kleinen Showeinlage (blind bezahlt vor dem Flop, am Flop und dann am Turn das fürchterliche Checkraise gegen meinen gebeutelten Kollegen Jan Heitmann).

Jan Heitmann – Zumindest in der ersten Episode der tragische Held am Kartentisch und vielleicht gerade deshalb eine starke Vorstellung. Im Lauf kann man leicht gut spielen. Das Kinn hoch zu halten nach bösen Beats, dafür braucht man definitiv Klasse und die hat Heitmann und deswegen braucht man sich um ihn – auch in diesem Format – keine Sorgen machen.

Sven Stiel – Hat das Unmögliche gewagt und beinhart durchgezogen. Der unbluffbare Hermann Pascha wurde mit einer mutigen Wette am River erfolgreich aus dem Pot gejagt. Ein Bravourstück, zu dem es dann leider kein Dacapo gab. Was nicht ist, kann ja noch in einer der kommenden Episoden folgen. Sonst solides gutes Poker und wir hoffen auf weitere Heldentaten.

Markus Golser – Persönlich kennen wir uns kaum und keiner wird den anderen jemals groß vermissen. Allerdings absolut groß und respektabel die Vorstellung von Markus Golser in dieser ersten Episode. Alles richtig gemacht, den Faktor Entertainment nicht vernachlässigt und Cashgame Poker auf Weltklasseniveau. Angstfrei, konzentriert und powervoll und vor allen Dingen instinktsicher und angriffslustig, Hoffentlich ein Fixstarter der German High Rollers.

Antonio Turrisi – Dem würde ich genau das gegenteilige Prädikat verleihen. Unfassbar tight. Würden alle so Poker spielen, würde ich dafür plädieren weltweit alle Kartendecks einzustampfen. Für diesen Typus hat sich der Teufel die „Time Collection“ ausgedacht. Herr Turrisi mag zwar ein untadeliger Gentleman im privaten Leben sein, als Pokerspieler profitiert er von all den anderen, die sich in die Schlacht werfen, um die Action zu generieren, die das Spiel am Laufen hält.

Markus Lehmann – Sitzt da wie ein Pokerspieler. Atmet wie ein Pokerspieler. Bewegt sich wie ein Pokerspieler und der Rest passt auch. Starke Vorstellung. Guter Vortrag. Wie Tommy Lee Jones, nur ohne cholerische Anfälle und (hoffentlich) ohne Magnum im sicher teuren Jacket. Gute Bluffs und nur einen sonderbaren Call gegen Kollegen Heitmann. Bei der Initiative „Mehr Markus Lehmann im DSF“ bin jedenfalls sofort dabei.

Erich Kollmann – Solide Vorstellung zweifelsfrei. Generell ein sehr vernunftorientierter Spieler und kein Showman, aber im Rahmen seiner charakterlichen Varianz bemüht um ein wenig niederösterreichisches Leben in die Sendung zu bringen. Neben (nach Markus Golser) der zweitschickste Anzug. Vielleicht das nächste Mal zwei Jägermeister – oder trinkt man in den ländlichen Gefilden nicht Cola-Rot – und dann findet sich das Gaspedal auch leichter.

Hermann Pascha – Auf ihn in aller Kürze einzugehen, wäre eine Missachtung und Beleidigung seiner Person. Da werde ich mir bei einer der kommenden Folgen mehr Zeit und Zeilen nehmen. Vorausschickend mal ein dickes „Prädikat absolutes Muss“ – wer da nicht zusieht, ist selber schuld.

So, hiermit beschließe ich meine kleine TV- Rezension. In Bälde werde ich ein neues Fernsehgerät erwerben (gerne auch ein vom Lastwagen gefallenes – Mail an die Redaktion) und dann gibt es mehr Bösartiges und Lobendes zu „German High Rollers“.


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