Kolumnen

Hüttenzauber mit Schnitzel und Koteletten

Münchner Haus

Um ins bayerisch-österreichische Speiselokal zu kommen, muss ich zunächst Hamburgs gefährlichste (schwarze) Piste überqueren: die Gärtnerstraße. Auf der vierspurigen Rennbahn ist leider auch sonntags zu viel Verkehr. Überlebt! Jetzt geht’s zielstrebig in die im Keller versteckte Skihütte. Alte Skischuhe und Latten sind an die Wand genagelt und auf dem Schrägdach über dem Tresen steht einsatzbereit ein klassischer Holzschlitten. Ich bestelle einen Jagertee – die Pokerfans, die den engen Keller füllen, trinken Almdudler oder Hauptsache alkoholfrei. „Die wollen doch alle einen klaren Kopf behalten“, erklärt mir Kotelettenträger und Namensvetter Patrick.

Dessen Eltern haben vor vier Jahren das „Münchner Haus“ eröffnet und seit rund zwei Jahren veranstaltet der 35-Jährige ein Mal im Monat Hamburgs kleinstes Pokerturnier. Gezockt wird an einem roten Tisch, Buy In 15 Euro, fünf bis sechs Runden hintereinander. Jeweils die beiden Besten qualifizieren sich für den Final Table. Am dritten Advent ist ausgerechnet der schwergewichtige Nikolaus dabei. Er trägt Bart, rotes Sweatshirt und eine Full-Tilt-Schirmmütze. Und der Dealer blättert ihm in der Schlussphase Traumkarten auf den Filz – Nikolaus kann sein Glück kaum fassen. Erst beschert ihm die River Card ein zweites Pärchen. Die beiden Asse nebenan gehen jämmerlich unter. In der nächsten Runde callt er mit 2 und 4 und findet 2 und 4! Keine Frage: Wenn Nikolaus diese vorweihnachtliche Glückssträhne treu bleibt, gehört er gegen 20 Uhr sicher zu den Favoriten auf den Gesamtsieg.

Für Jasmin war dagegen absolut nichts zu holen. Sie hat heute schon vier Tische gespielt und trotzdem das Finale verpasst. Dumm gelaufen. Aber immerhin gehört sie schon in die Skihütten Hall of Fame – einmal war sie strahlende Gesamtsiegerin. „Hannah, Annika und Kerstin haben den Männern auch schon mal gezeigt, was sie alles so drauf haben“, erwähnt Patrick. Das klingt sexuell hochinteressant und vor allem nach reichlich Frauen bei der Hüttengaudi. Leider verklärt es aber die Realität. Heute kommen nur zwei Mädels auf rund 25 Jungs – was soll‘s , wir sind ja schließlich sowieso nicht zum Flirten hier.

Eher dann schon zum Essen. Neben mir schwärmt einer vom Grünkohl, zurückgezogen stärkt sich unter einem Paar Langlaufski ein Finalist mit Wiener Schnitzel und Pommes (10,90 Euro). Am Tisch lässt unterdessen Dealer Nailor die Karten fliegen. Nailor? Ja! So heißt der Typ wirklich. Seine Mutter stammt aus Finnland, der Papa aus Rumänien. Nailor ist jedenfalls ein Mann der ersten Stunde. Als Patrick im privaten Kreis das Pokerfieber packte, war er schon dabei. Die Freunde freuen sich, dass sie über Mundpropaganda und die Internetseite hamburg-poker.de jede Menge Stammkunden gewonnen haben. Über Mailings informieren sie über den nächsten Termin. „Und für die Sieger gibt es ein paar Sachpreise – schon ist die Hütte voll“, sagt Patrick. „Habt ihr Pläne zu expandieren? Oben wäre doch reichlich Platz?“ „Wir hatten mal vor Hamburgs größter Pokeranbieter zu werden, aber die schwierige rechtliche Situation hat uns letztlich davon abgehalten,“ sagt er. „Und außerdem – unsere Skihütte ist einzigartig und darauf wollen wir nicht verzichten.“ Na dann – Prost!


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