Kolumnen

Joe Hachem und die frittierte Frühlingsrolle

Down Under

Gefühlte 40 °C und Dauersonne sind als Mitteleuropäer sicher eine Erwähnung wert. Den offiziellen Promotiontext der Aussie Millions 2009 einfach auf Deutsch übersetzen? Soll ich darüber schreiben wieviele tolle Orte ich bereits bereisen durfte? Ganz konservativ mit all den Stars der Pokerwelt beginnen, von denen mich einige inzwischen persönlich begrüßen? Über repupertäre Prop-Bets erzählen, bei denen im Laufe eines Abends im Rahmen einer Alternative-Stakes Stein-Schere-Papier-Partie ein paar Flaschen Tequila vernichtet werden um danach am Cashtable mit den Chips für den Continuation Bet in der Hand einzuschlafen (ist wirklich so passiert … immerhin nicht mir)?

Oder fange ich am Besten mit einem Star an. Das gibt mir dann wohl die notwendige Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Joe Hachem zum Beispiel ist Schuld, dass mir beinahe die frittierte Frühlingsrolle aus der Hand gefallen wäre. Bei den meisten Großevents gibt es traditionell ein Media und VIP Invitational Tournament. Das lass ich mir natürlich nicht entgehen und bin nach einer Stunde sogar noch im Turnier. Ich sitze am Button und im großen Blind eine unerfahrene Kollegin, aufgrund der Cardranking-Tabelle vor ihr vermute ich, dass sie zum ersten Mal am Pokertisch sitzt.

Joe Hachem
Joe Hachem

Bei 10 Minuten Blindlevels und einem Average von 4 Big Blinds fällt mir das All In vom Button nicht schwer, wenn vor mir niemand im Pot ist. Immer wieder werden Tabletts mit Fingerfood serviert. Ich habe den Button – “all in” (mit 9 6 offsuit). Greife mir eine der leckeren Miniaturfrühlingsrollen und warte, dass mir die Dealerin endlich die Blinds zustellt. Nichts passiert! Ich blicke irritiert auf. Joe Hachem lehnt quer über meiner zugegeben attraktiven Kollegin auf Platz Zehn. Lässt sich die Karten zeigen (die wahrscheinlich besser sind als meine) und starrt mich mit einem tiefen Blick an, dass mir trotz der lauwarmen Miniaturfrühlingsrolle ganz heiß wird. Schließlich doch ein Fold. Ich blicke nochmal auf und grinse Joe Hachem an. Er grinst zurück und sagt: „well, it was the right decision“. Ich sage besser gar nichts. Wer würde schon wagen einem Main Event Gewinner zu widersprechen.

Bleiben wir noch ein wenig beim Thema. Nur von Fingerfood kann man sich natürlich nicht ernähren und wenn man gerade keine Karten in der Hand wird man rundum reichlich, wenn auch nicht immer gesund versorgt.

Die Casinokomplexe rund um die Welt scheinen sich in einem Credo einig zu sein: viel, fett und immer essen! Gemüse und Obst sind tabu, selbst der Frühstückstoast wird nicht getoastet sondern einfach frittiert. Wie kann es sein dass so wenige Dauerpokerspieler massiv übergewichtig sind?
Selbst in Vegas, wo ich mit meinen gerade mal 60 Kilo nicht einmal als halbe Portion durchgehen würde, entsprechen die Spieler im Pokerroom nicht dem lokalen Durchschnitt. Während vor einigen Jahren noch Stu Ungar staturmäßige Ausnahme war, hat inzwischen ein Greg Raymer die Außenseiterrolle übernommen. Seitdem werden übrigens auch immer mehr Turniere mit zehn Spielern pro Tisch gespielt.

Liegt es an den zig Stunden am Tisch, in denen jedes Hungergefühl zum Wohle des nächsten Pots unterdrückt wird? Ist nach den Breast Implants die Liposuction zur Standard-Schönheits-OP beim Drive-In-Doctor ums Eck mutiert? Oder dominieren inzwischen wirklich die schlanken, durchtrainierten europäischen Models á la Patrick Antonius die Pokerwelt.
Eigentlich egal, persönlich bin ich gegen Gewichtszunahme quasi immun. Nur in Nordamerika durfte ich mich nach einer Woche bisher immer über unglaubliche 10-20% mehr am Körper freuen (damn you, breakfast bacon!).

Als ewiger Möchtegernstudent bin ich die tägliche Tiefkühlpizza oder -lasagne gewohnt, meine Ansprüche sind sicher nicht hoch. Wenn so jemand ein unbändiges Verlangen nach Obst und Gemüse bekommt muss die Ernährung aber schrecklich unausgewogen sein. In dieser Hinsicht könnte sogar Jamie Gold noch als Vorbild dienen. Wenn ich mich recht erinnere hatte er fast immer eine Schale mit Blaubeeren am Tisch (das Reden mit vollem Mund beherrscht er auch in Perfektion).

Tournament Supervisor Lisa
Tournament Supervisor Lisa

Bei meiner dritten Fernreise als Blogger im bwin Team waren meine Erwartungen also recht gering. Konkrete Vorstellungen gab es sowieso nicht. Was sind schon typische australische Spezialitäten? Mit einiger Sicherheit konnte ich ein paniertes Känguruh- oder Haischnitzel ausschließen, das wars dann auch schon. Das Essen der australischen Fluglinie war jedenfalls unter aller Sau! An dieser Stelle eine Bitte an die Lufthansa: den Sparstift möglichst nicht an der Bordküche der AUA ansetzen, allein wegen dem Essen wird diese bei langen Flügen die Linie meiner Wahl bleiben.

Blieb nur zu hoffen dass die britischen Kolonisten nicht allzuviele Köche an Bord hatten, diese Sorge stellte sich aber gleich als unbegründet heraus. Das Essen ist nicht nur für den Gaumen, sondern für den Rest des Körpers ein wahrer Genuss.

Das Eis wird vom italienischen Opa persönlich gerührt, der Fisch beim Exilgriechen schmeckt wie frisch vor Kreta gefangen und die zahlreichen Asiaten wissen sowieso wie man mit Gewürzen und den einfachsten Zutaten Magen und Seele verwöhnt. Selbst bei Fast Food muss man Vorurteile über Bord werfen. Das Beste: fast jedes Lokal führt mein Lieblingsgetränk Chinotto (im deutschen Sprachraum meist nur in der Gelateria eures Vertrauens zu finden).

Ich muss dringend aufhören, mein Magen knurrt!

Cheers, Daniel


11 Comments
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Christoph Weber
11 Jahre zuvor

Hat dir Götz nichts beigebracht? Keine Fotos und keine Erwähnung der australischen Mädels???

Dann hilf mir wenigstens als ewigem Physikstudent eine Frage zu beantworten: dreht sich in Australien das Wasser im Klo in die andere Richtung? Aber nicht zuviel spülen, sonst wirst du noch gestiefelt 😉

Diego
11 Jahre zuvor

falls daniel nicht antwortet: das wasser dreht sich wie es will und die oberfläche des beckens und die einstrahlung des hans es vorgibt. sorry diego

Admin
Pokerfirma Redaktion
11 Jahre zuvor

da hat jemand in physik aber nicht aufgepasst 😯

Christoph Weber
11 Jahre zuvor

Ich hatte ja gehofft, dass Daniel nicht aufgepasst hat und nur die Simpsons-Folge kennt und als Folge stundenlang in eine Klomuschel starrt… Spielverderber 😛

barista
11 Jahre zuvor

glueckwunsch daniel zu deinem ersten artikel als PF-Kolumnist. feiner artikel & schoene zeit noch in down under.

Christoph Haller
11 Jahre zuvor

Wirklich unterhaltsamer Bericht und ich bin wirklich froh zu hören, dass mein bestes Spiel, Stein-Papier-Schere, immer noch weltweit praktiziert wird.

san.daniele
11 Jahre zuvor

@cwebb: sicher?
rein theoretisch sollte die Strudelrichtung eigentlich von der Hemisphäre abhängen (vgl. Foucaultsches Pendel. Zugegeben, den Namen musste ich nachschlagen) … bin da aber kein Physiker.

In der Badewanne lässt sich das leider nicht beobachten

Christoph Weber
11 Jahre zuvor

Na dann beobachte mal brav weiter 😉

Leider weiss ich dass vorhandene Einflüsse wie Form des Behälters oder Strömungen deutlich grössere Kraft ausüben als die Corioliskraft.

rosebud
11 Jahre zuvor

schon ein date mit supervisor lisa gehabt?

Robert Werthan
11 Jahre zuvor

bin ich der einzige, der den winter nicht in australien verbringt? aber wenn ihr zurückkommt, habt ihr einen klimaschock, und das ist mir freude genug… eine sehr schöne, gelungene kolumne…gratulation…und ja…aus mir spricht der blanke neid (was in unseren breiten als die höchste aller auszeichnungen gilt)

Matthias
11 Jahre zuvor

Yeah Daniel, cool dich hier zu lesen. Super Kolumne, hoffe mehr von dir zu sehen 🙂 Way to go!