Kolumnen

Pilotrennfahrermusiker

Er ist aber auch Rennfahrer („…aber nur GT2 24 Stundenrennen, da spürt man anschließend seinen Körper auf so angenehme Weise“) und seit er sich vor kurzem, mit 32 Jahren, aus seiner Firma zurückzog und seine Anteile („…äußerst lukrativ…“) veräußerte, auch Multimillionär. Obwohl seine Modellkarriere schon einige Jahre zurückliegt, sieht er immer noch hervorragend aus. Er ist redegewandt, charmant, höflich, humorvoll und gebildet („Robert Musil und James Joyce haben mich in vielerlei Hinsicht geprägt…“). Er spricht fliesend vier Sprachen („Waiter, xin vui lòng m?t s? Chablis“) und in seiner Freizeit spielt er Cembalosonaten von frühbarocken Komponisten.

Das alles erfahre ich innerhalb einer halben Stunde, auf dieser Dachterrassenparty in Wiesbaden. Meine Freundin klebt an seinen Lippen und ich tu so, als hätte ich ebenso alle Sehnsüchte der Menschheit bereits hinter mir.
Eigentlich will ich nur ganz schnell weg hier, ich glaube „Pronking“ heißt das angeborene Fluchtverhalten, aber Frau will noch bleiben, also bleib ich auch noch.
Ich hole mir ein Glas Colombard, sehe auf den nächtlichen Rhein hinunter und denke darüber nach, warum ich den Typen so abgrundtief ablehne. Er hat mir doch nichts getan, auch vermittelt er nicht den Eindruck übermäßig zuvorkommend meiner Frau gegenüber zu sein, und wenn schon, da steh’ ich doch darüber.
Ich schlendere mit männlicher Verächtlichkeit durch die Wohnung und sehe einen Pokertisch. Irgendwie scheint es in letzter Zeit trendy zu sein, auf privaten Parties einen Pokertisch aufzustellen, mir soll es recht sein, denn zumeist sind diese Feste langweiliger als eine Wiederholung von „Reich und Schön“. Drei Plätze sind noch frei, das Buy-in ist hoch, aber gerade noch in einem verschmerzbaren Rahmen.
Wenig später kommt auch Mr. Pilotrennfahrermusiker zum weinrot befilzten Tisch, meine Frau im Schlepptau. Er setzt sich mir gegenüber und ich lächle ihn klingendünn an. Ab jetzt sind nur noch wir zwei, die anderen am Tisch versinken in die Bedeutungslosigkeit. Mann gegen Mann.

Nach knapp einer Stunde ist es vorbei. Ich gratuliere ihm zu seiner Hand und gehe auf die Terrasse um meine Wunden zu lecken.
Meine Frau bringt mir ein Glas Wein und stellt sich schweigend neben mich. Sie lächelt mich an und fährt mir tröstend durchs Haar.
Poker ist etwas feines, da können auch Verlierer mal gewinnen.


6 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
max
11 Jahre zuvor

Sehr fein – gefällt mir!
Vor allem der letzte Satz…

egoman
11 Jahre zuvor

gut gebrüllt löwe

Silli
11 Jahre zuvor

cool!

2raumwhg
11 Jahre zuvor

bauchlesend…

skuril
11 Jahre zuvor

Naa-ice

lilly
11 Jahre zuvor

Wo spielt dieser Noah nochmal poker?