Kolumnen

Plastikweihnachten und Poker-Pärchen

Sie veranstalteten im hellgrün getünchten Vereinsheim des TuS Berne ein Deepstack Turnier und der Zuspruch war – trotz Zierleisten – beeindruckend. 83 Spieler suchten den Kick und waren bei einem Buy-In von 50 Euro hochmotiviert an den Tischen. Ich schloss für einen Moment die Augen, um die Athmosphäre ohne den störenden, silberrot schimmernden Plastikweihnachtsbaum auf mich wirken zu lassen. Thekenchefin Rosi schiebt Warsteiner über den Tresen, Chips gleiten klickend durch geschickte Finger. „Yes!“ brüllt plötzlich einer hinten links in der Ecke. Augen auf und schnell hin: „Lassen Sie mich durch! Behindern Sie nicht unnötig die Arbeit eines investigativen Reporters.“

Am Tatort hat Robert einen gewaltigen Berg Chips vor sich liegen und auf dem blauen Filz kann ich rasch nachvollziehen, was eben passiert sein muss. Zwei Spieler raisen mit jeweils Paar König. Robert hat zwei Asse auf der Hand und geht natürlich mit bis zum All-In. Im Flop kann kommen was will – Robert streicht auf einen Schlag 45.000 Punkte ein. Eine schöne Bescherung so kurz vor Weihnachten. Eine Hand später ist Tischwechsel angesagt und Dealer Matthias muss unserem Glückspilz sogar beim Chipstragen helfen. Eine komfortable Situation nach rund fünf Stunden Zockerei.

Der siegende Robert ist eins von zur Zeit 55 Mitgliedern im Verein „Poker Piranhas“. Wie alle anderen, freut er sich schon auf das eigene Clubhaus. Mitte Januar wollen die blutrünstigen Fischköppe nämlich in ein renoviertes Restaurant an der Fuhlsbüttler Straße einziehen. In dieses Projekt fließt im Übrigen der Großteil der eingenommenen Startgelder. Ein kleiner Teil wurde angeblich in ein üppiges Brötchenbuffet investiert. Leider ist – wie es sich für gefräßige Piranhas gehört – davon um halb neun längst kein Krümel mehr übrig.

Ersatzbefriedigung verspricht in der Pause ein gepflegtes Nikotinbrötchen vor der Tür. Im Vereinsheim mit Bundeskegelbahn und Sommerterrasse ist rauchen nämlich verboten. Unter all den starken Männern, von denen viele schwarze Hemden mit Ace High-Aufdruck tragen, widme ich mich der zarten Saskia. Ihr Haar bändigt ein betont braver, schwarzer Haarreif und eine den Temperaturen angemessene Daunenjacke hält schön warm.

Die 21-Jährige ist Dealerin auf der Hanse Poker Tour und hat auch heute Abend alles im Griff. Ich eröffne unser Gespräch mit einer wohlüberlegten Frage aus der hohen Schule des erfolgreichen Flirtens: „Was machst’n so, wenn Du nicht grade hier bist?“ „Ich bin Bankkauffrau.“ „Die Männer spielen sicher besonders gerne bei Dir, oder?“ „Ich glaub schon, aber das musst Du sie schon selber fragen.“ „Hast Du nen Freund?“ „Nö.“ „Aha.“

Natürlich stellte ich die letzte gewagte Frage nicht ohne Hintergedanken: Nein – ich war ausnahmsweise nicht sexuell motivert, sondern hätte an dieser Stelle einfach zu gerne eine herzzerreißende Liebesgeschichte ausgemalt. Etwa wie irgend ein Horst im Heads Up mit Katja nur Schrott auf die Hand bekam und danach, als die Lichter schon romantisch abgedimmt waren, an der Schulter von Saskia Trost suchte und fand. In meiner Phantasie entsteht ein schönes Poker-Pärchen und was nicht ist, kann ja noch werden.

Vielleicht entflammen schon am 17. Januar zwei einsame Herzen. Dann wollen die Piranhas in einem sicher wieder perfekt organisierten Turnier gegen den German Poker Club beweisen, wer die Nummer 1 an der Elbe ist. Zum Showdown kommt es bereits im neuen, heimischen Aquarium an der Fuhlsbütteler Straße. Auch Nichtschwimmer sind willkommen!

Mehr Infos unter www.poker-piranhas-hamburg.de


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