Kolumnen

Pokern auf italienisch

Irgendwie erwartete ich bereits, dass nicht alles so geordnet und sauber abläuft, wie ich es gewohnt war. In gewissem Sinne haben sich die Erwartungen erfüllt, meine Nerven wurden wahrlich auf die Probe gestellt. Letzten Endes aber ein amüsantes und vor allem ertragreiches Erlebnis.

Bolzano Bar 15 palle

Wer in Italien versucht, eine Online Pokerseite aufzurufen, erreicht in der Regel bloß eine Seite der Regierung mit dem Hinweis, dass der betreffende Service aus legalen Gründen nicht zur Verfügung stehe.

Seit kurzem gibt es Ausnahmen, einige der größten Anbieter haben sich mit dem italienischen Staat geeinigt und bieten dort einen eigenen Client an. Mit niedrig gehaltener Obergrenze bei Turnier-Buy-ins und saftigen Abgaben für die Staatskasse.

Ein heikles Thema. Das Staatsmonopol ist umgreifend, auch einfachste Gesellschafts- und Kartenspiele bis hin zum Mau Mau dürfen in keiner Bar und keinem Restaurant gespielt werden. Ob es dabei um Geld geht oder nicht ist nebensächlich. Die Betreiber der Lokalitäten drücken meines Wissens nach auch nie ein Auge zu, das Risiko und die folgenden Strafen sind wahrscheinlich zu groß.
Für einen begeisterten Pokerspieler klingt das nach unzumutbaren Zuständen, so schlimm ist es dann aber doch nicht. Wo ein Gesetz, da meist auch ein Schlupfloch. Sanfter ausgedrückt: Wo ein Wille, da ein Weg.

Bei einem längeren Aufenthalt in Südtirol – gleich südlich der österreichischen Grenze – begann es mir nach wenigen Tagen in den Fingern zu kribbeln. Wann immer ich mindestens zwei gleiche Münzen in der Hand hielt, begann ich automatisch verschiedene Chiptricks zu probieren, um dann nach misslungenen Flips im Supermarkt unter den Kassen die verlorenen Coins zu suchen.

Billard

Allerdings wusste ich von einigen Internetfreundschaften, die sich am Wochenende gerne nach Innsbruck oder Seefeld zum Pokern begeben. Irgendwo mussten die doch auch im näheren Umkreis spielen. Jede Heimrunde sollte mir recht sein!

Nach einigen Telefonaten hatte ich etwas viel Besseres gefunden. In der Landeshauptstadt Bozen, unweit des Messezentrums – genauer gesagt in der Giotto Straße 21 – gäbe es einen Billardclub namens 15 palle, in dem zwei Mal die Woche ein Pokerturnier stattfindet.

So ganz wollte ich meinem Glück nicht vertrauen, aber einen Versuch war es sicher wert. Vor Ort fand ich eine kleine Gruppe von Menschen, die sich vor dem Gebäude eine Zigarette genehmigten. Gesprächsfetzen wie „Big Blind callt “ und „mi fa vedere Kappa Due“ waren eindeutig. Hier war ich richtig!

Drinnen ein großer Raum, der hauptsächlich mit Billardtischen gefüllt war. Fünf ovale Tische mit Chips und Karten sowie die Leinwand mit einer Blinduhr eliminierten alle Zweifel. Hier wird an diesem Abend Poker gespielt.

Club 15 palle

Laut Vorabinfo hatte ich ein Freezeout mit Mini-BuyIn erwartet, im Aushang wurde ein € 50 Bountyturnier propagiert mit € 10 Kopfgeld auf jedem Spieler.
Etwas mehr als ich erwartet hatte, aber noch lange nicht genug, um mich zum Umdrehen zu bringen. Vor mir am Tresen hatte die freundliche Dame genug damit zu tun, den Interessierten den Bounty-Modus zu erklären, offensichtlich durfte ich an diesem Abend einer 15 palle-Premiere beiwohnen. 1:0 für mich dachte ich grinsend und legte mein Buy-in hin.

Erst jetzt wurde mir klar, wie es möglich war, hier ein Pokerturnier abzuhalten. Auf die Frage nach meinem Mitgliedsausweis reagierte ich nur verwundert, der Grund war dann aber doch recht einleuchtend. Nur Mitgliedern des Sportclubs 15palle war es erlaubt am Turnier teilzunehmen, auf diese Weise war es überhaupt erst möglich, ein Turnier mit Geldpreisen zu veranstalten. Zum Glück musste ich keine Aufnahmeprüfung oder Ähnliches bestehen, zwei Minuten später war ich Mitglied in einem Sportclub (Mama würde stolz sein).

Das Turnier begann vielversprechend. 15.000 Startstack und erste Blinds von 50/100 waren weit mehr als ich gehofft hatte, auch die kurzen Blindlevels von gefühlten 5 (aber realen 15) Minuten hatte ich in diesem Rahmen erwartet.

Nicht aber was an den Tischen vor sich ging. Dass nur der Finaltisch einen professionellen Dealer bekam, störte mich nicht weiter, die Action rund um die Karten und Chips waren aber doch etwas viel für meine Nerven. Mit neun Leuten am Tisch befanden sich bei jeder Aktion 18 Hände (Menschenhände, nicht Pokerhände) im Pot. Wer callte, nahm sich sofort den Rest, Chips wurden nicht in der Mitte gesammelt und einen Dealerbutton gab es sowieso nicht. Wenn jemand All In war, gab es mindestens drei hilfsbereite Spieler, die das Zählen der Chips gleichzeitig übernahmen. Ich widerstand dem Verlangen, den Professor zu spielen. Wer bin ich denn, ein offenbar eingespieltes System ändern zu wollen?

Am Tisch

Letztendlich wohl mein Vorteil, mit Adleraugen überwachte ich jede noch so kleine Aktion und konnte mir damit auch schnell ein Bild meiner Gegner machen. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher: über fünf Stunden kam es zu keinem einzigen Fehler! Kein Chip fehlte im Pot. Keine Burncard vergessen. Kein Missdeal. Nichts!
Ich war fast erleichtert, als am Finaltisch endlich einmal eine Karte mit dem Bild nach oben beim Spieler landete (und da gab ein professioneller Spieler die Karten aus). Kurz: ich war beeindruckt.

Sympathisch war das in Südtirol überall anzutreffende Deutsch-Italienisch-Gemisch. Nach einem „Call“ in „Prima Posizione“ kam es zur „Erhöhung“ vom Button und der Big Blind geht nach einem „Rilancio con Asso Jack“ All In. Nicht weniger angenehm der Service und die dazugehörigen Getränke. Mit dem Buy In bekommt man einen Getränkegutschein. Jedes weitere Getränk scheint pauschal € 2 zu kosten, jedenfalls habe ich nie mehr oder weniger gezahlt (mit Ausnahme eines Espresso für € 1).

Einige Worte zum Niveau der Spieler. Italienische Spieler sind sicher nicht als die weltbesten bekannt. Ein Grund dafür liegt wohl auch in den mangelnden Möglichkeiten zur Praxis. Im Laufe des Turniers konnte ich so ziemlich jeden Typus beobachten. Preflopraises von 20 Big Blinds waren keine Seltenheit, ebenso wie extreme Overplays marginaler Hände. Nicht wenige Spieler schienen aber genau zu wissen worauf sie sich einließen und ließen ihre Gegner der Reihe nach auflaufen.

Ich zähle mich jetzt einfach mal zur letzteren Gruppe. Am Finaltisch gab es zwei Spieler, mit denen ich mich nicht anlegen wollte, bei einigen weiteren hatte ich ein solides Spiel beobachten können. Da ich aber weitaus mehr Chips als all diese Kandidaten hatte, sah es gut aus.

So erreichte ich ohne Probleme die Geldränge und fand mich in einer Key Hand wieder. Mit K5o im Small Blind war das All In gegen den tightesten Spieler am Tisch (der sich konsequent die Preisränge hochfoldete, auch wenn er im Big Blind 60% seines Stacks investiert hatte) eine einfache Entscheidung. Leider findet dieser #?@!&#% ein Paar Jungen und callt. Der #?@!&#% war dann wohl ich, als der Turn einen König brachte und ich mir den Chiplead in Folge nicht mehr nehmen ließ.

Hochrot vor Stolz verließ ich das 15 palle mit einigen Hundert Euro mehr in der Tasche und spielte kurz mit dem Gedanken, meinen Wohnort wieder hierher zu verlegen …

… mein zweiter Besuch holte mich aber schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Urkunde Qualifikant

Schade, gerade läuft nämlich eine interessante Aktion. Vom 12. Mai bis 05. Juni gibt es eine Rangliste, nach den acht Terminen werden die Top 2 vom 15 palle nach Seefeld geschickt. Während der Erstplatzierte am 6. Juni das € 500 Buy In für das Event #1 der Seefeld Poker Masters gestellt bekommt, kann der Zweite der Rangliste tags darauf beim € 300-Turnier antreten.

Persönlich freut mich natürlich am meisten, dass ich mich nun auch bei meinen zahlreichen Südtirol-Besuchen meinem Lieblingsspiel widmen kann.

Associazione Sportiva 15 palle
via Giotto 21
39100 Bozen
Italien

sala15palle@hotmail.it

Pokerturnier jeden Dienstag und Freitag.


3 Comments
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Robert Werthan
12 Jahre zuvor

sehr schöner bericht…chapeau

veitclub
12 Jahre zuvor

zum glück hast du gewonnen sonst hätten wir wohl nie diesen schönen bericht lesen können

ivan
12 Jahre zuvor

hallo, ein sehr schöner bericht. aber wenn das die polizei liest, wird der laden sicher bald dicht gemacht ….