Kolumnen

Pokern in Wien – ein Abend in der Heumühle

Aber zum Glück lebe ich ja in Wien. Viele kleine Lokale mit ebenso feinen Turnieren und Menschen. Das kann ich zumindest von den wenigen, die ich besucht habe, sagen. Da eine Reise quer durch die Stadt nicht in Frage kommt, ist eines klar. Ich werde heute Neuland betreten. Als erstes fällt mir die Heumühle ein. Café Heumühle wohlbemerkt. Da war ich noch nie und da soll schon seit einiger Zeit irgendwas mit Poker los sein. Seit Kurzem unter neuer Führung scheinbar sogar regelmäßig. Schneller Anruf bei einem Freund. Ja, Turnier um 21 Uhr, Deepstack Freezeout. Passt. Das Beste: Die Heumühle ist knapp zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt.

Einer der Tische in der Heumühle

Während meines Studiums war das Café besonders für das hohe Niveau beim Wuzzeln (für Nicht-Österreicher Tischfußball oder Kicker) bekannt. Ein paar Mal war ich dort, fühlte mich aber etwas fehl am Platz. Was die Österreicher am Rasen nicht hinkriegen, schaffen sie auf dem Tisch. Kurzpassspiel vom Feinsten und jeder Schuss geht ins Tor. Als (natürlich lautstark deklariertes) italienisches Team mussten wir einige Schmach über uns ergehen lassen. Ist aber auch schwer wenn die Stürmer immer stehen bleiben.

Aber Pokern kann ich. Sicher! Also nichts wie hin, bevor die ohne mich beginnen. Kurz darauf biege ich bei der alten Wiener Heumühle in die Heumühlgasse ein und stehe vor dem Café Heumühle. Von außen hat sich nicht viel verändert.

Niki

Kennt ihr das? Man betritt ein Lokal und fühlt sich sofort wohl. Beim Öffnen der Tür fällt mein Blick auf eine Gruppe, die gemütlich am Sofa sitzt. Die meisten mit Laptop am Tisch. Und die vertrauten Geräusche. Ein virtueller Dealer bittet mit einem Piepen um Aktion. Ich werfe einen kurzen Blick um mich und sehe gleich mehrere bekannte Gesichter wieder. Perfekt. Ich lasse mich kurz durch das Lokal führen. Vorne der Barbereich – die Sofas schauen gefährlich einladend aus – dahinter zwei Pokertische unter stilechten Lampen. Einen Raum weiter gibt es noch einen Tisch … sollten besonders viele Leute mitspielen wollen oder Anfänger eine kurze Einführung wünschen. Die Voraussetzungen sind gut.

Erst jetzt erfahre ich, dass der Sonntag normalerweise turnierfrei ist. Von Montag bis Samstag finden Turniere statt (Rebuy, Freezeout, Bounty, Second Chance … für jeden was dabei). In jedem Turnier gibt es Punkte zu sammeln, die in einer Monatswertung festgehalten werden. Die Top 8 bekommen das Buy In vom Lokal für das Finale gestellt, das am ersten. Sonntag des Folgemonats stattfindet. Das heißt ich werde gleich am ersten Abend erfahren, wo das Top-Niveau angesiedelt ist. Im Februar hat Niki die Rangliste dominiert, in ihrer momentanen Form ist sie auch für dieses Finale unter den Top-Favoriten.

Das Turnier beginnt vielversprechend. Startstack 10.000 Chips. 30 Minuten Levels. Startblind 25/50 … Wenn die hier Deepstack sagen, dann meinen die das auch so.

Eine erste Vermutung bestätigt sich nach wenigen Händen. Hier werden sich keine All-In-Schlachten geliefert, sondern vorsichtig Grenzen ausgelotet. Links von mir ein böse wirkender Spieler mit Sonnenbrille, der keine Miene verzieht. Wahrscheinlich aber ein netter Kerl, jeder scheint ihn zu kennen und Spaß mit ihm zu haben. Rechts von mir ein Ghostplayer (vor dem muss man sich trotz des Namens nicht fürchten). Wenigstens kenn ich den Ken, der sitzt mir gegenüber. Was nicht heißt, dass ich darüber froh bin.

Götz

Die ersten zwei Levels gehen dahin, das Deepstack macht sich bezahlt. Immerhin habe ich noch 6.000 Chips vor mir, als am anderen Tisch Begrüßungsschreie ausbrechen. Wahrscheinlich hat das Alter Ego des Ghostplayers neben mir endlich ins Lokal gefunden. Sicher einer von denen, die glauben, besonders wichtig zu sein und automatisch eine halbe Stunde später auftauchen. Bei Pokerturnieren natürlich eine ganze Stunde. So war es dann auch. Gewundert hat’s mich nicht, lachen musste ich aber doch. Mein Mr. Pokerfirma-Chef, Götz Schrage in persona, betritt den Raum und nimmt zu meiner Rechten Platz. Um seine Spielerpersönlichkeit ranken sich die wildesten Gerüchte … aber das war alles vor meiner Zeit. Meinem modernen Poker mit Style hat er wohl wenig entgegenzusetzen.
Den Table Redraw hatte ich vergessen, schon nach wenigen Händen steht Götz wieder auf (… um auch den anderen Tisch mit seiner Anwesenheit zu beehren).

Irgendwie habe ich es dann bis zum Final Table geschafft (Götz Schrage nicht). Mit 9.000 Chips weit hinter dem Average, die Blinds sind aber immer noch nicht besonders hoch. Niki ist leider nicht mehr dabei, in ihrer jetzigen Form wird sie aber auch nach dem März wieder einen Fixplatz im Monatsfinale haben. Der Böse Spieler – der übrigens Eddie heißt und den ich, seit ich ihn im Break ohne Sonnenbrille sah, unmöglich als „böse“ bezeichnen kann – bleibt mir erhalten. Wieder mit Position auf mich.

Zu sechst am Tisch beginnt die Action dann unglaublich zäh zu werden. Endlich bin ich dann doch unter den letzten vier vertreten. Extrem positiv fallen die beiden Dealer Max und Patrick auf, die dem hohen Wiener Standard mehr als gerecht werden. Auch nach Stunden zeigen sie keine Müdigkeitserscheinungen. Und Stunden hat es gedauert. Es ist das erste Turnier, bei dem ich einen Spieler fragen höre, ob man nicht vielleicht die Blinds erhöhen könne.

Heads-up
Eddie vs. Ken, unterstützt von Niki

Am vierten Platz ist dann auch Schluss für mich, gerade noch in den Preisrängen. Mit meinen Chips kommt Pavis dann auch nicht viel weiter, für ihn ist das Turnier gleich darauf zu Ende.

Im Heads Up sitzen sich Ken und Eddie gegenüber. Aufgrund meines ersten Eindrucks: zwei würdige Spieler für ein Monatsfinale. Nach wenigen Händen einigen sie sich auch auf eine Teilung. Das Finale vom Februar – gleichzeitig das erste Turnier für die Monatswertung im März – ist damit beendet, Punkte gibt’s auch schon.

Und ich bin so bald wie möglich wieder (vorne) dabei! Muss schließlich meinen Platz verteidigen. Das Lokal war gemütlich, die Dealer und das Bier hervorragend, die Gegner angenehm solide, aber nicht unschlagbar. Und wenn doch, dann wenigstens sympathisch.

Alles zu finden im 4. Wiener Bezirk. Turnierkalender findet Ihr auf der Homepage www.heumühle.net.

Café Heumühle
Heumühlgasse 14
A-1040 Wien
Tel: +43/664/2037207


4 Comments
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pops
11 Jahre zuvor

haha…sonnenbrille und ein böser…ja so is der eddie!!!! 😉

gratuliere zu diesem sehr guten artikel! netter stil!
lg

spinat
11 Jahre zuvor

ja, der eddie ist der schlimmste von allen!
immer nuts gegen jolly :mrgreen:

spinat
11 Jahre zuvor

und wer dieser ta made dealer mit türkisem polo?

Mojo
11 Jahre zuvor

sehr schön geschrieben…und diese sticheleien..köstlich ;D