Kolumnen

Valueline?

Dass selbst Rockets in nicht wünschenswerten preflop Showdowns führen können, habe ich für extreme Ausnahmesituationen wie die Bubble bei sehr großen MTTs oder für besonders groteske Kartenkonstellationen bereits gezeigt. Heute will ich etwas viel wahrscheinlicheres zeigen: eine relativ normale Situation in einem so genannten Second Chance Turnier.

Nach meinem Seminar im Alpine Palace in Saalbach Hinterglemm nahm ich auf Wunsch meiner Teilnehmer am Turnier der Schlumberger Gala Night selbst als Spieler teil. Man erhielt 5k in Jetons, das erste Blindlevel wurde 25-50 gespielt und man konnte bis zur ersten Pause einmalig Rebuy rufen. Tat man es aber, so durfte man nicht das Add On kaufen. Diese Offerte gab es nur zum Zeitpunkt der ersten Pause und für noch im Turnier verbliebene Spieler. Das Add On brachte 10k  für den gleichen Preis wie das Rebuy.

Vielleicht ahnt man nun schon, worauf ich hinaus will – ist man vor der Pause short und bereit für die Second Chance ins Portemonnaie zu greifen, dann doch lieber für 10k anstatt für 5k in Jetons.

Konkret sah die Sache für mich so aus: Ich foldete bis ich einen loosen Openraisespieler, der nur noch 1,5k behind hatte, mit AQ 3-betten konnte. Zu meinem Entsetzen bezahlte der kalte Spieler unmittelbar nach mir meine Forderung von 800. Der Opener schob all-in und ich movte auch komplett rein, weil ich beide coverte und der Spieler in meinem Rücken schon mehrfach preflop Phantasie bewiesen hatte. Ich musste hier also keineswegs geschlagen sein.

Meine Forderung von knapp 5k bewegte den Spieler auch wirklich zum Fold und ich hatte einen Flip Heads Up gegen 44 bei massig dead Money und ohne das Risiko zu sterben. Diesen verlor ich und deshalb schaltete ich um in einen Sinkflug bis zur Pause. So pushte ich einmal JJ und einmal AK nicht, obwohl  ich in beiden Fällen nahezu evident die beste Hand und noch ordentlich Druck hinter meinem 3k Stack hatte.

Warum? Weil diese Turnierform solche Entscheidungen sinnvoll macht. Weil ein solider Pokerspieler flexibel auf die Gesamtsituation zu reagieren hat und nicht einfach schnöde seine Hand spielt.

Wie sehen denn die Alternativen aus?

In beiden Fällen gab es für diesen Tisch gewöhnliche Action vor mir. Meist kam ein Spiel in late Position mit Limp-Raise-Call zu mir. Es gibt also einiges abzuräumen und die bisher gezeigten Showdowns wie die extrem hohe Regelmäßigkeit solcher Lines zeigte, dass Hände wie JJ oder AK hier „garantiert“ gut sind. Dennoch bezahlte ich jeweils nur, sah mir in Position die jeweils falschen Flops an und foldete dann Postflop. So wurden aus meinen gut 3k, knapp 3k, es kam die Pause und ich ergänzte auf 13k.

Hätte ich gepusht und wäre gefoldet worden, so hätte ich nach der Pause 14-15k, was meine Situation nicht wirklich verändert hätte. Gäbe es kein Add-On, so machten die ausgelassenen Pushs aus 3k 4-5k, was ich dann sicher getan hätte.

Wäre ich aber bezahlt worden, so hätte ich mit beiden Händen im Wesentlichen oft einen Flip. Manchmal bin ich zwar besser, aber das gleich kommende Argument ist ohnehin so stark, dass Ranges und Equities in den Hintergrund geraten.

Verliere ich nämlich, so kann ich das Add On nicht kaufen, einzig das preisgleiche 5k Rebuy steht mir zur Verfügung, ich bin also entweder ausgeschieden oder habe vor und nach der Pause etwa 5k.

Gewinne ich aber, so kaufe ich trotzdem das Add On und habe nach der Pause maximal 17k, was schon besser ist als meine 13k, aber dafür hatte ich nicht das Risiko, zwischen einem kurzen 5k Push-or-Fold Stack oder dem Ausscheiden wählen zu müssen.

Es zeigt sich also, dass das Double Up eines 3k Stacks in einem solchen Turnier verhältnismäßig wenig einbringt, weil man nicht nur die gewöhnlichen Risiken, sondern additiv den Verlust des Add On Bonuses in Höhe von 5k geht.

Ich habe meine 13k dann recht unspektakulär an den Finaltisch verwaltet, dort habe ich etwas herumgepusht, wurde zu meinem Glück (oder auch aufgrund des erarbeiteten Images) nicht bezahlt und verlor schließlich im Heads Up. Hier übrigens zu Recht. Mein Gegner überrollte mich geradezu. Gut, dass ich den nicht öfter spielen muss. Gratulation an den Sieger.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de


7 Comments
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icke
10 Jahre zuvor

gratulation,
und wieder ein imagebluff gefahren oder wie trittst du auf solchen veranstaltungen auf?

*gg*
10 Jahre zuvor

Bitte mehr von schleichenden Seminareigenwerbungen, oder sprachlich künstlich hochfrisierten Selbstbeweihräucherung bei Schampusturnieren.

Angela
10 Jahre zuvor

Stephan hat anschaulich erklärt, weshalb man manche Hände zu bestimmten Zeiten besser nicht spielt. Nur darum geht es hier.

Angela
10 Jahre zuvor

btw: guter Beitrag und gratuliere! 🙂

ShadowBJ21
10 Jahre zuvor

Einfache Weisheiten die eigentlich jeder gute Pokerspieler von Natur aus wissen müsste.

Müsste 😉 und gerade deswegen ist es gut sowas bei Gelegenheit immer mal wieder gesagt zu bekommen.

ferdinand
10 Jahre zuvor

bezgl. eigenwerbung wird er allenfalls noch von the chessmaster donev übertroffen… dann habe ich gelernt dass eine bet auch eine forderung ist lol

Angela
10 Jahre zuvor

@ ferdinand: immerhin ETWAS gelernt… 😉