Kolumnen

Was mach ich bloß…

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Sunpoker war so freundlich und hat uns zum € 1.000 Sonntagsturnier geladen, dem Abschlussevent der Turnierwoche rund um die Poker EM. Gerne sind wir dieser Einladung nachgekommen.

Für Konstantin Bücherl und mich bedeutete dies, sonntags um 8:01 morgens von Regensburg per Zug nach Passau zu reisen. Dort passte uns Sven Lucha mit Thomas Schaaf im Gepäck ab. Svens Galesche entließ uns dann um 12:30 Uhr am Eingangsportal des eindrucksvollen Austria Casino Baden. Jan Schwarz und unser Gastspieler Felix Osterland waren schon da und wir trafen unseren generösen Sponsor zum Lunch mit anschließendem finalen Briefing fürs Team.

Alles lief fein, unsere Erwartungen hinsichtlich des Gegnerfeldes wurden weit übertroffen. Unsere Hoffnungen auf markantes Edge am Tisch beruhten neben den eigenen Fähigkeiten auch auf einen „Fokusierungsvorteil“ gegenüber den meisten anderen Spielern. Nachdem unser Turnier am Ende einer langen und preislich gehobenen Turnierwoche lag, hofften wir darauf, dass besonders wild gespielt werden würde. Mancher könnte gezeichnet von den Turnieren und Cashpartien der vergangenen Tage, hyperaggressiv aus dem „Brand“ flüchten wollen. Ebenso könnte sich manch einer in folgende „Win-Win-Gedankenfalle“ verstricken: „Entweder ich scheide gleich aus, dann gewinne ich, weil ich pünktlich nach Hause komme, oder ich erringe früh viele Jetons und komme damit sicher ins Geld.“
Wo auch immer die Motive lagen, unsere Erwartungen wurden wie erwähnt bei weitem übertroffen. So sah ich an einem Tisch mit Zweien unserer Spieler folgende Hand:

Konstantin Bücherl
Konstantin Bücherl

Das Turnier befindet sich in folgender Phase:
Level 2, Levelzeiten von 45 Minuten, Blinds von 50/100 bei Startstacks in Höhe von 8.000, 9-handed.

Die Preflopaction:
UTG limpt, UTG+1 callt, Konstantin als UTG+3 callt, Jan im Highjack callt, Button callt, SB foldet, BB checkt.

Die Flopaction:
Der Flop bringt A94 rainbow. BB checkt, UTG eröffnet mit etwa 2/3 Pot. Alle folden zum BB. Dieser meint: „So billig machen wir es nicht“ und raist auf gut 1.000. UTG callt.

Die Turnaction:
Der Turn bringt einen Jack. BB checkt. UTG setzt gut halben Pot, BB callt.

Die Riveraction:
Der River blankt. Es folgt Check – Bet – Call ziemlich analog der Turnaction.

Der Showdown:
UTG zeigt K6o, also Kinghigh am River, ein „Secondbestpairdraw“ davor, also vermutlich als Semibluff „gedacht“. Preflop bleibt am besten gänzlich unkommentiert.
Aber auch der BB will dieser phantasievollen Spielgestaltung kaum nachstehen und zeigt frohgemut J3o, die Gewinnhand. Sein Spiel ist nicht ganz so fatal. Für Preflop kann er nichts. Er ist schließlich BB. Den Flopbluff des UTG Spielers zu raisen, hat genau dann Potenzial, wenn er den Spieler kennt, ihn also mit großer Genauigkeit auf einen Bluff gegen vier Spieler bei einem Board mit Ass setzen kann. Er wird ihn wohl sehr sehr gut kennen. Glückwunsch!
Wenn er ihn aber so gut kennt, sollte es ein Leichtes sein zu wissen, dass dieser nicht nur schwach ist, sondern auch stur. Wehe dem Read des BB, wenn ihm der Turn nicht hilft. Ab da spielt sich die Hand dann automatisch. Denn wer am Flop das Opening raist, muss fest daran glauben, dass UTG leer ist. Diese als leer vermutete Hand kann ab Turn mit dem Paar Jacks geschlagen werden. Nun gut…

Fakt ist jedenfalls, dass bei diesem völlig unspektakulären Kartensetup ein Pot von mehr als einem kompletten Startstack entsteht und dass somit jeder aufmerksame Spieler sieht, wie sich das Kräfteverhältnis von Foldequity und Showdownvalue an diesem Tisch verhält. Unsere Spieler warten also auf eine Hand und werden bezahlt werden. Solche Spiele sind vergleichsweise einfach zu schlagen. Sobald man aller Wahrscheinlichkeit nach signifikant vorne ist, setzt man, als gäbe es kein Morgen, geschweige denn das eigene ultratighte Image. In der Folge ist man dann nicht wirklich überrascht, dass man bezahlt wird.

Doch was heißt schon „ein Spiel schlagen“? Leider nicht mehr als dass man langfristig damit Geld macht. Kurzfristig hat uns die Bande rund um den Rudelführer „Flushdraw“ überrannt. Besonders gemein schlugen die Schurken Kickertreffer und Gutshot zu.

Wie ein Mantra murmelten unsere Spieler „ich will nicht jammern, ich will ja einen solchen Call“, um dann doch nachzuschieben: „langfristig“.

Felix Osterland
Felix Osterland

Obwohl nun eigentlich schon genug gejammert ist, noch ein witziges Spiel zum Schluss:

Die Blinds sind bei 400/800, ein neuer Spieler am Tisch im UTG raist auf 4.000. UTG+1 blickt erbost auf, nach dem Motto: „Heh, ich bin doch der am Tisch, der gerne mal Out-of-Position fünf Big Blinds in den Pot jubelt!“ und foldet anschließend etwas geknickt ob des verpassten brillanten Spots. Konstantin findet Asse und will Allin schieben, noch ehe seine Jetons auch nur in die Nähe der Bettingline kommen, hört man es schon im kleinen Rund: CALL!
Stolz zeigt UTG KJo und Konstantins Jetonsflotte nimmt weiter Fahrt auf gen Tischmitte.
Die Doorcard ist ein Ass, der Rest zu traurig, es niederzuschreiben. Straßen schlagen nun mal Trips. Das Shakehands ist von etwas Sarkasmus geprägt, wie die Heimfahrt durch die nebligen Landstraßen Bayern auch.

Was wirklich erfreulich ist, ist dass einer der wohl stärksten Spieler im Feld das Event für sich entscheiden konnte. Glückwunsch an Florian Langmann, dank dir, dass die Jetons final in den Händen eines Könners waren. Ebenso möchte ich an dieser Stelle der frisch gebackenen Full Tilt Profidame Sandra Naujoks zum Gewinn des EM Titels gratulieren: Du hast dich gegen einen Finaltable durchgesetzt, der in solch hochkarätiger Besetzung nur selten zu finden ist. Hut ab!

Es bleibt eigentlich nichts weiter zu sagen, denn ich weiß ja, dass es sich verbietet, auf die Varianz zu schimpfen. Denn sie hält das Spiel am Leben, sichert also langfristig das Edge der Überlegenen. Doch: ein 22 Stundentag und außer Spesen nichts gewesen!
Ich habe wirklich Hochachtung vor dem Job des Profispielers, der solches Woche um Woche, Monat um Monat mitmacht, um dann in einem kurzen Augenblick des Glücks das so notwendige Jahressalär ausgeschüttet zu bekommen.

Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

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