Kolumnen

Wie ich auf der Reeperbahn meine Unschuld verlor

Auf meinem Wohnzimmertisch liegt noch die Waffe. Silbern, kalt, gefährlich. Erst vor ein paar Tagen habe ich sie in Hamburg erworben. Soll ich sie vorsichtshalber mitnehmen zum ersten Pokerabend meines Lebens?

Neulich auf der Miami Vice Party konnte ich in der Innentasche meines weißen Sommeranzugs mit der Spielzeugwumme mächtig Eindruck schinden. Na gut – die Gefahr sich in diesem Aufzug im Aceclub lächerlich zu machen, ist doch zu groß. Von meiner Verkleidung als Crocket macht bestenfalls die Ray Ban mit Goldrand Sinn. Sonnenbrillen trägt man doch am Pokertisch, oder?

Aceclub

Die Zeit drängt, um 20 Uhr beginnt im Aceclub am Hans Albers Platz ein Crashkurs für Anfänger. Und ich bin Anfänger. Blutiger Anfänger.  Als auf zur sündigen Meile. Hamburg Reeperbahn – ausgerechnet hier werde ich meine (Poker) Jungfräulichkeit verlieren. Der HSV hat Dortmund geschlagen, Fans überall. Ich kämpfe mich durch die bierseligen Massen, würdige die Strip-Bars keines Blickes, sogar die Kiez-Kult-Currywurst vom Imbiss „Lucullus“ kann mich jetzt nicht aufhalten. Endlich der Albers Platz. Gar kein Nuttenalarm um diese Zeit. Treten die erst später zum Dienst an oder liegt das vielleicht an den heißblütigen BVB-Fans?

Ich schlendere vorbei an der noch schlummernden Partyhölle von „Molly Malone“, betrete ein karges Treppenhaus. Im zweiten Stock wird seit Oktober letzten Jahres gezockt. Noch an der Garderobe ahne ich bereits: Hier bin ich richtig. Gedämpftes Licht, entspannte Musik – der Club hat Stil. Mit sieben Leuten – alle sympathisch, drei weiblich – nehme ich an einem der insgesamt vier samtbezogenen, schwarzen Tische Platz. Sascha ist unser Dealer und er wird uns zeigen, wie man zum coolen Siegertypen wird.

Zunächst tut er, was er tun muss: Er erklärt Pokerhände, die Spiel- und Benimmregeln (mit Getränken, Salzstangen und Zigaretten nie über dem Tisch hantieren) und er verteilt die Stacks. Chips im Wert von 2000 Punkten kosten 15 Euro. Dann fliegen schon die ersten Karten über den Tisch – die erste Runde spielen wir offen. So schnell wie damals beim „Monopoly“ haben wir die Grundprinzipien verstanden. Also geht’s weiter mit der  ersten verdeckten Runde. Sascha gibt dabei gerne schlaue Tipps. So darf er auch auf meine pocket cards einen Blick werfen und unmissverständlich richtet er über kreuz 10 und karo 4: „Vergiss es. Das wäre eine bodenlose Investition.“

Zocken im Aceclub

Ich bin also raus und konzentriere mich auf Fachausdrücke und Pokerweisheiten. Eine steckt mir Adrian, der zu meiner rechten sitzt und nicht mehr ganz so grün hinter den Ohren ist wie ich: „Was Du auf der Hand hast, ist relativ egal. Viel wichtiger ist zu wissen, was die anderen zu bieten haben.“ Wie ein ganz Großer, versucht er in den Mienen seiner Gegner deren Blätter zu ergründen. Dann nimmt er mit einem selbstbewussten Raise und festem Blick einen verunsicherten Anfänger nach dem anderen locker vom Tisch. Herr der Chips zu werden – es kann ja so verdammt einfach sein. Kein Wunder, dass Lena sofort wissen möchte, wo man in Hamburg eigentlich um Geld spielen kann. Der Traum vom Millionengewinn sitzt eben überall am Tisch.

Doch auch ohne im Casino Haus und Hof zu riskieren, schlägt das Herz bei jeder Entscheidung schneller. Irgendwann treffe ich wieder eine ziemlich dumme. Ich riskiere einen Blöff, spekuliere bis zur Rivercard auf einen König der nicht kommt und übersehe dabei, dass Thomas gleich „All- In“ gehen muss. Ich muss also zeigen was ich drauf habe und das ist leider nichts. Gar nichts. Natürlich sagt irgendwer was über „Anna Kournikowa“ – was die Anspielung bedeutet, hatte sogar ich schon im Internet gelesen. Dumm gelaufen ist meine Luftnummer trotzdem, aber aus Fehlern lernt man angeblich.

Bevor ich mich nun weiter in Anfängerglück und Anfängerfehler verstricke, komme ich schon zu meinem Aceclub-Fazit: Hier im Cash Game Modus zu pokern, macht einfach riesen Spaß. Das ausgebaute Loft bietet den perfekten Rahmen, die Dealer sind freundlich und kompetent, ein Becks kostet nur 3 Euro und fast alle Gäste wurden durch Mundpropaganda angelockt. Werbung oder grelle Leuchtreklame für den etwas versteckt liegenden Club sucht man auf dem Hans Albers Platz jedenfalls vergeblich. Als ich mich ins bunte Nachtleben verabschiede, versichert mir Matthias, einer der drei Betreiber, dass der Aceclub Werbung einfach gar nicht nötig habe. Falls er diese Kolumne lesen sollte – Sorry, für die Werbung!

Wer mehr wissen will: Die Homepage www.aceclub.de lässt keine Fragen offen.


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