Kolumnen

Wien in fünf Händen

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Zur Theorie: Live Turnierpoker ist mir gleichwohl zu teuer als zu billig! Das sollte ich wohl erklären?

Zu teuer: Das Buyin ist meist gut vierstellig und immer busten ca. 90% der Teilnehmer. Selbst im Preisgeld erhält man durch die kopflastige Auszahlungsstruktur von Turnieren zu einem Löwenanteil nur das zwei bis dreifache seines Antrittskapitals. Davon sind aber lediglich die massiven Reisekosten und evtl. ein einziges weiteres Turnierbuyin zu finanzieren.
Wenn sich die Varianz nicht schnell enorm zu meinen Gunsten verirrt, investiere ich also binnen eines Jahres sechsstellige Gelder als Onewaytickets. Das ist nicht meine Kragenweite.

Ich könnte doch Satellites spielen, um mich zu qualifizieren? Nicht wirklich. Egal bei welchem Buyin ich meine persönliche Komfortzone, damit meine ich das mir liebste Verhältnis von zeitlichem zu finanziellem Investment, sehe, immer scheitere ich entweder oder gewinne ein höherwertiges Ticket, das mich dann bindet, ein weiteres Turnier zu spielen. Dann könnte ich doch genauso gut normale Turniere oder Cashgames spielen, bis der Wert des gewünschten Buyins erspielt ist und dann entscheiden, ob ich für die Summe das fragliche Ticket kaufe oder zum Beispiel mit meiner Familie in den Urlaub fahre. Ich kenne meine Antwort und darum lasse ich mich von Satellites auch zu nichts „zwingen“, was ich sonst nicht täte. Zu teuer ist nun also klar.

Warum aber auch zu billig? Man generiert im Verhältnis zum Zeitaufwand schlichtweg zu wenig Umsatz. Selbst bei einem hohen Buyin von 10k und einem enormen Edge von 50% (wer weiß, ob ich (oder auch jeder beliebig andere Spieler) das tatsächlich habe?) wirft ein solches Turnier „nur“ 5k Erwartung ab. Abzüglich Reise und Verpflegungskosten von leider all zu schnell 2k bleiben 3k gemittelter erwarteter Verdienst für eine Woche Aufwand. Wer aber 10k zu investieren bereit ist, zudem ein nachhaltiger Gewinnspieler ist, der erspielt z.B. online binnen einer Woche locker 3k Erwartung. Warum also ohne zusätzlichen Anreiz so viel Aufwand?

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Waiting for the right hand

Zur Praxis:
Zum Springfestival im CCC zu Wien spielte ich jedenfalls trotzdem – wider besseren Wissens quasi. Ich wollte mich auf das WSOP Mainevent vorbereiten, Sitzfleisch trainieren. Ich habe 2 Turniere gespielt: Das Eröffnungsrebuy und tagsdrauf ein Freezeout.

Im ersten Turnier habe ich keinen Rebuy, nicht mal ein doppeltes Buyin gelöst, sondern nur das obligatorische Addon nach den Rebuyleveln gekauft und war trotzdem knapp Average. Damit hatte ich ziemlich Value erzeugt, da mein Stack im Average lag, meine Kosten aber deutlich unterdurchschnittlich waren. Gepielt hatte ich bis dahin zwei Hände:

AT als Openraise in Late Position. BB bezahlt. Es kommt JT4 zweifarbig, ich checke bei effektivem Stack von ca. 5x Pot behind. Turn ist die Flush Ass. Ich checke nochmals behind. Meine Intention geht auf: Der River blankt, BB eröffnet und ich raise All In. Zu meinem Glück hat BB nicht nur einen Bluffversuch, sondern Toppair mit Queenkicker und bezahlt ehe er nach einem Rebuy verlangt. Danach habe ich einmal Asse und bringe preflop alles rein gegen 99: Schieres Glück, weil ein nettes Szenario. Meine gut 80% halten.

Nach dem Dinner repushe ich AT gegen einen recht laggy auftretenden Button aus dem BB und bereite seinem Call Kickerprobleme. Meine 70% halten, ich bleibe gut im Spiel. Zu guter Letzt pushe ich an einem neuen Tisch gegen einen unbekannten Button-open-raiser wieder AT aus dem SB, werde von KK ge-snap-callt, bin gecovert und scheide aus.

Im zweiten Turnier spiele ich bis zum Dinner keine einzige Hand, keinen Flop, keinen Limp, wirklich nichts, bin einfach nur carddead und an einem Tisch mit vielen vielen Showdowns, halte aber dank meines konsequent schwäbisch sparsamen Spiels immer noch 80% der Startchips.
Dann vom Dinner gestärkt eröffne ich mit 66 vom CO und am Tisch wird was von „Premiere“ gemurmelt. SB ist aber neu am Tisch, ignoriert das Gemurmle und meint bezahlen zu müssen. Als 992 erscheint und zu mir gecheckt wird, denke ich hier oft gut zu sein, will also jetzt und sofort alles rein bekommen. Da ich knapp vierfache Potsize halte und knapp gecovert bin, platziere ich meine Contibet hoffentlich weak genug, um ein All In bei nur 6 Outs zu induzieren. Kaum habe ich gesetzt, höre ich schon das All In. Natürlich überlege ich noch einmal, aber meine Intention war ja gerade diese Situation haraufzubeschwören, also calle ich nun auch. Ich habe Glück! Der Gegner hat mit 44 nur zwei, nicht die erwarteten sechs Outs gegen mein 66. Leider sollten diese genügen, ich verabschiede mich.

So ist das also mit diesem „live Turnierpoker“.

Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan M. Kalhamer
the-gambling-institute.de

2 KOMMENTARE

  1. Das ist in der Tat eine echte Überraschung! 😛 Zu teuer und zu billig hast Du erklärt. Was aber führt dazu, dass Du – obwohl zu billig und zu teuer – das Mainevent mitspielen wirst?

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