Kolumnen

„Check-Raising The Devil“ – ein anderer Blick auf die glitzernde Pokerwelt

Meine Reise zur Staatsmeisterschaft nach Wien ins CCC Prater war leider nicht der Rede wert. Trotz gutem Poker ging nicht wirklich was zusammen und bereits nach knapp sechs Stunden war dann endgültig Schluss. Eigentlich eher ein Frustwochenende das auch noch ziemlich stressig geplant war: Samstag früh Anreise und Montags ganz früh zurück nach München. Aber irgendwie kam dann alles ganz anders.

Wien im Nebel

Wien ist eine wunderschöne Stadt und ich bin gerne hier und nutze die Gelegenheit, Neues in dieser Stadt zu entdecken. Aber an diesem Nikolaustag 2009 war Wien einfach nur kalt, grau, nebelig und ungemütlich. Ein Tag, an dem man gerne im Casino gesessen hätte und das Finale der Staatsmeisterschaft gespielt hätte. Hätte man mal mehr Chips gesammelt … hatte man aber nicht!

Aber die zweite Alternative war auch nicht so schlecht: Denn seit der WSOP hatte ich Mike Matusows Buch “Check-Raising The Devil” zu Hause liegen und war bisher leider noch nicht dazu gekommen es zu lesen. Die vierstündige Anreise im Zug war aber bereits eine gute Gelegenheit einen Anfang zu schaffen … und inzwischen bedauere ich es, nicht früher angefangen zu haben. Oder auch nicht, denn es ist definitiv kein Buch, das man mal so nebenbei lesen sollte. Phil Hellmuth’s Warnung ist ernst gemeint: „Man kann es kaum weglegen, wenn man einmal angefangen hat“ Und manchmal bekommt man eben genau zum richtigen Zeitpunkt ein wenig zusätzliche Zeit geschenkt. Und daher war es genau der richtige Tag, um bei einer leckeren heißen Schokolade im Starbucks sitzend den Rest von Mikes Buch zu lesen und dann voll motiviert am Abend ein kleines Nebenturnier im Montesino anzugehen.

Allerdings wirklich motivierend ist Mikes Buch auf den ersten Blick nicht. Jeder, der sehr emotional ist, sollte sich sehr genau überlegen, ob er dieses Buch in der Öffentlichkeit lesen möchte. Mike Matusow geht schonungslos mit sich selbst ins Gericht und lässt den Leser tief in eine sehr traurige Seele blicken. Als ich auf meiner Zugfahrt mit dem Lesen angefangen hatte, war ich nahe dran abzubrechen, weil sich das, was ich da zu lesen bekam, nicht wie die richtige Motivation auf ein kommendes wichtiges Turnier anfühlte. Aber trotzdem hatte mich das Buch von Anfang an in seinen Bann gezogen. Die Sprünge am Anfang des Buches vom Trailerpark in seiner Jugend zum High-Life sind auf den ersten Blick etwas verwirrend. Aber sehr schnell merkt man, dass auch nicht chronologisches Erzählen seinen Sinn haben kann.

Und dann kam die Stelle in der Mike über den Hunger, gewinnen zu wollen, schreibt. An der Stelle hatte er mich dann endgültig gefangen. Denn genau darum geht es. Poker hat so viele Faktoren. Da ist natürlich das Glück dabei, das eigene Pokerwissen, die Qualität der Gegner etc. Aber der entscheidende Faktor ist der Wille gewinnen zu wollen. Er garantiert nicht, dass man gewinnt (wie man an meinem Ergebnis bei der Staatsmeisterschaft zweifellos sehen kann) … aber er sorgt dafür, dass man alles gibt um dieses Ziel zu erreichen und niemals aufgibt.

Mike Matusow ist so ein Mensch, der diesen unstillbaren Hunger und diese Leidenschaft hat. Leider passiert es auch (oder gerade) solchen Menschen, dass sie sich dabei selber im Weg stehen. Und Mike hat bei aller Genialität eine Menge Mist gebaut. Aber der Hunger auf Poker und aufs Gewinnen hat am Ende die Oberhand gewonnen. Ganz unten angekommen, hat er nicht aufgegeben sondern sich selber aus dem eigens gebauten Sumpf auch wieder herausgezogen. Und genau das verdient Respekt!

Und noch viel mehr Respekt verdient er mit seinem Buch. Kein Beschönigen, keine Ausreden wie schlecht die Welt ist und dass die Umstände Schuld sind. Mike macht von Anfang an klar, dass er für sein Handeln die Verantwortung übernimmt.

Die meisten Leser werden wohl nach der Lektüre mehr über Drogen wissen, als sie jemals wissen wollten. Aber ohne das wäre die Geschichte unvollständig. Die Offenheit mit der Mike seine Drogensucht beschreibt, ist mehr als erschreckend. Selten hat es jemand erlaubt, so tief in die Seele eines Menschen einzudringen und mit ihm die Hochs und Tiefs des Drogenrausches mitzuerleben. Und manche Episode über Mike, die man im Fernsehen miterlebt hat, bekommt durch das Buch nun eine ganz neue Seite.

Die Frage bleibt, ob Mike der Mike hätte werden können, der er heute ist, ohne diesen Absturz. Was wäre, wenn sein Leben glatter und sauberer verlaufen wäre? Ein Frage, die kaum zu beantworten ist und der Beginn eines eigenen Beitrags zum Thema “Schmetterlings-Effekt” wäre. Aber letztendlich geht es darum auch nicht. Denn es ist wie es ist und niemand kann rückgängig machen was  geschehen ist.

Schwer zu bewerten sind allerdings die Kapitel über seine Verurteilung und seinen Gefängnisaufenthalt. Denn hier stellt er sich ganz klar als Justizopfer dar. Ist er tatsächlich, wie er sagt,  nur einer Verschwörung zum Opfer gefallen? Dass muss jeder für sich selbst beantworten. Ich persönlich halte es hier mit Phil Hellmuth der im Vorwort ganz klar zum Ausdruck bringt, dass er Mike glaubt, solange ihm nicht jemand das Gegenteil beweist.

Wer sich in diesem Buch Tips zum besseren Pokerspiel erhofft, sollte es lieber im Regal stehen lassen. Wer aber ein besserer Pokerspieler werden will und es gleichermaßen als Warnung und Motivationshilfe verwenden möchte, der ist genau an der richtigen Adresse. Ich weiß jedenfalls, was mir auf meinen letzten Turnieren ein wenig gefehlt hat und danke Mike “The Mouth” Matusow an dieser Stelle, dass er mir wieder in Erinnerung gebracht hat, was ich eigentlich schon lange selber weiß: Gewinnen kann nur der, der auch wirklich gewinnen will!

Und während „Check-Raising The Devil“ mit den letzten Kapiteln so langsam auszuklingen scheint, überrascht Mike Matusow schon wieder mit einer Aussage die nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu seinem Siegeswillen steht. Denn Poker wird von nun an zwar ein wesentlicher Teil seines Lebens bleiben, aber nicht mehr sein Leben sein … „The Mouth“ hat ein ganz neues Leben begonnen und trotzdem das Beste aus seinem alten Leben behalten.

Und so habe ich ein Wochenende in Wien verbracht, das ganz anders verlaufen ist, als ich dachte. Ich habe diesmal sehr wenig von Wien gesehen (immerhin war ich das erste Mal im Prater) und weniger gepokert als geplant. Aber schön war es auf seine eigene Weise irgendwie doch und dieses Wochenende wird mir noch lange in Erinnerung bleiben …


3 Comments
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50outs
11 Jahre zuvor

Hat mir auch sehr gut gefallen und soweit ich das beurteilen kann auch ziemlich authentisch. Guter Post!

Robert Werthan
11 Jahre zuvor

das einzige das dir wirklich anzulasten ist, wäre, dass du dich in WIEN in einen Starbucks setzt…der tatbestand der blasphemie wurde umfangreichst erfüllt

Stefan
11 Jahre zuvor

kann meinem vorschreiber nur zustimmen.
schöner blick auf die alte donau !!!