Kolumnen

5 Jahre Pokerfirma: „The Mouth from Down Under“ ein Interview mit Tony G. (2012)

Wenn der Weg vom kindlichen Rubik Cube Champion zum litauischen Business-Award-Sieger über eine millionenschwere Karriere als Pokerrüpel führt und dabei russische Agenten ebenso eine Rolle spielen wie eine 85-jährige Tante im Wettfieber – dann klingt das nach Stoff für Hollywood. Willkommen im Spielfilm von und mit Antanas GuoGA.

Ein Interview von Christian Lenoble
(aus dem Pokerfirma-Magazin „Gespräche“ 6/2012)

Tony G kennt man. Dass er in den letzten zehn Jahren alleine in Turnieren laut Hendon Mob-Eintrag stattliche 4,8 Millionen Dollar eingespielt hat, tut dabei wenig zur Sache. Denn während andere mühsam Preisgelder anhäufen und WSOP-Bracelets, WPT- oder EPT-Siege erringen müssen, um aus der Masse herauszustechen, setzt Tony G auf ein weit simpleres Karriere-Modell: Eigenvermarktung durch flegelhaftes Mundwerk. Spätestens seit seinem legendären Auftritt gegen den Russen Ralph Perry bei der Intercontinental Poker Championship 2006 („On your bike, son, and back to Russia“, „Can you feel my power, can you feel it?“, etc.) gehört der Mann zu den bekanntesten Gesichtern der Szene. Mit zahllosen weiteren verbalen Entgleisungen und einer höchst eigenwilligen Interpretation der Pokeretikette festigte der Australier bis heute seinen Ruf als Bad Boyan den Kartentischen. Arroganz und konsequent schlechte Manieren als Ausdruck einer zweifelhaften Persönlichkeit? Oder doch eine von langer Hand geplante Strategie eines Marketing-Genies in eigener Sache, das von sich behauptet, gerne den Clown im Pokerzirkus zu spielen, solange bloß eine TV-Kamera in der Nähe ist?

Antanas Guoga, geboren am 17. Dezember 1973 in Kaunas, Litauen, kennen die wenigsten. Zeit, das zu ändern. Treffpunkt Hotel Intercontinental, Wien. Auf die Minute pünktlich erscheint „The Mouth from Down Under“ zum Interviewtermin. Ein freundlicher Händedruck. Entspannte Miene beim kurzen Fotoshooting. Ein Mineralwasser für den ausgeglichen wirkenden Herren mit dem rundlichen Gesicht, ein kleiner Brauner für den Journalisten.

Herr Guoga, Sie sind australischer Staatsbürger, aber in Litauen geboren. Noch Erinnerungen an die Kindheit und das Land?

Natürlich. Und zwar sehr eindrückliche. Ich bin in Kaunas, der zweitgrößten Stadt Litauens, zur Welt gekommen. In einem besetzten Land mit einem von der Außenwelt abgeschotteten politischen System, in dem Stehlen und Lügen an der Tagesordnung standen. Als ich sieben Jahre alt war, zog meine Mutter nach Australien um. Meine Schwester und ich blieben mehr oder minder alleine zurück und begaben uns auf die Suche nach unserem Vater, der längst von unserer Mutter getrennt lebte. Ich erinnere mich an eine ziemlich harte Zeit zurück, in der ich jahrelang nur ein Ziel hatte: die Ausreise nach Australien. Fünf Jahre habe ich mit allen möglichen Tricks darum gekämpft. Mit zwölf ist es mir schließlich gelungen, ein Zugticket von Kaunas nach Moskau zu ergattern. Dort erwarteten mich drei russische Agenten. Aber die konnten mich auf meinem Weg in die freie Welt auch nicht mehr aufhalten.

Hört sich nach prägenden Erfahrungen an. Was würden Sie sagen haben Sie aus dieser Zeit mit auf den Lebensweg genommen?

Zwei essenzielle Dinge: Erstens den Wunsch, das System zu besiegen, und zweitens den unbedingten Willen, mir diesen und andere Wünsche zu erfüllen.

Das System zu besiegen? Ist das nicht ein wenig viel verlangt von einem Kind?

Möglich. Aber das war mein Grundgefühl. Ich wollte um jeden Preis ein Sieger werden. Und da hat sich zunächst mal die Welt des Spielens angeboten. Das scheint mir im Blut gelegen zu sein. Ich war ja schon als Kind Litauens Rubik Cube Champion. In Australien hat mich dann unter anderem meine 85-jährige wettfiebrige Tante unter ihre Fittiche genommen. Es begann mit regelmäßigen Besuchen und Wetten bei Pferderennen und führte mich zum Black Jack. Und ich machte meine ersten Poker-Erfahrungen, als ich im Kreis der Familie Draw und Stud spielte. Mit 13 war ich bereits ein echter Gambler. Mit 16 schmiss ich die Schule. Die klassische Rebellengeschichte also. Wer gegen das System kämpft, ist ein Rebell. Auch wenn es bloß darum geht, das System einer Spielbank zu knacken. Ich hatte damals aus meiner Sicht keine Wahl. Gambling schien mir der einzige Weg zu sein, der sich mir anbot, um auf die Siegerstraße zu kommen.

Wann entschieden Sie sich, den Plan beim Pokern umzusetzen?

Erst nach und nach. Poker war damals nicht so populär. Anfang 2000 war ich dann einer der ersten, der mit dem Online-Spielen anfing. Aber ich war mir generell nicht ganz sicher, ob beim Pokern alles mit rechten Dingen zugeht. So richtig gefunkt hat es bei mir schließlich 2002.

Ein Funke, der in Österreich übergesprungen zu sein scheint. Von den ersten 20 Hendon Mob-Einträgen ihrer Karriere stammen 14 aus dem Land der Berge. Wie kam es dazu?

Stimmt. Österreich war ein entscheidender Meilenstein in meiner Pokerkarriere. Nach einigen Downswings in Las Vegas habe ich mich 2003 entschieden, in Wien zu leben und mich mit Haut und Haar dem Kartenspiel zu widmen. Die erste Station war ein kleines, ärmliches Appartement in der Quellenstraße, nicht allzu weit vom CCC. Ich startete mit kleinen Beträgen und begann mir meine Bankroll aufzubauen. Mit Hingabe und vollem Einsatz. Bis zu 72 Stunden nonstop an den Tischen. Der Erfolg stellte sich nicht mit Glück ein, sondern als Ergebnis harter Arbeit. 2005 wurde mir Wien dann zu klein. Der Weg führte mich weiter, unter anderem nach Moskau. An Pokertische, an denen es um ganz andere Summen ging. Da waren siebenstellige Ups and Downs keine Seltenheit. Aber ich wusste genau, was ich tat. Und ich kann mit Stolz sagen, seit dem Jahr 2000 kein einziges Mal broke gegangen zu sein.

Das können nicht viele Pokerspieler von sich behaupten. Was war bzw. ist Ihr Geheimnis?

Wie schon gesagt: eiserner Wille und totale Hingabe. Wenn ich mir heute junge Spieler ansehe, dann gibt es viele mit großem Talent. Aber es gibt auch verdammt viele, die einen Poker-Lifestyle pflegen, der nicht gut ist. Stichwort Drogen. Man kommt in diesem Zirkus ziemlich leicht auf den falschen Weg.

Apropos Zirkus. Jemand soll einmal gesagt haben, Sie seien ein Clown und würden dafür leben, den Clown vor den TV-Kameras zu mimen. Zudem seien Sie „ein Stück Scheiße an den Tischen, jemand mit großem Maul und kleinen Pokerfähigkeiten“. Übrigens kein Zitat von Phil Hellmuth, sondern eines von Antanas Guoga.

Stimmt. Und trotzdem bin ich ein Siegertyp. Es kommt eben auf die Leidenschaft und auf das Herz an. Eine Leidenschaft, die schon mal was Rüpelhaftes an sich hat. Ralph Perry ist nicht der Einzige, der ein Lied davon singen kann. Poker ist nur ein Spiel. Und beim Spielen werde ich zum Tier, das gewinnen will. Verwechseln Sie nicht die Person beim Pokern und die Person abseits des Tisches.

Die Person beim Pokern hat ihr ziviles Alter Ego immerhin innerhalb weniger Jahre – um es bildhaft zu formulieren – von einem schäbigen Appartement in der Quellenstraße ins noble Hotel Intercontinental gebracht. Toni G hat Antanas Guoga zum Sieger gemacht. Mission erfüllt. Was nun?

Ich habe beim Pokern in der Vergangenheit vieles erreicht. Alles was noch kommt, sehe ich als Bonus. Mit dem Grinden ist schon länger Schluss. Es gibt mehr als Pokern. Meine Ziele haben sich verändert. Und mein Geld investiere ich längst nicht mehr nur in Buy-Ins.

Einige wissen, dass Sie ein äußerst tüchtiger Geschäftsmann sind, der speziell im Internetbusiness und auf den Finanzmärkten seit Jahren erfolgreich agiert. Nur die wenigsten wissen aber, dass Sie Ihr Geld auch für Zwecke verwenden, bei denen nicht die Geldvermehrung im Vordergrund steht – etwa als Sie 2007 nach dem Sieg bei den Moscow Millions rund 200.000 Dollar an ein Kinderheim gespendet haben.

Ich war nie der beste Mensch, aber es liegt mir am Herzen, verantwortungsvoll zu handeln. Das Geld hat mich als Person nicht verändert. Es hat mir bloß die Chance gegeben, etwas Sinnvolles damit zu tun. Nicht zuletzt in meinem Geburtsland Litauen.

Dort haben Sie 2011 den Business Award gewonnen. Eine Würdigung für Ihre Bemühungen um die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Eine wunderbare Auszeichnung, die mich sehr gefreut hat.

Und ein würdiger Schlusspunkt für das Interview. Ich danke für das Gespräch.

Ich danke auch. Und schreiben Sie den Kaffee auf meine Rechnung. Good luck and enjoy your life!

tg


2 Comments
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IdiiotHipster
7 Jahre zuvor

WTF is a BOYAN?

RADIOMEN
7 Jahre zuvor

Ja wenn man Poker mit Sport vergleichen würde, denn hätten alle Stabhochspringer unterschiedlich lange Stäbe und alle Turmspringer unterschiedlich viel Wasser im Pool. Doch eines bleibt immer gleich ob Sportler oder Pokerspieler, man muß einmal springen um zu sehen ob man gewinnen kann.
Ich hoffe das Tony jetzt die Zeit und das Geld hat seine Ausbildung die er sich gewünscht hat nachzuholen. Das kann nicht schaden, gerade weil man nicht nur das Geld sondern auch den Beruf zu schätzen weiß.