Kolumnen

50:50 – Gewinnst du’s?

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Barcelona. Was für eine Stadt. Was für ein Verein. Was für ein Spiel. Nach 0:4 in Paris, ein 6:1 zu Hause. Gänsehaut pur. Aber was ist da passiert? Fangen wir es ein und nehmen es mit – für uns.

Alles der Reihe nach. Das Spiel meiner Wahl ist Poker. Damit beschäftige ich mich seit gut zwei Dekaden – mittels Büchern, Workshops, Seminaren und Vorträgen. Am liebsten nutze ich das Spiel, um risikokalkulatorische Zusammenhänge meiner universitären Laufbahn für den Alltag verständlich zu machen. Ob beruflich oder privat: Jeder trifft ständig Entscheidungen. Gerade Manager und Profisportler nutzen ihren extremen Vorteil eines gesteigerten Kompetenzlevels. Wie ist das konkret zu verstehen – und wie anzuwenden?

Stundenlang sitze ich am Spieltisch und tue augenscheinlich nichts. Ich empfange Karten und gebe sie wieder zurück. Ich beobachte und mache mir Gedanken, gerne auch ganz nebenbei, etwa während eines kleinen Plauschs mit meinem Nachbarn. All mein Denken zielt darauf ab zu verstehen, mit wem ich es heute zu tun habe. Wer tickt wie? Wie werde ich wahrgenommen? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für meine Glaubwürdigkeit und somit für meine Taktik hier und jetzt?

Dann handle ich. Das Kapital fließt. Mal einladend, mal verschreckend. Mal aktiv, mal passiv. Mal so, mal so. Kommt es zum Showdown, schlägt die Stunde der Wahrheit. Nur in diesem einen Moment wandeln sich Ideen und Potentiale in harte Realität. Ein extremes Ergebnis entsteht. Damit darf oder muss man dann leben – und schon geht es unmittelbar zurück in die Welt der theoretischen Entscheidungen. Ich kenne keinen Ort, an dem der Unterschied zwischen Entscheidung und Ergebnis polarisierter gelebt wird. Gewinnst du, gewinnst du alles. Nur dann.
Verlierst du, verlierst du nicht nur den Pot – also das Kapital – sondern auch (Selbst)Achtung und Anerkennung. Es nagt an dir. Du zweifelst. Kann denn richtig sein, was eben alles gekostet hat?

Ja, es kann. Eine lukrative Entscheidung ist immer gleich gut. Sie ist nie so genial wie sie im Moment des Sieges abgefeiert wird, ebenso bleibt sie unberührt von jedwedem negativen Ausgang.

Diese Wahrheit leben aber nur wenige. Es ist offenbar menschlich, sich dem Lauf von Ergebnissen zu unterwerfen. Pessimismus zermartert uns im Abwärtstrend, Optimismus lässt am Weg nach oben schier platzen. Als Diplommathematiker glaube ich an nichts dergleichen. Als Spieler, als Mensch durchaus. Nicht wegen der Sache an sich, sondern einfach weil meine Entscheidungen abhängig sind von den Entscheidungen meines Umfeldes – und das ist nun mal häufig tief gläubig. Die ganze Unsinnigkeit, toten Spielelementen irgendeinen Zusammenhang anzudichten, wird tatsächlich real, wenn an sie geglaubt wird. Und zwar so:

Ich gewinne? Dann sorge ich dafür, dass mein Umfeld das wahrnimmt. Und schon gewinne ich extra. Die Realisten messen dem zwar keine Bedeutung bei, die Gläubigen aber fürchten mich über Gebühr. Das kann so weit gehen, dass man mir zeitweise Unbesiegbarkeit andichtet oder sich selbst so erniedrigt, dass an optimales Entscheiden nicht mehr zu denken ist. Alles drängt dabei in dieselbe Richtung: Mein nächster Sieg wird wahrscheinlicher. Und auch darüber werde ich reden. Eine positive Spirale entsteht, eine Welle, die ich nach außen hin emotional so lange reite, wie es eben geht. Innerlich aber hebe ich nicht ab, denn ich weiß, es geht auch wieder runter…

Ich verliere? Dann halte ich den Ball flach, fokussiere mich auf rationale Zusammenhänge, nehme die Emotionen raus und übe Geduld. Die Sonne wird auch für mich wieder scheinen – und diese Welle werde ich wieder reiten. Laut und schrill.

Jetzt der Transfer zum Sport. 2016 habe ich mich intensiver mit Basketball und Fußball beschäftigt. Und da im Besonderen mit den Ulmer Basketballern und dem Jahn Regensburg. Beide Vereine haben ein gutes Verständnis für die zentrale Rolle guter Nerven, Teamdynamik und Momentum. Beide haben eine fulminante Saison hinter sich und stehen in einer aussichtsreichen aktuellen Saison.

Entscheidend ist immer, den Sieg mehr zu wollen – und das dem Gegner auch unmissverständlich klar zu machen. Der FC Bayern nimmt in dieser Disziplin traditionell eine Vorbildrolle ein. Man spricht von der FC-Bayern-Mentalität. Dieser Verein ist es gewohnt, die Last des „Siegenmüssens“ zu tragen. Allein dieses Wording! Es ist das etablierte Wording der Mehrheit, der verlierenden Mehrheit. Und es ist komplett falsch. Es gibt keinen „Druck des Siegenmüssens“ und diesen „trägt“ man auch nicht wie eine Last. Es gibt das Privileg, Favorit zu sein und dieses trägt und schützt den wahren Champion. Ein Champion weiß, dass er emotional nur verlieren kann, denn alle erwarten den Sieg. Dieser stellt die Normalität dar, mehr nicht. Dass dies genau so ist, darauf hat man hingearbeitet. Wer es schafft, dieses Ziel zu erreichen und es dann als Last empfindet, der hat einfach gar nichts verstanden.

Den entscheidenden Elfmeter, den letzten Wurf nimmt der Beste seines Teams – und das nur aus einem Grund: weil er der Beste ist.

Barcelona spielt in dieser wahren Champions-League. Paris kann ein Spiel gewinnen, macht vieles richtig. Was aber nicht erkauft oder erzwungen werden kann, ist echter Spirit. Barcelona hat so unbedingt und alternativlos an sich geglaubt, dass ein an sich würdiger Gegner tatsächlich auch zu glauben begann. Das ist einfach unglaublich stark. Lernen wir von beiden. Leben wir unser Barcelona oder glauben wir zumindest keinem anderen Barcelona. Denn ein 4:0 noch zu verlieren, dazu gehören immer zwei. Der eine der es tut und der andere, der es zulässt.

Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan Kalhamer

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