Kolumnen

Der Sozialismus ist tot – es lebe Texas Hold’em

Seitdem der reale Sozialismus gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit lautem Getöse kollabiert ist, haben die Ideen der freien Marktwirtschaft einen beispielslosen Siegeszug angetreten. Weder Banken-Krisen noch Dotcom-Blasen können daran etwas ändern. In Ermangelung jedweder ernsthaften ideologischen Konkurrenz ist der Boom des Neoliberalismus kaum aufzuhalten.

Manche mögen das bedauern und sich nach den guten alten Zeiten der großen Utopie zurücksehnen, aber diese Wünsche sollen hier nicht Gegenstand der Debatte sein. Untersucht werden soll vielmehr die Frage, inwiefern mit dem Pokerspiel Werte und Verhaltensmuster verbunden sind, die man als neoliberal oder kapitalistisch bezeichnen kann. Pointiert ausgedrück: Wir wollen klären, ob eine kritische Einstellung zum Neoliberalismus mit dem Pokerspiel grundsätzlich vereinbar ist. Kann man sich als Linker überhaupt mit gutem Gewissen an einen Pokertisch setzen? Um möglichen Kritikern gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln zu nehmen, halten wir fest, dass so ein Vergleich natürlich nur mit großer Vorsicht anzustellen ist. Die Begriffe Kapitalismus und Neoliberalismus bezeichnen ja eine ganz spezifische Form der Organisation von Ökonomie, Politik und Gesellschaft. Und sie stehen natürlich auch für bestimmte Normen und Werte, die mit dieser Form verknüpft sind. Poker hingegen ist ein Spiel, das ursprünglich wohl nur dem Zeitvertreib gedient haben mag und auch heute von vielen als solcher betrachtet wird. Was Pokern aber von vielen anderen Spielen unterscheidet, sind seine ökonomischen Aspekte, die besonders beim Cashgame, aber auch beim Turnierpoker evident sind. Man spielt mit echtem Geld und versucht es im Lauf des Spiels zu vermehren. Ähnlich wie beim Kauf von Aktien wettet man auf (zukünftige) Ereignisse bzw. Ereigniskombinationen, deren Eintreffen ungewiss ist. Selbstverständlich erfolgen solche Wetten nicht blind, sondern auf Basis mehr oder weniger fundierter Überlegungen.

Der Börsenspekulant beobachtet allgemeine Trends an den Aktienmärkten, Unternehmensdaten oder die Geldpolitik der Notenbanken. Der Pokerspieler trifft seine Entscheidungen aufgrund der Stärke seines Blattes, seiner Position oder des Verhaltens seiner Gegner.

Mit Gewinnen und Verlusten verhält es sich beim Pokerspiel wie mit Spekulationen an der Börse: Man kann nur das Geld gewinnen, das ein anderer verliert. Poker ist ein Nullsummenspiel und unterscheidet sich in diesem Punkt in keiner Weise von Spekulationen mit Wertpapieren. Nach traditioneller marxistischer Lesart sind Spekulationsgewinne aber genau aus diesem Grund unmoralisch, weil sie durch die Verluste anderer zustandekommen und obendrein ohne Erwerbsarbeit erzielt werden. Eine weitere Parallele verweist ebenfalls auf einen klassischen Vorwurf des Marxismus an kapitalistisch organisierten Gesellschaftsformen: Wer bereits über Kapital verfügt, kann leichter weiteres Kapital akkumulieren als jemand ohne Kapital. Der Vorwurf, dass die Reichen immer reicher werden und die Großen die Kleinen fressen, gehört von Karl Marx bis hin zu Immanuel Wallerstein zum Standardrepertoire der Kapitalismuskritik.

Beim Pokerspiel (vor allem beim Turnierpoker) trifft besagter Vorwurf geradezu perfekt ins Schwarze. Pokerspieler, die über einen großen Stack verfügen, haben mehr Aktionsmöglichkeiten und daher bessere Gewinnchancen als Smallstacks, die vor allem bei hohen Blinds unter Druck stehen. Am Ende eines Turniers bleibt (zumeist) nur einer über, der sich die Stacks aller übrigen Mitspieler einverleibt hat. Das Pokerspiel stellt somit die perfekte Realisierung einer marxistischen Horrorvision dar: Die großen Fische fressen die Kleinen auf – und am Ende bleibt ein einziger Riesenfisch.

Die Verhaltensweisen, die vom erfolgreichen Pokerspieler gefordert werden, sind die des klassischen Homo oeconomicus. Pokerspieler sind (am Pokertisch) gnadenlose Nutzenmaximierer; Kooperation ist für sie ein Fremdwort. Sie agieren – vom gelegentlichen Trinkgeld an den Dealer abgesehen – vollkommen egoistisch. Ihr einziger Antrieb am Pokertisch ist die Akkumulation von Kapital, naturgemäß auf Kosten anderer.

Man kann an dieser Stelle einwenden, dass zu Beginn eines Pokerturniers (oder auch eines Cashgames) doch jeder die gleichen Gewinnchancen hat. Schließlich starten alle mit den gleichen Stacks! Das stimmt natürlich. Nur vergisst man dabei, dass es zum Wesen des Pokerspiels gehört, diesen egalitären Ausgangszustand zu beenden. Im Verlauf der Auseinandersetzung kommt es zu einer extremen Ausdifferenzierung zwischen den Spielern. Differenzen werden aufgebaut, nicht minimiert. Sie verstärken sich und werden im Lauf des Spiels ins Extrem getrieben. Die auf den ersten Blick so friedlich und gerecht anmutende Ausgangssituation erinnert bei genauerem Hinsehen viel mehr an den Urzustand der Menschen in Thomas Hobbes’ „Leviathan“. Auch dort sind ursprünglich alle Akteure gleich, bevor sie schließlich übereinander herfallen und hemmungslos ihre egoistischen Interessen befriedigen.

Ein fiktiver Kritiker, der unsere bisherigen Ausführungen verfolgt hat, könnte an dieser Stelle einwenden, dass es doch völlig egal sei, ob jemand pokere oder nicht. Schließlich sei Poker nur ein Spiel. Und Spiele seien nicht ernst gemeint, da sie nichts mit der (ökonomischen) Realität zu tun haben. In Anbetracht der hohen Beträge, um die es im Pokerspiel mitunter geht, erscheint dieser Einwand irrelevant. Genaugenommen hat das Pokerspiel für die Beteiligten nämlich immer dann ökonomische Relevanz, wenn es um reales Geld geht, wobei die Höhe der Summen nur eine quantitative Rolle spielt. Der traditionelle Spielbegriff stößt hier an seine Grenzen und ist in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht mehr zutreffend – was übrigens für alle sogenannten Spiele gilt, bei denen um echtes Geld gespielt wird.

Kommen wir zum Ende und versuchen unsere Überlegungen nochmals auf den Punkt zu bringen: Poker weist frappierende Ähnlichkeiten zu kapitalistischen und neoliberalen Systemen auf. In vielerlei Hinsicht sind Pokerspieler mit neoliberalen Börsespekulanten vergleichbar. Diese Feststellung sollte aber in keiner Weise als Kritik oder moralische Wertung interpretiert werden; weder die Spekulation noch das Pokerspiel sind unmoralisch. Im Gegenteil: Es handelt sich hier lediglich um die sachlich begründete These, dass in der Mikrowelt des Pokertisches ähnliche Mechanismen ablaufen wie in den kapitalistischen Hochburgen der Wall Street. Ein Poker spielender Kapitalismusskeptiker ist genauso glaubwürdig wie ein Tierschützer, der ab und zu auf Walfang geht. Wer das nicht einsieht, dem ist nicht zu helfen. Wem das aber nicht passt, dem kann auf sehr einfache Art und Weise geholfen werden: er muss einfach nur aufs Spiel verzichten.


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