Kolumnen

DGHUWLVT* Vol.8 – Weihnachten oder Hochzeit

Hab heute versucht, mich in Weihnachtsstimmung zu bringen. Ein Verlag hat mich gebeten, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Die müssen ja auch planen, die können ja auch nicht so, wie sie wollen. Nein, die können da nicht einfach sagen, „ach, es ist jetzt gerade Sommer und da sind wir nicht in Stimmung“, das versteh ich schon – also Weihnachtsgeschichte.

Zwei Stunden auf das leere „Unbenannt1.doc“ starrend und dem zum scheitern verurteiltem Versuch, enttäuschte Kleinkindergesichter aus dem Kopf zu bekommen. Enttäuscht deshalb, weil der Kleine unter dem bis zum letzten Zweig brennnenden Christbaum nur „Dead Rising“ für eine seiner fünf XBoxen fand und nicht die „Gears Of War“, wie er es von seinen elterlichen Mitbewohnern gefordert hatte. Obwohl, die Eltern hatten sich schon bemüht das Spiel irgendwie nach Deutschland zu holen. Nur leider hieß es überall, dass das Spiel zu brutal sei, und erst ab 75+ und einem sauberen Auszug aus dem Strafregister freigegeben ist. Deshalb streiten die Eltern jetzt auch, weil der eine dem anderen vorwirft sich nicht genug bemüht zu haben, um dem Kleinen das richtige Geschenk machen zu können. Irgendwann bemerkt jemand den brennenden Baum, schüttet einen vorbereiteten Eimer Sand über den Haufen glühender Asche und zur Sicherheit noch einen Eimer Wasser nach. Jetzt schreit SIE wieder, dass SIE die ganze Sauerei weg machen muss, nur weil ER nicht aufpassen kann und dann rennt ER in die Kneipe, SIE geht zur Mitternachtsmette und der fünfjährige köpft, durchbohrt und schlachtet mit einem diabolischen Grinsen, Zombies auf seiner sechsten Xbox ab, die er noch unter der Mischung aus abgebrannter Tanne und nassem Sand gefunden hatte.
Dieses Bild gilt es also aus der Hirnrinde wieder wegzuschaben.

Wie bitte, soll man bei 44° Außentemperatur auch in Weihnachtsstimmung kommen? Also Aircondition auf das Zeichen mit der Schneeflocke schalten, Kerze an, „Last Christmas“ auf YouTube hören und eine Sprühkerze auf einen gestohlenen Thujenast und …………..nichts. Weihnachtsgefühl ohne Weihnachten geht gar nicht. Weihnachtsgefühl mit Weihnachten geht ja auch nicht.

Last Christmas I gave you my heart but the very next day you gave it away.
This year to save me from tears I’ll give it to someone special CHORUS. (Werthan hat Udos Klingelton geändert)

Udo: „Ich hab dir doch erzählt von der Hochzeit von Johanna Hupfer und dem Alex Stark.“

Werthan: „Nein.“

Udo: „Egal. Die heiraten in Las Vegas und du darfst mit der Kamera dabei sein!“

Werthan: „Jetzt komm aber mal zu dir Udo. Spinnst du oder was?“

Udo: „Das ist Exklusiv-Content!“

Werthan (Udo nachäffend): „Das ist Exklusiv-Content, Das ist Exklusiv-Content…“

Udo: „Ja, die Leute mögen das.“

Werthan: „Ich machte letzte Woche ein Interview, da musste ich acht mal anfangen, weil ich mich immer versprochen hab. Da bin ich auch nicht stolz darauf. Versprechen und so…“ (verstummt deprimiert)

Udo: „Wieso, was hat das jetzt damit…“

Werthan: „Ach so ja, wegen exklusiv und so. Jedenfalls nach dem Interview gingen wir alle an die Bar etwas trinken und dann ging mein Interviewpartner mal pinkeln oder rauchen oder was weiß ich was, und am nächsten Tag hatten die von dem anderen Medium ein Exklusiv-Interview mit fünf Ausrufezeichen.
Da siehst du mal was exklusiv ist.
Nee Nee du, da mache ich nicht mit. Entweder ich hab Inhalte oder nicht, da brauche ich diese ganze Exklusiv-Scheiße nicht.“

Udo: „Jadoch, Beruhig‘ dich wieder.“

(Pause)

Werthan: „Was sollte ich da machen bei dieser Hochzeit?“

Udo: „Dabei sein, Fotos machen, Videos, Interviews und so Zeugs eben.“

Werthan: „Ich hab da keine Zeit für, Udo. Ich hab da vielleicht ein Interview mit Elky, Negreanu und Andreas Krause.

Udo: „Hast du? Oder hast du vielleicht?“

Werthan: „Vielleicht.“

Udo (streng): „Also hör mal Werthan, eine Stunde auf einer Hochzeit ist ja wirklich keine Doppelschicht im Hafen.“

Werthan: „Das will doch keiner sehen“

Udo: „Doch, unsere weiblichen Leser“

Werthan: „Haben wir doch nicht und wo bleibt die Kunst?“

Udo: „Keine Ahnung, geht mich nichts an. Außerdem stimmt das nicht.“

Werthan: „Was stimmt nicht?“

Udo: „Na, dass wir keine weiblichen Leser haben. Meine Frau zum Beispiel, klickt da alle drei bis vier Monate mal rein.“

Werthan: „Aaah, daher weht die steife Brise“

Udo: „Ja und die weht kräftig. Neulich sagte meine Frau: „Herr Gartenbach“, meine Frau sagt immer Herr Gartenbach, wenn sie sich über mich lustig macht, sie sagt also:
„Herr Gartenbach, du bist doch Papst von dieser Pokerfirma. Kannst du nicht mal dafür sorgen, dass da mal etwas Romantik auf diese Pokerfirma kommt? Außerdem was ist das für ein blöder Name – P o k e r f i r m a ? Heißt doch gar nichts! Bringst du jetzt da Romantik rein oder wie?““

Werthan: „Aber das will doch echt keiner lesen.“

Udo: „Ich weiß, es will aber auch keiner lesen, dass meine Frau mehr Romantik bei der Pokerfirma will.“

Werthan: „Was ist das jetzt für ein blödes Argument? Außerdem ist das Nuttenkram so ne Hochzeit in Vegas. Liest man doch immer: „Exklusiv! XXX heiratet Ex-Prostituierte in Las Vegas“.

(Pause)

Werthan: „War damals mein Lieblingslied von Tocotronic. Da singen die als Refrain immer: „Nutten, Nutten, überall Nutten““

Udo: „Quatschkack, das war von DJ Tomilla feat. Spezializtz und Hausmarke“

Werthan: „Ach so. Trotzdem Nuttenkram“

Udo: „Ein Vorverkauf für spezielle Fachkräfte, beim Abverkauf von Victoria Secret ist Nuttenkram, so ne Hochzeit ist ganz klar kein Nuttenkram, auch wenn sie in Las Vegas passiert.

(Pause)

Also? Machst du es?“

 

So ging das noch ne Weile und irgendwann musste einer von uns beiden zermürbt nachgeben. Werthan war es nicht.
Das Leben eines Pokerjournalisten ist sehr ereignisarm und ergebnisoffen. Guter Stoff für Reportagen sieht anders aus.

Zur Strafe mit einem Chippendale-Ticket-Ausgabegerät ins Bett.

*Die Gartenbach Hamburg und Werthan Las Vegas Telephonate


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