Kolumnen

Die erotische Komponente des Spiels

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Wir gehen mit jeder Hand, die wir erwartungsvoll aufnehmen, eine liebevolle Bindung ein. Anfänglich. Meistens aber zerplatzt die Liaison relativ schnell. Und abrupt. Interruptus. Die meisten Hände erweisen sich nicht als der Onenightstand, zu dem wir heute auf keinen Fall Nein sagen würden. Die meisten Hände erweisen sich nicht als die lange Liebesbeziehung mit mehrmals täglicher und erfüllter Körperlichkeit.

Wir alle wollen glücklich sein. Und erfüllt. Geistig und körperlich erfüllt. Wir sind für Freude und Fleischesfreude geschaffen. Wir wollen uns amüsieren und wir alle wollen zu einem befriedigenden Ende kommen. Und da kommt der liebe Gott um die zynische Ecke und stellt uns Poker vor. Hier kommen wir in den allerwenigsten Fällen zu einem gelungenen und glücklichen Ende. Hier herrschen meistens, bedingt durch einen interrupten Koitus, Trostlosigkeit und Frustration vor.

Das Scheitern und die Angst vor dem Scheitern begleitet uns bei jedem neuen Date und bei jeder neuen Pokerhand. Der anfänglichen Geilheit folgt Trägheit, Gleichgültigkeit und Enttäuschung. Erektionsprobleme, die meistens schon preflop anfangen. Melancholie, Weltschmerz und Niedergeschlagenheit. Keine gelungene Nummer. Keine Befriedigung. Aber wir üben weder Disziplin noch Verzicht. Wir versuchen es wieder, immer wieder. Beziehungsweise so lange man uns lässt. Dranlässt. An die Tische, meinte ich. Nicht auf die Tische.

Ein Sit and Go als Quickie der körperlichen Nahtoderfahrung; ein MTT-Deep-Stack-Turnier mit mehrfachem Rebuy als quasi Orgie der Kartenlust. Alles in allem gibt es dennoch keine schönere Selbstbefriedigung als Poker. Wenn es denn dann gut und schmerzfrei läuft. Da ist Poker wie Rubbellose; eine gepflegte Selbstbespaßung. Bestätigung auf einer hohen emotionalen Ebene mit gutem Abgang.

In manchen Kulturkreisen und Religionen wird Poker ebenso wie Onanie als Teufelswerk geächtet. Lasset uns also sündigen. Mehrfach wöchentlich.

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