Kolumnen

Entscheidendes

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und wenn man ihm doch glaubt, stimmt etwas mit den Dopamin-Neuronen nicht.

Jonah Lehrers Buch „Wie wir entscheiden – Das erfolgreiche Zusammenspiel von Kopf und Bauch“ fasziniert mich. Es hat mir gezeigt, wie gutes Entscheiden aus aktueller neurowissenschaftlicher Sicht auszusehen hat. Ich meine nun ganzheitlich davon profitieren zu dürfen. Denn was außer entscheiden tue ich als Pokertrainer wirklich Entscheidendes?

Ich werde im folgenden manche Stelle aus dem Buch aufgreifen, empfehle aber in jedem Fall die komplette Lektüre. Ich glaube nun besser verstanden zu haben, dass man immerfort im Kleinen logisch kalkulierend abwägen muss, um seinen eigentlichen Schatz – die Gefühle – gut ausgerichtet und trainiert zu wissen. Im Großen, Wichtigen und Komplexen hört man dann aber auf seine Gefühle und darf auf sie vertrauen.

Das ist eine mächtige These. Ich glaube an sie und hoffe mit den folgenden Auszügen ihren Kern gut zu treffen. Read Montague, Prof. für Neurowissenschaften an der Baylor-Universität, wird im Buch wie folgt zitiert: „Die Dopamin-Ausschüttung geschieht wahrscheinlich zu 99,9 Prozent, ohne dass wir es merken, aber dafür bestimmen die Informationen und Gefühle, die durch sie an andere Hirnteile übermittelt werden, wahrscheinlich zu 99,9 Prozent unser Verhalten.“

(…) Die Tätigkeit unserer Dopamin-Neuronen zeigt, dass Gefühle nicht nur animalische Instinkte widerspiegeln. Platons „unbändige Pferde“ handeln in Wahrheit aus Erfahrung. Unsere Gefühle entspringen den Vorhersagen höchst lernfähiger Hirnzellen, die ihre Verbindungen untereinander ständig an eine sich verändernde Umwelt anpassen. Immer wenn wir einen Fehler machen oder auf Neues stoßen, reagieren unsere Gehirnzellen hektisch mit einer Aktualisierung. Unsere Gefühle wurzeln zutiefst in der Erfahrung.

Es gilt also tatsächlich: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn man ihm doch glaubt, stimmt etwas mit den Dopamin-Neuronen nicht. (…) Wir können uns aber nicht allein auf solche zellulären Emotionen verlassen. Vielmehr müssen unsere Dopamin-Neuronen immer und immer wieder trainiert werden, damit die Zuverlässigkeit ihrer Prognosen erhalten bleibt. Auf Gefühle zu vertrauen, verlangt eine beständige Wachsamkeit. Intelligente Intuition ist das Ergebnis bewusster Übung.

(…) Bevor unsere Nervenzellen Erfolg haben können, müssen sie wiederholt Fehler gemacht haben. Dieser schmerzliche Prozess lässt sich leider nicht abkürzen.

(…) Während wir uns Experten gewöhnlich als Leute vorstellen, die eine gewaltige Menge an Informationen im Kopf haben und deren Intelligenz auf einem bewussten Wissen aufbaut, lösen diese ihre Probleme in Wahrheit weitgehend intuitiv. Wenn sie eine Situation einschätzen, gehen sie weder systematisch alle Wahlmöglichkeiten durch, noch analysieren sie bewusst die relevanten Informationen. Sie verzichten auf ausgeklügelte Kalkulationen und lange Auflistungen der Vor- und Nachteile einer Option. Vielmehr stützen sie sich auf Gefühle, die von Dopamin produzierenden Nervenzellen erzeugt werden. Ihre Vorhersage-Fehler haben sich in nützliches Wissen verwandelt, so dass sie sich bei der Lösung von Problemen auf ihr Gespür verlassen können, auch wenn sie dieses nicht zu erklären vermögen.

Die Bedeutung all dessen ist für uns – gerade als Pokerspieler – nicht zu überschätzen. Der Laie fühlt und schätzt, aber natürlich nicht gut. Dann lernt er, kalkuliert das Spiel. Selbst wenn er dies gut macht, bleibt es anstrengend und zeitraubend. Außerdem fehlt es einem rein kopfgesteuerten Spieler an geistiger Kreativität. Sein Spiel ist noch nicht rund. Erst wenn er wieder aus dem Bauch heraus zu schätzen beginnt, wird er ein Experte am Tisch – nicht, weil er schätzt, sondern weil er nach viel Rechnerei effizient und präzise zu schätzen vermag. Das Buch zeigt auch Grenzen von Gefühlen auf. Ein Beispiel dafür ist eine Untersuchung zum Hot-hand-Phänomen bei Basketballspielern:

Tversky und Gilovich begannen ihre Untersuchung damit, Statistiken der Philadelphia 76ers durchzugehen. Sie schauten sich jeden Wurf jeden Spielers an und zeichneten auf, ob diesem eine Serie des Erfolg oder des Misserfolgs vorangegangen war. Wenn das Hot-hand-Phänomen real war, dann müssten die Spieler nach einer Serie von Treffern aus dem Feld eine höhere Trefferquote haben als nach einer Serie von Fehlwürfen. Die Erfolgsserie müsste sich in einer verbesserten Spielleistung widerspiegeln. Und was fanden die Wissenschaftler heraus? Dass es für die Existenz des Hot-hand-Phänomens absolut keinen Anhaltspunkt gibt. (…)

Die 76ers reagierten auf dieses Ergebnis schockiert. Andrew Toney (…) war besonders schwer zu überzeugen. Er glaubte fest daran, dass er als Werfer „heiße“ und „kalte“ Phasen durchlaufe. Doch die Statistiken besagten das Gegenteil. In der regulären Saison brachte Toney 46 Prozent seiner Würfe ins Ziel. Nach drei Treffern hintereinander – ein sicheres Zeichen dafür, dass er „in der Zone“ war, so der einschlägige Ausdruck – sank seine Trefferquote (…) auf 34 Prozent ab. Während sich Toney in einer „heißen“ Phase wähnte, war er in Wahrheit eher in schlechter Form. Und wenn er sich in einer „kalten“ Phase sah, kam er offenbar erst so richtig auf Touren: Nachdem er drei Würfe hintereinander verfehlt hatte, schnellte seine Trefferquote auf 52 Prozent nach oben – eine signifikante Verbesserung gegenüber seiner durchschnittlichen Leistung.

Warum glauben wir, dass Spieler Glücks- oder Pechsträhnen haben? Weil uns unsere Dopamin-Neuronen täuschen. Obwohl diese Nervenzellen besonders nützlich sind – sie helfen uns, Prognosen zu vorhersagbaren Ereignissen zu treffen –, können sie uns auch in die Irre führen, insbesondere, wenn wir mit zufälligen Abläufen konfrontiert werden. Solche Vorgänge, wie die in Spielautomaten oder eben bei Würfen im Basketball, halten mitunter positive Überraschungen bereit, die bei uns Glücksgefühle auslösen.

Unsere Dopamin-Neuronen geraten angesichts eines Spielers, der wieder einen Ball im Korb versenkt hat, oder eines Automaten, aus dem Münzen prasseln, so sehr in Erregung, dass wir die Vorgänge völlig falsch interpretieren. Wir vertrauen auf unser Gefühl und nehmen Muster wahr, die in Wahrheit gar nicht da sind.

Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan M. Kalhamer für
gambling-institute.de
– calculated gaming -.


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