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Everest Poker European Cup – Im Wartesaal der Talente – Teil 2

Werthan schlendert über die Terrasse vor der umgestylten Diskothek, die in ein paar Minuten als Pokerraum Verwendung finden wird. Hundertzweiundneunzig unter Starkstrom stehende  Spieler schießen noch Gruppenbilder, streng nach Nationen getrennt und alle Klischees werden erfüllt.

Die Italiener sind die best gekleideten, die Schweizer am unverständlichsten, die Holländer mit dem meisten Restalkohol.  Noch liegt eine latente Pokerapartheit in der Luft und Werthan erinnert sich an sein erstes Turnier, an die schlecht versteckte Aufregung, an die Vorfreude und sein Ziel .  Er wünscht sich das Gefühl  so rein und unverdorben nochmals erleben zu dürfen und beneidet viele derer, die jetzt den Saal betreten.  Werthan wünscht sich jetzt auch noch sein Lieblingsbuch das erste Mal zu lesen.

Turnierbereich

Kaum ein Spiel hat in den vergangenen Jahren die Deutschen mehr mitgerissen als Poker und in den letzten Monaten umso mehr. Wenn große Banken ihr Geld verbrennen und angesehene Firmen untergehen, einer Zeit in der nichts mehr gewiss zu sein scheint, bildet das Spiel eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich in der ehemaligen Spaßgesellschaft  noch einigen kann. Je verunsicherter der Einzelne, desto grösser das allgemeine Verlangen nach Ablenkung und alle die hier sind, fanden diese Ablenkung im Poker.

Die Wände des Raumes wirken mit ihren roten, orangenen und gelben 70er Ornamenten ein wenig psychodelisch, nur unterbrochen von riesigen Everest Plakaten. Thomas Kremser, jetzt mit Krawatte und frisch rasiert leichter zu erkennen, eröffnet den Nachmittag.  Die Stimmung ist wird freundschaftlich, während die  Spieler ihren Anfangsstack von zehntausend Chips stapeln und versuchen durch unbeholfene Chiptricks die Gegner zu beeindrucken.  Wie immer bei solchen Turnieren will niemand der erste sein, dem der respektvolle Applaus, nach seinem All-In, gilt. Preflop/Fold ist der meisten geführte Spielzug für die ersten Stunden. Einige der Pokeranten sind von einem guten Spiel soweit entfernt, wie das Ende des Hügels von Sisyphos.

Thomas Kremser

Werthan schlendert durch die Tischreihen und sieht den schreienden Italiener, dessen mehrfach wiederholte Satz „I’ma nota a fisha“  durch den ohnehin etwas lauten Raum, in Richtung Dealerin schallt. Innerhalb von drei Sätzen hat Thomas Kremser den aufgebrachten Südländer beruhigt und noch wichtiger, seiner Dealerin den Rücken gestärkt ohne jemals eine Schuldfrage zu stellen. Ganz oben, wo das Turnier psychologisch philosophisch wird, wo es wie Zahnräder inneinander greift und den aktuellen Gang bestimmt, die allgemeine Stimmung, das Tempo, ganz oben im Getrieberaum des Pokerns nimmt Kremser seinen würdigen Platz ein und Werthan weiß jetzt wieder, warum Thomas Kremser zu den Besten gehört.

Martin „Timemanagement“ Sturc erzielt mit dem zeitlich anberaumten  Ende des ersten Tages seine Punktlandung. Sein Plan bis zum Bubble zu spielen, unterschreitet er um 22 Minuten.  Die verbliebenen sechsunddreißig sind zum zweiten Mal Sieger geworden, zuerst bei der Landung auf Sardinien und jetzt mindestens um vierhundert Euro wohlhabender.

Spät nachts, als sich der Adrenalingehalt der Spieler  auf Normales regelte, sitzt Werthan mit Silke Burghardt, Thomas, Joffrey, Stephanie, Klaus und Mareike, Martin, Ronnie, Mandy  und er hätte gerne noch alle anderen Spieler bei sich gehabt,  auf seiner  Terrasse, Menschen deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnte, die  eine gemeinsame Leidenschaft fanden, die sie hier auf dieser wundervollen Insel, bei diesen wundervollen Turnier zusammenführte. Bei sardischen Rotwein reden sie bis in den Sonnenaufgang über sich, über alles, über Poker und Werthan freut sich.


2 Comments
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Silke
11 Jahre zuvor

ein grandioses Spektakel!
doch ohne den Werthan wäre alles wie:
„Pommes ohne Ketchup“ gewesen.

Sehnsuchtsgrüsse aus München

timo
11 Jahre zuvor

Dichte, dunkle Regenwolken hängen über Graz. Neuhold sitzt in seinem kalten Büro und versucht sich durch das Lesen der Werthan’schen Kolumne den Tag zu verschönern – und…. es gelingt! Zumindest für kurze Zeit befinde ich mich auf Sardinien, genieße Sonnenauf- und Sonnenuntergänge und verfolge in Begleitung zahlreicher leckerer Cocktails ein spannendes Turnier… DANKE DAFÜR, WERTHAN! 😀