Kolumnen

Gewünschtes Verhalten des Kartenspielers im Spielsalon von 1829

Interessant, was unsere Ururgroßväter an Verhaltensregeln so aufgestellt hatten. Interessant deshalb, zumal diese Regeln noch heute gültig sind. Das tilten am Tisch wird ebenso besprochen, wie Bankrollmanagement oder Table-Selection. Viel Spaß bei einer kleinen Zeitreise!

1. Ehe man sein Jawort zu was immer für einer Spieleinladung, besonders an öffentlichen Orten, gibt, unterrichte man sich sorgfältig von den besonderen Regeln und Gebräuchen der Gesellschaft zu der man treten will, dem Preise, um den gespielt wird, und beurtheile demnach, ob man auch

2. Mit dem nöthigen Gelde versehen sey, um in keinem Falle beym Spiele schuldig bleiben zu müssen.

3. In keinem Spiele soll etwas zur Unzeit gesprochen werden, folglich gar nichts, was nicht zum Spiele durchaus erforderlich ist. – Selbst durch Mienen und Gebehren einem Mittspieler die Stärke oder Schwäche der Karten zu verrathen, muß streng vermieden werden […]

4. Man widme dem Spiele, dessen Theilnehmer man ist, die ununterbrochenenste Aufmerksamkeit, damit man keine Fehler aus Zerstreuung mache und man stets ohne Erinnerung wisse, an wem das Kartengeben, Ausspielen u.s.w. sey.

5. Ein angehender Spieler ist besonnen und schnell, er wird nicht nur im Augenblick seine Blätter überzählt und keine einzelne Farbe übersehen haben, sondern er wird sie auch in der Geschwindigkeit auf eine Art zu ordnen wissen, die während des Spiel seinem Gedächnisse zu Hülfe kommt. […]

6. Der nur in Hazardspielen, mit denen wir hier nichts zu thun haben, übliche Brauch, daß die unterste Karte besehen wird, ist in keinem verständigen Spiele, weder von Abheber noch Geber zu dulden. […]

7. Um unnöthigen Aufenthalt, verdrießliche Rügen und selbst Strafen zu vermeiden, hüthe man sich vor dem Vergeben, das ist einem der Mitspieler zu viel oder zu wenig Karten zu geben.

8. Auch geübtere Spieler, die nicht Lust haben, ihre Barschaft zu einer Beute der Grecs (noble Falschspieler, Anm. d. Red.) zu machen, werden sehr wohl thun, an öffentlichen Orten, jedes Spiel mit ganz unbekannten Personen zu vermeiden. […]

9. Übermuth beim Gewinn und nicht zu verbergender Verdruß beym Verluste, sind zwey, jeden Mitspieler disgustirende Fehler, die aber dennoch sehr vielen Leuten, besonders der letzte, eigen sind. -Ein verständiger Mann wird nie Achtung, die er einer gebildeten Gesellschaft schuldig ist, außer Augen setzen, und sich im Verluste durch Streit und Rechthaberey oder gar durch Sottisen (Frotzeleien, Anm.d.Red.) von pöbelhafter Seite zeigen; er wird unter allen Umständen gelassen und sich gleich bleiben […]

10. Die meisten Anfänger haben die ihnen sehr nachtheilige Gewohnheit, sich zur Übung und Vervolkommnung in einem Spiele, so viel als möglich, nur ihres Gleichen auszusuchen und durch ihre Scheu vor wirklichen Meistern förmlich der einzigen Gelegenheit auszuweichen, je mit denesentlichen Feinheiten eines Spieles bekannt zu werden. Dadurch bleiben sie immer oder noch wenigstens weit länger Stümper, als wenn sie gleich anfänglich den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hätten.

Ohne Lehrgeld lernt man schwerlich etwas Rechtes; wenn man daher Willens ist, sich von einem beliebten Gesellschaftsspiele die genauesten Begriffe und die vollkommenste Übersicht zu verschaffen, so bestimme man doch lieber gleich eine verhältnismäßige Summe, die man diesem Zwecke widmen kann, und verliere diese immerhin an den besten Spieler, den man kennt in wenig Abenden, suche aber von diesem Gelde den höchst möglichen Nutzen durch die genaueste Aufmerksamkeit und fleißige Beobachtung der Maximen des erwählten Lehrers zu ziehen.

Auszüge aus dem 1829 erschienen „Neuesten allgemeinen Spielbuch“ (S.3-8)

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Bild: Eduard Swoboda – Va banque


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