Kolumnen

Gut/Böse, Lüge/Wahrheit, Leben/Tod

… Und was das alles mit Pokern zu tun hat!. Spiele sind ein uraltes kulturelles Phänomen und waren immer wieder Gegenstand philosophischer und sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. Die Hypothesen, warum der Mensch überhaupt spielt, sind vielfältig und widersprüchlich.

Zum Teil liegt dies sicherlich an der unglaublichen Vielfalt des Phänomens, das vom Spielen der Kinder bis hin zu Glücks- und Strategiespielen reicht. Zum anderen mag es auch darin liegen, dass die Ursprünge des Spiels tiefenpsychologischer Natur sind und empirisch nur schwer erfasst werden können. Im folgenden wollen wir uns einer speziellen Frage zuwenden und Überlegungen anstellen, worin denn eigentlich der Reiz des Pokersspiels besteht. Wieso übt dieses Spiel auf so viele Menschen eine derart große Faszination aus? Worin könnten die Gründe für den aktuellen Pokerboom bestehen?

Man kann versuchen, sich dieser Frage auf eine „technische“ oder „materialistische“ Art und Weise zu nähern. Etwa durch die Analyse gesetzlicher Rahmenbedingungen, ökonomischer Interessen, Entwicklungsmöglichkeiten von Online-Plattformen etc. Diese Erklärungen mögen zwar alle ihre Berechtigung haben, erscheinen mir jedoch allesamt ein wenig banal. Ich möchte in meinen Überlegungen einen Schritt weiter gehen und die Ursache im tiefenpsychologischen Bereich suchen. Meine These ist die, dass im Pokerspiel ungelöste und mitunter verdrängte Konflikte des menschlichen Lebens zum Ausdruck kommen und bearbeitet werden. Diese Probleme und Konflikte sind so grundlegend, dass sie universellen Charakter haben und nahezu jeden Menschen berühren. Poker besitzt somit eine ähnliche Funktion, wie sie Sigmund Freud religiösen Zeremonien und Ritualen zugeschrieben hat. Für Freud sind Rituale Ausdruck einer Zwangsneurose, also eines unbewältigten und verdrängten Konflikts. Rituale dienen dazu, diese Konflikte erträglich zu machen, sie abzuschwächen und zu verdrängen. Lösen können sie sie aber nicht. Ich will an dieser Stelle nicht näher auf Freuds Thesen eingehen, sondern mich nur seines Grundgedankens bedienen und die Attraktivität des Pokerspiels zumindest teilweise auf dessen „rituellen“ Charakter zurückzuführen. Keineswegs möchte ich behaupten, dass alle Pokerspieler durch ihr Spiel immer und ausnahmslos verdrängte Konflikte bearbeiten. Es geht mir bloß darum, eine mögliche tiefenpsychologische Erklärung zu skizzieren, die dem Phänomen zugrundeliegen könnte. Freuds Theorie bildet dabei nur einen Ausgangspunkt.

Was sind nun jene existentiellen Fragen und Konflikte, von denen das Pokerspiel handelt und die uns so sehr in ihren Bann ziehen? Bei näherer Betrachtung können drei verschiedene Motive oder besser Gruppen von Motiven unterschieden werden.

Die erste Gruppe betrifft die Frage nach Gut und Böse und nach dem Sinn und Zweck des menschlichen Daseins. Beim Pokern gibt es diesbezüglich kaum Zweifel. Dort geht es schlicht und einfach darum, Gewinn zu maximieren; also die meisten Hände, den größten Pot, das Turnier etc. zu gewinnen. Das Regelwerk ist simpel. Sinn und Zweck sind klar definiert. Gut ist, wer die Regeln beachtet. Böse, wer sie verletzt. Erfolg hat der, der gewinnt. Der Misserfolg ist auf Seiten des Verlierers. Betrachten wir aber unser Leben, so sind wir mit ungleich größeren Schwierigkeiten konfrontiert. Worin der Sinn des Lebens besteht, was gut und böse ist, wie wir leben sollen, daran haben sich während der letzten 3000 Jahre Legionen von Philosophen die Zähne ausgebissen. Verglichen mit unserer Lebensrealität ist die Welt des Pokertisches überschaubar, ja geradezu simpel. Das Spiel erweckt die tröstende Illusion einer heilen, geordneten und in sich konsistenten Welt.

Der zweite Motivkomplex betrifft die Frage nach Lüge und Wahrheit. Poker ist ein Spiel, in dem Informationen von zentraler Bedeutung sind. Es geht darum, die Wahrheit herauszufinden, die Lügen der Gegner zu entlarven und andere über die eigenen Absichten hinwegzutäuschen. Genau wie im wirklichen Leben muss aber jeder Spieler erkennen, dass die Fähigkeiten der menschlichen Erkenntnis beschränkt sind. Über jedem Call, über jedem Raise und über jedem Fold hängt das Damoklesschwert des Irrtums. Selbst die erfahrensten Spieler und die gewieftesten Taktiker können ihre Entscheidungen lediglich aufgrund von Wahrscheinlichkeiten treffen.

Das dritte Motiv, das im Pokerspiel auf verschlüsselte Art und Weise bearbeitet wird, ist schließlich der Tod. Dieser ist beim Pokern allgegenwärtig. Wer All-In geht, der riskiert, alles zu verlieren. Wer den Stack eines Gegners gewinnt, der tötet ihn auf symbolische Art und Weise. Und in aussichtslosen Situationen spricht der Pokerspieler von drawing dead. Der entscheidende Punkt ist nur, dass der Poker-Tod kein wirklicher ist! Wer drawing dead ist, stirbt nicht in der Realität, sondern bloß im Spiel. Es gibt immer ein „nächstes Mal“ oder eine nächste Hand, die gespielt werden kann. Das spiegelt sich auch in dem Umstand wieder, dass viele Poker-Casinos niemals schließen und ihre Tische rund um die Uhr geöffnet haben. So entsteht die Suggestion eines „ewigen Lebens“. Gewissermaßen ist der Mensch am Pokertisch unsterblich. Ganz anders als im richtigen Leben. Dort fürchtet er das Ende und verdrängt die Tatsache, dass er eigentlich seit seiner Geburt drawing dead ist.   Bei genauem Hinsehen erkennen wir, dass diese Motive jenen Kernproblemen der Philosophie ähneln, die Immanuel Kant zu seinen drei berühmten Fragen zusammengefasst hat. Die erste Frage „Was soll ich tun?“ zielt auf die Frage nach dem guten und richtigen Leben ab, nach den Grundsätzen von Ethik und Moral. Die zweite Frage ist „Was kann ich wissen?“ Sie handelt von den Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis. „Was darf ich hoffen?“ lautet schließlich die dritte Frage. Sie betrifft die Grenzen des menschlichen Lebens, die Frage einer Existenz nach dem Tod und die Frage nach Gott.

Ich habe hier einige von Freud inspirierte Hypothesen aufgestellt, worin die Faszination des Pokerspiels bestehen könnte. Das Geheimnis – so glaube ich – besteht darin, dass dieses Spiel so interpretiert werden kann, als ob es vom Leben selber handeln würde. Nicht offen und explizit, sondern auf verborgene und wohl auch irreführende Art und Weise. Poker spielt mit den Ängsten, Hoffnungen und Fantasien, die unsere Existenz prägen, mit denen wir leben und die wir bewältigen müssen. Zumindest in der Welt des Pokertisches scheint es so etwas wie Antworten auf Kants Fragen zu geben. Das ist schön und tröstet ein wenig. Zumindest für ein paar Augenblicke dürfen wir beruhigt sein und uns den Illusionen eines Kartenspiels hingeben. .


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