Letzte Woche habe ich mich mit einer Zeugin der Jehovas unterhalten. Nachdem ich ihr im Laufe des Gespräches gestanden habe, dass ich Alkohol trinke, untreu bin und Poker spiele, verfärbte sich ihr Gesicht und ihre Stimmung. Von unnatürlich blass zu einem noch unnatürlicheren Rot. Von leisem Flüstern hin zu einem unheilvollen Knurren. Ich erinnere mich nicht mehr alle Einzelheiten, mit denen sie mich beschimpfte; das häufigste Wort allerdings war „Lügner“. In diesen christlichen Kreisen wird Onanie als Teufelswerk geächtet. Noch schlimmer nur ist Unzucht mit Stofftieren oder Haushaltsgeräten und Lügen. Es sei denn, man heiratet sein Stofftier vorher.

Dann wird Poker zu Magie. Und zieht uns noch mehr in den Bann als sowieso. Die Lüge als Knalleffekt, der Bluff als Raffinesse der eigenen Spielkunst. Magische Momente, die an einen Entfesselungskünstler erinnern. Lügen als Trommelwirbel. Der zielvoll gesetzte Bluff als künstlerische Urkraft. Ja, man mag sich selber auf die Schulter klopfen wollen. Adrenalin pur und ein feuchtes Unterhöschen. Diese unsere Lieblingslüge ist an Ausdruck, Kraft, Wahnsinn, Schönheit und purer Geilheit nicht zu überbieten.
Schämen wir uns also nicht für unser Wesensmerkmal; der Unehrlichkeit. Besser als Kleptomanie. Oder Feuerlegen. Oder eine SPD-Mitgliedschaft.