Kolumnen

Prösterchen

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Manche Leser meinen, dass Kolumnisten aus einem inneren Drang nach Mitteilungsbedürfnis heraus Kolumnen verfassen. Womöglich, um sich wichtig zu machen oder der Nachwelt etwas zu hinterlassen. Manche Leser meinen, dass Pokerkolumnen einfach sind oder sogar Freude bereiten.

Ich mache es, weil ich Geld dafür bekomme. Irgendwie muss die Sucht ja finanziert werden. Und deshalb schreibe ich halt über die Pokersucht. Und seine Randerscheinungen. Und ich ärger damit immer wieder einige Leser. Wer aber mein Geschreibsel ärgerlich findet, kann mir ja eine hohe regelmäßige monatliche Summe zahlen, dann würde ich auch damit aufhören. Wirklich. Es ist nicht immer leicht, sich etwas über die vier Asse oder die Fünf-Bet aus dem Ärmel zu schütteln, auch nicht, wenn man so kreativ und begabt ist wie ich. Heute beispielsweise habe ich so gar keine Lust und auch keine Ideen, womit ich die geneigte Leserschaft beglücken, irritieren oder verärgern kann.

Soll ich schon wieder die Hoodieträger beleidigen? Oder soll ich mich schon wieder über die Maskottchen lustig machen, mit denen so einige gestanden Kerle am Tisch sitzen? Nein, das habe ich schon zu oft und wirkt auch zu platt. Und es würde mir wieder nur ein weiteres Misserfolgserlebnis bescheren.

Soll ich Euch, meine geliebten Leser, mit meiner Sichtweise von modernem Poker auf die Nerven gehen? Wollt Ihr wirklich ein weiteres Fischrezept von mir? Heute würde ich dann über Scholle Finkenwerder Art schreiben.  Das aber würde der Chefin nicht gefallen. Und Rosi ist extrem streng in solchen Sachen. Und ich habe Angst vor ihr.

Ach ja, ich fand übrigens die olympischen Spiele in London extremst gelungen, inklusive der Eröffnungsfeier und dem Abschlusskonzert. Meine Nachbarin stimmt mir da übrigens zu; das hatten wir gestern als ein Thema, als wir uns am Müllcontainer getroffen haben. Ein total schwachsinniger, für meine Leser völlig uninteressanter Satz, den ich auch nachher aus dem Manuskript streichen werde.

So, und jetzt schreibe ich was Ernsthaftes, was wirklich Gelungenes über Poker. Oder ich leg mich auf die Couch und falle wie so oft in meinen Lieblingswachtraum, ich würde die nächste GSOP gewinnen. Und die übernächste auch. Dann könnte nicht nur Marvin back-to-back. Back ich mir doch lieber ein Brötchen auf und bestreiche es mit Mettwurst und lasse feingehackte rote Zwiebeln draufregnen? Oder soll ich mich jetzt wirklich mal anstrengen und mich echauffieren, warum Poker immer noch nicht olympische Disziplin ist? Nahezu jeder Unsinn darf da mit Gold belohnt werden.

Irgendwie fällt mir dann doch nichts ein. Irgendwie ist das heute nicht mein Tag für geistreiche Bonmots. Ja, auch wir Genies haben es nicht immer einfach. Ich würde jetzt lieber mit dem Kollegen Robbie ein Gläschen rosefarbenen Prosecco trinken. Und mich mit ihm über Hüte unterhalten. Und über Männer, denen Hüte auch wirklich stehen. Oder ich könnte etwas über den manchmal urkomischen, meistens sinnlosen Versuch des Kollegen Werthan schreiben, Hochdeutsch zu sprechen.

Also sinnlose ich noch etwas vor mich hin. Vielleicht schreibe ich doch was über nonsuitednonconnectors oder über Automatenroulette. Oder ich erzähle mal eine gepflegte Bad Beat Story.

Nein, das wird heute nichts mehr; ich kriege nichts Vernünftiges über Poker auf die Reihe. Da ich aber gleich abliefern muss, schick ich das Pamphlet des Grauens einfach los. Und entschuldige mich jetzt schon für die Zeilen, die gestohlene Zeit meiner Leser und für mein deviantes Verhalten. Ich kann nur nicht versprechen, dass es nächste Woche besser wird.

Und jetzt trink ich meinen Espresso macchiato. Prösterchen.

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