Kolumnen

Tischdynamik

15

Ein 6-handed Ringgame. Es geht um respektabel viel. Nicht nur finanziell. Eine Episode der German High Roller mit meiner Beteiligung wurde ausgestrahlt. Ich bekam Antworten auf Fragen, die mich seit der Aufzeichnung beschäftigt haben:

Werden Hände gezeigt, die mir wichtig waren?
Wird ähnlich kommentiert, wie ich die Spielsituation in dem Moment, als ich die Entscheidungen treffen musste, gesehen habe?

Ich war gespannt, in wie weit sich die Sendung mit meiner Erinnerung decken würde: Wesentliche Aspekte der Partie wurden – trotz des enormen Zusammenschnitts der vierstündigen Spielsession – gut eingefangen.

Von Beginn an herrschte eine interessante Tischdynamik, die insbesondere von Jonas geprägt wurde. Davor habe ich  – unabhängig von meiner Rolle als einer seiner Gegenspieler – großen Respekt. Er hatte den Weltmeister Pius in seinem Rücken, was nun zweifellos nicht wirklich optimal ist. Dennoch hat er es geschafft, seine Position auf Horst und mich durchzusetzen – ein deutliches Argument für die Qualität seines Spiels.

Niemand wollte sich wirklich gegen Jonas Anspruch, die Richtung vorzugeben, auflehnen. So wurde aus der bloßen Idee des Anspruchs eine Wahrheit. Das ist Poker in Reinform: Unter verdeckten Karten kommunizieren, Rollen einnehmen, Gebiete abstecken.

Bildschirmfoto 2015-04-19 um 09.15.50Unser Seating, in der Reihenfolge Besko, ich, Horst, Jonas, Pius und Berthold, hat mich zu Spielbeginn vermuten lassen, dass ich mit abwechselnden Openings von Jonas und Pius sowie mit hartem Gegenspiel von Besko rechnen muss. Zu den Rollen von Horst und Berthold hatte ich noch keine Einschätzung. Für meinen „theoretischen Matchplan“ hat sich somit angeboten, zu Beginn der Partie auf Beskos Handlungen zu reagieren.

In Tat und Wahrheit  war Besko genau so still wie wir alle und lauschte überwiegend Jonas tonangebender Stimme. Am ehesten hatte noch Horst Lust auf Spielchen. Ich saß also, entgegen meiner Erwartung, vor der hauptsächlichen Aktion und adaptierte daher mein Spiel entsprechend.

Wie es um mein Außenbild bestellt war, ist dabei relativ einfach zu beschreiben und wird insbesondere von Michael Körner im Kommentar treffend auf den Punkt gebracht, als ich „plötzlich“ opene: „Herr Kalhamer meldet sich zu Wort.“ In diesem Satz schwingt alles Entscheidende mit: Diszipliniert, konzentriert, vorsichtig. Man kann mich somit durchaus erfolgreich bluffen – und schon wird es interessant, denn ich kenne mein Außenbild durchaus und weiß, wie man damit umgehen kann.

Zwei der gezeigten Hände sind besonders entscheidend für mein konkretes Spielergebnis.

Einmal halte ich AK in erster Position und open-limpe. Wir sehen ohne weitere Action zu fünft den Flop K-T-3 rainbow. Ich check-calle 600 von Horst und wir sind nur noch Heads Up. Am Turn kommt eine weitere 10 und ich check-folde gegen eine 2.000er Wette von Horst, der  daraufhin seine 10 sogar zeigt. Diese Hand bereitet mir vom Verlauf her überhaupt gar keinen Spaß und kann an jeder Stelle auch anders gespielt werden.

Meine Gedanken dazu waren folgende: Preflop entscheide ich mich gegen das eigentlich zu bevorzugende Open-Raise, weil ich nach meinem Limp ein Raise in meinem Rücken erwartet habe und dann dynamisch reagieren wollte. Außerdem ist ein Family-Pot mit AK auch kein Beinbruch. Ich treffe perfekt und finde mich in einer Situation wieder, in der es häufig radikal steht: 3-5 Outs für mich oder eben gegen mich. In den meisten Fällen braucht sie aber mein Gegner, denn er hat viel häufiger einen schlechteren Treffer als dass er direkt mit Zwei Paar oder besser aufwarten kann.

Ich check-calle also Horsts Wette am Flop, halte ihn bewusst im Spiel. Die 10 am Turn, gepaart mit Horsts großer Wette, führt leider dazu, dass ich erneut meinen Plan aus der letzten Setzrunde über den Haufen werfen muss. Ich sehe mich nun einfach zu häufig mit einer 10 bei meinem Gegner konfrontiert, bin hart geschlagen und zudem out of Position. Ein harter aber wichtiger Fold, sowohl taktisch als auch im Ergebnis.

Entscheidend ist hier, sofort wieder nach vorne zu denken und sich nicht zu martern. Ja, ich hätte es preflop anders machen können. Ja, ich hätte es auch am Flop entscheiden können. Aber wollte ich das? Nein. Es ist somit unnötig zu hadern, weder mit sich selbst noch mit dem Kartengeber. Es ist wie es ist – und ich habe jeweils so entschieden, wie ich es unter den vorliegenden Informationen nun mal für gut gehalten habe. Dazu kann ich, unabhängig vom Ergebnis, stehen.

Das andere erwähnenswerte Spiel ist eine toughe check-call-line gegen Jonas. Unmittelbar vor dem Spiel kam es zu einem komplexen Multiway Pot, den Jonas sehr offensichtlich gerne für sich entschieden hätte. Nun motiviert er Horst zum Straddle und eröffnet seinerseits auf 600. Pius foldet. Berthold bezahlt. Ich habe im Big Blind As9s und bezahle ebenfalls. Zu dritt sehen wir den Flop AQ2 mit zwei Kreuz. Ich check-overcalle die 700er Contibet von Jonas. Der Turn bringt eine Zehn sowie einen Herz-Flush-Draw. Ich check-calle 3.300 von Jonas. Heads Up sehen wir den River, der mit einer 8 blankt und ich check-calle 5.500 für mein All In. Jonas zeigt King-high, hatte allerdings am Turn enorm Equity aufgesammelt, denn er stand mit Straight Flush Draw gegen mich.

Es lässt sich somit nicht wirklich greifen, wie stabil meine Line gegen Jonas Handlungsprofil steht. Ich habe sie in der Annahme gewählt, dass Jonas hier häufig blufft. Diese Annahme basiert auf dem Zusammenspiel von unmittelbarer Pot Sequenz, genereller Tischdynamik und meinem klar konservativen Außenbild. Aber Jonas hatte in der entscheidenden Setzrunde (alles vorher ist vergleichsweise klein und alles danach nur konsequent) nun mal massiv Equity bekommen.

Ich muss mich in meiner Spielbetrachtung also fragen, ob er hier auch lighter geblufft hätte und ob ich darauf basierend genügend häufig seine Valuelines kompensieren kann. Es wird sich nie vollständig klären lassen. Es bleibt nun mal ein Pokerspiel gegen einen sehr guten Spieler und somit liegt es in der Natur der Sache, dass Fragen offen bleiben.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan Kalhamer für
gaming-institute.de

TEILEN
voriger BeitragDouble Seat Open
nächster Beitrag10 Spieler

15 KOMMENTARE

  1. Mathematisch optimales Spiel kennt keinen Langzeit EV. Ergo kann Stephan das auch nicht gemeint haben. Hat er ja auch nicht, weil er gemeint/gehofft hatte es gäbe eher ein raise auf seinen limp als auf sein openraise. Tischdynamik in diesem Fall falsch einschätzt, und fertig.

  2. SK schreibt meist schöne Artikel, und ich habe durchaus (grossen) Respekt vor deinem Können und Wissen.
    In besagtem Video warst du aber eine grauslige Stimmungsbremse,und hast eben NICHT die Tischdynamik ausgeNUTZT,sondern ausgeBREMST.Mit 2 solchen Freiern am Tisch kann man deutlich mehr „Tischdynamik“ produzieren,indem man für etwas mehr Stimmung sorgt (wie Jonas,wobei dessen allzu grosses Maul auch langsam nervt,vor allem weil er generell immer überheblicher wird,nicht nur an diesem Tisch ,sondern allgemein).Mich erinnert SK an Michael Keiner selig ,wie er rummauert,kein Wort spricht, und jedem Kellernerd zur Ehre gereicht hat.
    Ich kenne dich nicht persönlich ,hier am Tisch kamst du aber unangenehm „professionell“rüber,und genau dieses Verhalten sollte unbedingt vermieden werden, um eine profitable Stimmung aufkommen zu lassen.

  3. … ich habe auch grossen Respekt vor SK`s WISSEN,
    aber gar keinen vor seinem angeblichem Können,
    das zeigen sowohl die Hendon MOB Einträge,
    wie das Verhalten am Tisch bei G H R –

    aber vieleicht müssen „große“ Trainer es selbst ja nur theoretisch können ?!

  4. Ich stimme @Meisterlein und @peter be voll und ganz zu. Und im nachhinein kann ich mir auch jede Hand schön reden, aber der limp hier mit AK ist großer Blödsinn…..ich lad doch an so einem Tisch nicht alle ein, mit jedem nur erdenklichen Scheiß mit zu callen. Da kann er noch so hoffen, dass danach noch ein raise kommt, würd mich nur mal interessieren, wie er die Hand dann weiter gespielt hätte, wenn es soweit gewesen wäre 🙂

  5. Hendon mob Einträge sind doch als Bemessungsgrundlage für das können aus vielerlei Gründen überbewertet und in Anbetracht der Varianz mit mehr als Vorsicht zu genießen.
    Ein Pferd ist ein Pferd und ein Affe ein Affe. In Anbetracht der Tatsache, dass S.K. seine eigene Art hat , ist es ebenfalls vermessen zu erwarten, dass eine für ihm ja dann sog. „künstlische“ Darstellung zwangsläufig zu mehr ev führt. Habt ihr schon mal einen Pferd gesehen, der einen Affen Darstellt? ;-). Sieht Naturgemäß mehr als komisch aus und kann wohl eher -ev wirken.

  6. S.K. spielt nicht besonders viel live sondern mehr Cashgame am Computer. Insofern hat er logischerweise nicht viele Einträge im hendon mob.

  7. Lenzer , ich Hab dich auch spielen sehen. Du spielst selber schwach . Was glaubst du über S.Kalhammers game urteilen zu können?. Und ja ich spiele auch manchmal schwach. Aber wahrscheinlich seltener so schwach wie du. Also es gibt mehr als 2 Meinungen bekanntlich zu allem. 😉

  8. Das spielt keine Rolle für den Inhalt. Es geht hier nicht um dich oder mich.Auch nicht um wo und wann. Versuch zu verstehen was ich da eigentlich dir mitgeteilt habe.

Schreibe einen Kommentar zu lenzer Abbruch