Kolumnen

Tropicana West die andere Seite von Las Vegas

Mitleidig wird Werthan oft angesehen, wenn die Spieler über ihre Hotels – die Arias, Venetians oder Bellagios – reden und er auf die Frage, wo er denn wohne, mit „in einem abgefucktem Motel, wie man es aus Filmen kennt, draußen in der Tropicana Avenue West“ antwortet.  Peinlich berührt und aus falsch verstandener Rücksichtnahme wird dann das Thema gewechselt. „Ist wieder heiß heute …“

Werthan liebt es dort draußen, gegenüber von der Truckstation, umgeben von Fastfood-Restaurants, Tankstellen und billigen 5-Cent-Casinos. Dort gibt es dieses reflexartige Grinsen nicht mehr, wie es ihm am Strip aufgesetzt und unehrlich entgegengeworfen wird. Dort draußen sehen die Menschen müde aus, weil sie den ganzen Tag als Kofferträger, Küchenhilfen oder Taxitürenaufhalter grinsen mussten. Die abgekämpften Gesichter sind ehrlich und fragen nicht „How are you?“, weil es sie in Wahrheit gar nicht interessiert. Am Motel steht überdimensional „Budget Suites“, es hat 14 Blöcke zu je drei Stöcken und pro Stock 14 „Appartements“. Links von ihm wohnt das Latino-Pärchen, das sein Leben durch Drogenverkauf finanziert. Im Halbstundentakt kommen Junkies oder die Chauffeure dicker Stretchlimousinen vorbei und sind nach wenigen Minuten wieder weg, unauffällig, da sie ihre Ruhe haben wollen. Rechts daneben der Bauarbeiter, der einer der letzten ist, die am „Aria“ arbeiten – und weil seine Familie 2.300 Meilen weit weg ist, trinkt er gegen seine Einsamkeit und schläft ohnmächtig vor seiner Tür, da er den Schlüssel nicht mehr ins Schloss bringt. Am Parkplatz vor seinem Block erzählt ihm die Crack-Nutte, dass ihr Mann sie verprügelt, vergewaltigt und rausgeworfen hat, sie aber jetzt zu ihrer kranken Mutter nach Los Angeles muss. Er gibt ihr fünf Dollar, weil die Geschichte nicht stimmt, aber schön erzählt war. Sie sagt ihm, dass er für 15$ einen Blow-Job bekommt. Die nächsten Tage wird sie wieder drüben an der Truckstation stehen, gleich bei der Einfahrt.

Werthan fährt nur selten mit dem Taxi, er nimmt den RTC (Regional Transportation Commission of Southern Nevada) und liebt es, auf den Bus zu warten, der bei wenig Verkehr alle 20 Minuten kommt. Manchmal wird ein Intervall ausgelassen. An der Station, die bis zehn Uhr noch Schatten spendet, sitzen die Obdachlosen – die, die am Strip nicht gesehen werden wollen, die die keiner sieht. Sie reden gerne, ohne zu belästigen, sie erzählen von ihrem Leben. Wie sie spielten gegen Stu Unger, Doyle Brunson und Chip Reese. Sie erzählen mit feuchten Augen und Euphorie von einer besseren Zeit. Bis zu dem Tag, an dem sie broke gingen am Black Jack, Baccarat oder Craps. Sie  fragen nach einer Zigarette, demütig wie geprügelte Straßenköter. Werthan gibt dem einen noch fünf Dollar und weiß, dass er sich kein Bier dafür kauft, sondern dass alles in die Slot-Machine wandern wird, direkt gegenüber im „Wild Wild West“, dem mit dem $-50-Bonus. Im Bus ist es kalt und touristenfrei.

Die Mitarbeiter der Hotels und Casinos in ihren Uniformen und Namensschildern sitzen dicht gedrängt und schweigen. Am Strip steigen sie aus und das Lächeln setzt sich wieder in ihren Gesichtern fest, so wie jeden Tag, wenn sie in diese Welt steigen. Sie haben das Gefühl, dass irgendetwas falsch läuft, sie wissen nur nicht was. Es ist neun Uhr morgens. Betrunkene Teenager wanken mit ihren pokalgroßen Plastikbechern voll mit Margarita über den Gehsteig. Vorm Bally’s ist eine riesige Blutlache. Sie wird, wenn die Touristen aufwachen, schon weggewaschen sein. Vegas ist Fun, da passiert so etwas wie Gewalt nicht. Es will auch niemand so genau wissen, was hier in der Nacht geschah, das macht die heile Welt kaputt. Und die bringt Geld, viel Geld – nur nicht ihnen. .


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