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Von siebenhundert-dreißig auf eins in Düsseldorf

Tassilo Wik steht am Eingang des menschenleeren Saales. Er blickt auf die neunundsiebzig grün befilzten Tische und zurück an die Anfänge der Poker-Bundesliga. Drei Jahre ist es jetzt her, dass er begann die Idee einer Amateurliga in die Realität umzusetzen.

Damals war es gerade mal eine Regionalmeisterschaft für Baden-Württemberg mit dreihundertvierzig Teilnehmern und heute ist es eine nationale Meisterschaft, mit über siebenhundertdreißig Pokermaniacs. Der Ansturm auf die Veranstaltung war wesentlich größer als die Location fassen konnte und die Organisatoren erwartet hatten.

Tassilo Wik steht am Eingang des nun bis auf den letzten Platz gefüllten Raumes und denkt über die  Pläne für das nächste Jahr nach und es soll noch größer werden und auf mehrere Tage ausgedehnt sein und trotz der Überlastung der letzten Tage von ihm und seinem Team liegt Stolz in seinen Augen, Stolz auf die größte Amateurmeisterschaft im deutschen Sprachraum.

Vielleicht wurde beim Eröffnungsprogramm etwas über die Stränge geschlagen, vielleicht zuviel des Guten, vielleicht aber genau richtig um zu zeigen, dass diese Veranstaltung etwas besonderes ist. Anfangend mit dem brachial musikunterstützten Einmarsch der achtzig DealerInnen, gleich darauf die beiden Finalisten der deutschen Meisterschaft 2008 begleitet von vier puschelschwingenden, aber mutigen Cheerleaderinnen und den beiden Pokermatadoren, Meike Busch und Martin Kläser. Die Reden, welche hauptsächlich Dankesreden waren, hielten sich erfrischend kurz. Dann wurde es noch kurz rührend, als nämlich eine Sängerin Namens Patricia die deutsche Hymne anstimmte und fast tausend Personen stehend die Worte mitsangen, ohne dabei die Lippen zu bewegen.
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Nach einer weiteren Hüpfeinlage der Cheerleaderinnen und dem schon fast obligaten „Pokerface“ abermals von Patricia dargebracht, vermeldete der Turnierdirektor Werner Bürgin das ebenso obligate „durcheinandermischen und geben“ allerdings auf englisch. Die Blindstruktur war an die der EPT angelehnt und einem zusätzlich, durch das vergangene Jahr angespielten Bonus, welcher zum Startstack hinzugerechnet wurde. Relativ schnell donkte sich Martin Kläser aus dem Turnier, ob es allerdings wirklich ein Bad Beat war, lässt sich im nachhinein durch unterschiedliche Aussagen nicht mehr wahrheitsgemäß feststellen. Meike Busch sammelte inzwischen für und mit dem eigens engagierte Kamerateam Interviews anlässlich eines Filmes, welcher demnächst im Internet zu sehen sein wird. Mit sehr großem zeitlichen Rückstand erreichte dann auch Ivo Donev den Pokersaal, hielt einen kurzen Pokervortrag und verließ die Veranstaltung ebenso schnell, wie er gekommen war.

Beim Lunchbreak gegen fünfzehn Uhr dreißig befanden sich noch ca. vierhundert Spieler im Turnier und es war im Speisesaal sicher kein einziges Gespräch in dem nicht mindestens einmal die Worte reraise, Turn oder Idiot vorkam. Die Stackgröße und in späterer Folge die dreißig minütige Blinderhöhung ließen das Timemanagement der Turnierdirektoren ein wenig durcheinander kommen.

Geballte Frauen-Power im doppelten Sinn ließ Marion Celikkiran, die einzige verbliebene Dame unter den letzten elf Spielern, verspüren. Als sie mit QQ all-in ging und zweimal von Baby-Assen gecallt wurde. Das Board brachte noch zwei weitere Damen und die Koblenzerin verdreifachte ihren Stack. Um vier Uhr fünfzehn war der Finaltisch durch das Ausscheiden des Bubble-Boys Markus Elshoff ermittelt. Zu diesem Zeitpunkt gingen einige Zuschauer schon ihrem gewohnten Schlafrhythmus nach und verwandelten einige Teile der Halle in einen provisorischen Schlafsaal.

Um  fünf Uhr morgens rafften sich die Finalisten Marion Celikkiran, Benjamin Wittmann, Christoph Eske, Patrick Behrens, Benjamin Heidecker, Erol Erfurt, Dirk Martin, Thomas Zintl, Bakir Hamzic und David Braier nochmals alle Kräfte zusammen um den Kampf um das goldene Poker-Bundesliga Bracelet, besetzt mit Diamanten, Saphiren und Rubinen im Wert von achttausend Euro aufzunehmen. Weitere dreieinhalb Stunden dauerte es dann, bis  Thomas Zintl mit einem Paar Achter gegen das Paar Zehner von Patrick Behrens rannte. Die drei Neuner am Board verhalfen zwar beiden zu einem Full House, wirklich geholfen haben sie aber naheliegenderweise nur Patrick. Nach einem Pokermarathon von über achtzehn (!) Stunden darf sich der Zwanzigjährige nun jüngster Deutscher Meister nennen.

Tassilo Wik sieht müde und erleichtert aus. Seine Gedanken drehen sich noch um Dinge, welche er das nächste mal noch besser machen kann. Obwohl  er sich die Latte mit diesem Turnier selbst sehr hoch legte, findet der Perfektionist immer etwas, das noch besser sein könnte, für „seine“ Bundesligaspieler. Der Zeitplan wäre vielleicht das nächste Mal zu überdenken – nur so ein Vorschlag.


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