Pokerstrategie

Die selektive Wahrnehmung im Poker

Die Suited Connectors Verliebtheit
Sicher, Suited Connectors sind sehr schöne Hände, vor allem wenn sie auch noch den persönlichen Geschmack genau treffen. So hat jeder irgendeine Lieblingsfarbe und auch -Zahl. Daher sind Hände wie 87 in Pik und JT in Karo beliebte Hände, die man natürlich nur ganz selten aufgibt. Die Gründe für eine solche Verliebtheit können vielschichtig sein. Die einen haben grundsätzlich eine Hand, die ihnen einfach gefällt und andere erinnern sich an einen großen Pot, den sie mit dieser Hand eingestrichen haben. Hier liegt auch schon die Gefahr: Spieler erinnern sich nur zu gerne an die großen und wichtigen Pots, die sie gewonnen haben, vergessen aber ganz schnell die unspektakulären Hände wo sie sich mit kleinem Verlust wieder verabschiedet haben.
Wenn Sie ehrlich sind erinnern Sie sich auch an eine schwache Starthand, die einen dicken Pot gewonnen hat. Bei mir persönlich ist das 85 in Pik mit der ich zwei Könige zu Fall gebracht und einen der ersten großen Pots im Livepoker gewonnen habe. An sowas erinnern wir uns, aber nicht an die Hände wo man mit 85 am Button limpt einen Flop von AK9 sieht und ganz schnell foldet wenn jemand einen Einsatz tätigt. Das bleibt garantiert nicht im Gedächtnis und damit entsteht eine verzerrte Wahrnehmung. Kurz gesagt: wir bewerten solche Hände besser als sie sind bzw. gehen von einer falschen Wahrscheinlichkeit aus.

Die Varianz als Ausrede
Poker ist kein Glücksspiel, aber ein Spiel mit nicht zu vernachlässigendem Glücksfaktor. Man kann über Monate Entscheidungen mit dem größten Erwartungswert treffen, wegen der Varianz aber trotzdem keinen Erfolg haben. Viele, eigentlich gute Spieler werfen deswegen das Handtuch. Doch es gibt auch gegenteilige Fälle. Der Spieler, der eben keine richtigen Entscheidungen trifft und über eine gewisse Zeit im Minus ist, macht die Varianz für das schlechte Abschneiden verantwortlich. Ein typisches Beispiel, das ich erst kürzlich wieder in einem Live Cash Game erlebt habe: Ein Spieler raist vor dem Flop, ein weiterer tätigt einen Reraise und der ursprüngliche Raiser setzt den Reraiser mit 100 Big Blinds all-in. Bei Pot Odds von 1,5:1 callt der Reraiser und zeigt AJ, sein Gegenüber 99 und die zwei Neuner setzen sich durch. Der Spieler mit AJ hat einen klaren Fehler begangen und viel zu viele Chips mit solch einer schwachen Hand riskiert. Klar, über den Zug mit 99 lässt sich auch streiten, aber wichtig ist an dieser Stelle, dass der Spieler mit AJ letzendlich eine 50:50 Chance hatte und die Hand verlor. Er kann es voll und ganz auf das böse Pech schieben und sich danach besser fühlen: richtige Entscheidung, schlechter Ausgang durch Pech… kann man nichts machen.
Klar könnte man etwas dagegen machen, nämlich besser spielen, aber genau das wird der Spieler mit AJ nicht erfahren wenn er das Pech für den schlechten Ausgang verantwortlich macht und nicht die Verantwortung bei sich selbst sucht.

Das Thema der selektiven Wahrnehmung ist ein ganz spezielles und es steckt sehr viel Psychologie dahinter. Es ist sicherlich vorteilhaft sich als Spieler damit zu befassen, aber nur die wenigsten Spieler werden Psychologie studieren müssen um an ihrer selektiven Wahrnehmung zu arbeiten. Vielen Spielern ist bereits damit geholfen wenn sie das ganze von einem anderen, einem neutralen und objektiven Blickwinkel betrachten.
Es ist aber sicherlich auch mehr eine Erfahrungs Frage und man wird als Spieler wohl erst im Laufe der Zeit objektiv genug um eine bessere Einschätzung abgeben zu können.


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