Kolumnen

Der Was-Wäre-Wenn Effekt

Folgende Situation.
Man startet den letzten Turniertag als Chipleader und verliert in der ersten Hand ein Drittel der Chips. Jetzt hat man zwar immer noch über Average, vielleicht doppelt so viel, aber man hat keinen dominanten Chiplead mehr, ist vielleicht nicht mehr Chipleader am Tisch.
Blöde Situation. Hätte man den Pot gewonnen, den man womöglich noch durch einen Zweiouter verloren hat, dann wäre man auf und davon und könnte richtig Powerpoker spielen.
Jetzt muss man sich wieder hochkämpfen. Aber der üble Nachgeschmack bleibt. Was, wenn ich den Pot gewonnen hätte? Dann wäre das Final Table fast sicher gewesen.

Anderes Turnier.
Man war den ganzen Tag über short, hat sich aber mit 20 großen Blinds bei einem Re-Stealversuch mit J8s verdreifacht. Jetzt hat man – das erste Mal im Turnier – fast doppelt Average und kann endlich Poker spielen. Die Gegner sollten sich lieber anschnallen, ich hab jetzt Momentum.


Nanu? Zwei identische Situationen und doch so unterschiedlich? Nein. Aber die Bewertungen waren unterschiedlich. Und zwar durch den Weg dorthin geprägt, durch die Vergangenheit, durch eine Vorgeschichte. Durch ein Was-Wäre-Wenn Gedanken.

Gibt es natürlich auch im Cash Game. Wie oft habe ich das gehört (und sogar manchmal selbst gedacht): „Wäre ich doch lieber vor einer Stunde gegangen, als ich wollte. Dann wäre ich jetzt 200 vorne, statt 300 hinten.“

Die wohl häufigste Art des WWW-Effekts, zumindest bei Anfängern, hört man nach dem Flop. Der Spieler hat fast immer vor dem Flop gefoldet, meistens aus den richtigen Gründen. Der Flop kommt, oft mit Rags, oft mit einem Paar, und das Gesicht des Neuling verzieht sich, das Tuscheln beginnt. „Hätte ich doch das Raise mal mit 83o bezahlt! Ich hätte Full House gefloppt!!“ Das Gebahren der Anfänger dient dem Profi als Tell-Generator. Denn dann ist es weniger wahrscheinlich, dass ein anderer diesen Flop hart getroffen hat. Soll sich der Anfänger ruhig über seine oft richtige Entscheidung ärgern, vielleicht verleitet ihn das zu späteren Fehlern.

Der geübte Profi hat diese Gedanken nicht. Er sitzt am Tisch und foldet, callt und erhöht aus den richtigen Gründen. Vor dem Flop, auf dem Flop, auf Turn und River. „Hätte ich doch…“ gibt es nicht. Keine Reue. Zumindest so gut es geht. Ich kenne kaum einen Pokerspieler, der sich durch die Vergangenheit nicht beeinflussen lässt. Manchmal ergreift dieses Gefühl auch die alten Hasen.
Aber ausschlaggebend sollte nur sein, was man jetzt aus der neuen Situation macht. Bin ich „In the Zone“, ist die Zukunft der Fokus.

Beim Pokerspiel kommt es darauf an, möglichst jede Situation wieder getrennt zu betrachten. Ob es eine üble Turnkarte ist oder eine völlig neue Turniersituation. Wichtig ist, was man ab jetzt daraus macht. Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern. Man kann allenfalls aus ihr lernen. Für die Zukunft.

Ist übrigens wie im richtigen Leben.
Ich wünsche euch für 2009 mehr Was-Wird-Werden Effekte,

Euer Jan.


1 Kommentar
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Hugo2020
11 Jahre zuvor

Super Beitragt echt Klasse