Kolumnen

Die Wahrheit – Größenwahn

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Ich kann mich noch genau an meinen ersten Royal-Flush erinnern. Er war mir nach nur 3 Jahren Pokerspiel vergönnt! Durch den beschleunigten Spielablauf im Internet und der Möglichkeit an mehreren Tische auf einmal zu sitzen ist die Halbwertszeit deutlich gefallen. Sie ist trotzdem noch hoch genug.
Das äußere Erscheinungsbild von Iris unterstreicht deutlich, dass sie kein Pokerprofi ist. Elegant, gepflegt, teuer und stilsicher gekleidet, offensichtlich aus Spaß und Freude und nicht wegen Gewinnstrebens dem Pokern zugetan.

Offensichtlich unbeeindruckt von der infinitesimal niedrigen Wahrscheinlichkeit ihrer Errungenschaft, meinte sie trocken: “Das mach ich dieses Jahr nochmal!“ Putzig! Denn nachfolgende Berechnungen ergeben, dass Iris, falls sie 40 Stunden an 350 Tagen im Jahr pokert, bei 20 gespielten Händen pro Stunde, im Mittelwert 92 Jahre auf ein da Capo warten muss. Dennoch bleibt der Ausspruch das Bonmot 2008, denn er wurde mit der kompletten Unschuld des Amateurs getätigt.

Jeff Madsen, US Amerikaner und professioneller Pokerspieler schrieb 2006 Geschichte, indem er, nur 5 Wochen älter als das gesetzliche Mindestalter, sich beim $ 2000 NLH Turnier gegen 1578 Mitspieler durchsetzte und damit jüngster Bracelet Gewinner aller Zeiten wurde. Zum Kompott gewann er nur 6 Tage später ein weiteres Bracelet im $ 5000.- NLH Shorthanded Event. Eine einzigartige und herausragende Leistung.

Bei einem nachfolgenden Interview wurde er nach seiner Sicht der Ereignisse befragt. O-Ton Madsen: “Dieses Jahr habe ich nur 2 Bracelets gewonnen, denn die Szenerie war noch etwas ungewohnt für mich. Nächstes Jahr gewinne ich mindestens 3.“ Bravo Junge! Das ist Größenwahn in seiner puresten Form, denn obwohl Madsen ohne Zweifel hochtalentiert ist, lassen sich Turniere mit großen Teilnehmerzahlen nicht nach Belieben gewinnen.
Kurze Hochrechnung:

Turniergewinn bei 150-2500 Teilnehmern (Main Event mal außen vor gelassen ), freundlich gerechnet = 1:200
200x200x200 = 8.000.000
Allerdings kann Madsen an der WSOP an ca.40 Turnieren teilnehmen, also dividieren wir (mathematisch nicht ganz korrekt, wiederum extrem großzügig gerechnet)
8.000.000 : 40 =
200.000

Alle 200.000 Jahre schafft es ein Turniergott vom Kaliber Jeff Madsen also, so ein Triple hinzulegen. Obwohl zum Zeitpunkt obiger Aussage erst 21 Jahre alt muss Jeff sehr gesund leben, um dieses Ziel zu erreichen.
Ich will ja nicht wetzen, aber kann es mir nicht verkneifen und das auch noch in denglish, eine Hand zu beschreiben, die Madsen auf dem Weg zum ersten Bracelet gewonnen hat ( bitte nicht an Details festbeißen )
Ca.Level 4, Madsen mit doppeltem Average, raist preflop auf 3-faches Blind und wird nur vom Big Blind gecallt. BB ist ein tighter Spieler, der Madsen covert. Flop 10 – 6 – 2 offsuit. BB checkt, Madsen, stolzer Besitzer von A – 10 Contibet in Pothöhe. BB checkraised dümmlich, da er ja nur Drilling 6 gefloppt hat und Madsen raist augenblicklich All-in. Nach dem trivialen Call des BB….Turn A, River A. Full House Madsen. Obligater YES Schrei mit nachfolgendem Turniergewinn. Brilliant!!
Zunehmend komme ich mir vor wie die alte Morla aus der unendlichen Geschichte, die mit der Zeit allergisch auf Jugend reagiert. Junge dynamische Überflieger, die, vom Lauf getragen, meinen sie hätten Pokern neu erfunden. Jeder glaubt er wäre der Größte, nur weil er mal ein Turnier gewonnen und ein paar Finaltische erreicht hat. Turniere werden im K.O. Modus gespielt, was bedeutet, dass zwangsläufig ein Sieger übrigbleibt. Die Frage, ob dieser Sieg mit solidem mathematischen Vorteil errungen wurde oder nur durch Glück, bleibt meist offen. Oder in der Terminologie des deutschen Glückspielmonopols ausgedrückt: „Jede Woche gewinnt irgendein Idiot die Lotterie“.

Auf Grund dieser Überlegungen habe ich mir angewöhnt neue Superstars erst nach 2-3 Jahren wahrzunehmen. Die meisten neuen Helden sind bis dahin schon wieder in der Bedeutungslosigkeit der großen Masse verschwunden. Oft genug sind mir ehrfurchtsgeladene Gespräche oder Berichte untergekommen, die vom neuen Stern am Pokerhimmel handeln und bei mir auf Unverständnis treffen, da ich genau jenem Spieler von Cashgametisch zu Cashgametisch nachtingele. Und selbst wenn sie das Zeug haben sich in der Pokerszene durchzusetzen, gibt es noch genug andere Fallen in die ein unreifer, zu plötzlichem Reichtum gekommener Mensch reintappen kann. Mir ist da noch eine Geschichte in Erinnerung, wie ein Braceletgewinner in Las Vegas es nicht bis zum Casinoausgang geschafft hat ohne vorher beim Craps sämtlichen Gewinn plus Restbankroll plattzumachen. Ich hoffe es hat wenigstens Spaß gemacht. In gewisser Weise ist es fast normal, mit dem leicht verdienten Geld mal so richtig auf den Putz zu hauen.

Als Georg Foreman mit 38 Jahren ein Comeback versuchte, fragte man ihn nach seinen Beweggründen, im reifen Alter seine Gesundheit nochmal auf’s Spiel zu setzen. Ich bin Pleite, bekannte er freimütig. Ja wie habe er es denn geschafft die ganzen Millionen durchzubringen? Foreman: “Fast women and slow horses“

Der Pokerboom hat mit Sicherheit einigen geholfen länger im Geschäft zu bleiben als es ihnen zusteht. Von Online Pokerseiten oder von Privatpersonen gesponsert wird, ohne Rücksicht auf vernünftiges Bankroll Management, munter drauflos gespielt, bis dann schlussendlich 6 bis 7-stellige Minusbeträge erwirtschaftet sind.

Aber auch Cashgame Spieler, die einem trügerischen Lauf vertrauen, finden sich gelegentlich vor dem Nichts wieder. Ein mir bekannter Londoner gewann über den Zeitraum von 6 Monaten in einer 250 Pfund Buy-in Partie unglaubliche 300.000.-.Das entspricht durchschnittlich 8 gewonnenen Buy-ins pro Tag! Meine Beobachtung, dass die Qualität seines Spiels mit dem Resultat wenig zu tun hatte bewahrheitete sich wenige Monate später, als mich Besagter fragte, ob ich ihm nicht einen Tausender leihen könnte.
Ich könnte noch viele Beispiele aufführen, lasse es aber dabei bewenden, eine deutliche Warnung auszusprechen, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren und sich soviel Realitätssinn wie möglich zu bewahren.

Denn bedenke Grünschnabel: “Wenn Du Dich nach vollbrachten Heldentaten des Vortags nackt im Spiegel betrachtest und glaubst Dir sind als Resultat Deines Mutes ein zweites Paar Eier gewachsen, dann ist es wahrscheinlicher, dass der normale graue Alltag wieder eingetreten ist und Dich gerade jemand in den Arsch fickt.“

Phillip Marmorstein

19 KOMMENTARE

  1. Im Fall Madsen rechnest Du wohl an der Wahrscheinlichkeit rum, dass er drei Bracelets in Folge gewinnt. Das hat er aber nicht behauptet, oder. Er will nur 3 im Jahr gewinnen. Da sieht das doch etwas anders aus. Ich will ja nicht kleinlich sein, aber bei der Stochastik ist man als Pokerspieler lieber etwas genau.

  2. Oh wie wahr. Keine Frage, Herr Marmorstein weiß, wovon er schreibt. Ich bin im ähnlichen Alter und habe mehrfach Menschen erlebt, die nach einem oder (seltener) mehreren Turniergewinnen plötzlich glaubten, das ginge immer so weiter. Wie sagt Edward G. Robinson aka Lancy Howard in Cincinatti Kid so schön: „Es gibt immer einen jungen Mann…“

  3. Genial wie eh und je…aber vorallem bin ich froh endlich mal wieder was von Mamorstein zu lesen.
    Bitte nicht ganz so lange warten bis zur nächsten Kolumne!

  4. Vor bald 20 Jahren war ich Zeuge der Gschichte von Jesus und dem Barbier:
    Jesus war ein schmächtes,gerade den Windeln entwachsenes Bürschchen mit Bartflaum,Jesuslatschen,Rippenunterhemd und Apfel in der Hand.Der Barbier war der damals weltweit gefürchteste Backgammonhai überhaupt,der seinen Namen deshalb trug ,weil er wirklich jeden rasierte ,der es wagte, ihn herauszufordern.Jesus hatte kurz zuvor im mondänen Palacehotel Gstaad die damals exorbitante Summe von 40000 DM gewonnen,und ,Jeff Madsen läßt grüssen,dachte wohl,was will der alte Sack, vor dem sich alle fürchten,ich bin der größte,stärkste und beste im Himmel und auf Erden.Ob Jesus seine Hotelrechung noch bezahlen konnte, oder der Barbier ihm aus der Patsche half, ist mir nicht bekannt,rasiert jedenfalls wurde Jesus gründlich, und zusätzlich wurde ihm sein Haupthaar genommen,so dass er bis heute eine Glatze tragen muß.Gelernt hat Jesus bis offenbar nichts daraus,oder denkt wirklich jemand, Gus H sei heute in seinen Onlinemetzeleien langfristig profitabel?Der Barbier jedenfalls ist auch heute noch am rasieren.Ergraut zwar und etwas fülliger ,und etwas weniger scharf mit seinem Rasiermesser,dafür hat er das Schreiben gelernt ,nicht wie ein Dichter,eher wie ein Fallbeil,scharf geschliffen,exakt, und tödlich auf den Punkt gebracht.

  5. und wieder ein Beitrag mehr von einem frustrierten Seniorspieler, der einfach nicht damit klarkommt, dass die neue Generation ihm um Längen voraus ist

  6. @jungspund: tritt doch einfach Mal an gegen den frustrierten Seniorspieler,ich bin mir sicher, er überläßt dir die Wahl der Waffen.Dann wird er dir dein Haupthaar ebenso um Längen richten, wie allen anderen Großmäulern der neuen Generation.

  7. 😀 … vielleicht bekommen wir eine ähnlich emotionell angeheizte Debatte wie vor einiger Zeit durch Eddy Scharf auf pokerstrategy und overcards angeheizt… 😆

  8. Ich bin zwar nicht jungspund, aber ich will gegen Marmorstein spielen, dowant dowant dowant

    Anytime, anystake above nl1k

  9. @ stefanvodoo
    Mein mathematisches Verstaendniss beschraenkt sich leider auf Dinge,die fuer mich praktische Bedeutung haben.Den Rest hab ich leider mangels Praxis vergessen.Es sollte sich hier jedoch nur eine Naeherung handeln,falls Du die genaue Ausrechnung im Kreuz hast kannst Du sie ja gerne mit uns teilen,dann lernen wir alle etwas

  10. @ respect & jungspund
    Verlockendes Angebot!Bin z.Zt in Vegas,danach in Velden,aber ab September wieder in D.Werde dann aber bestimmt so reisefaul sein,dass Ihr mich schon in Muenchen besuchen (besser :heimsuchen )muesstet.Koennt Ihr nur NL Hold’em spielen,oder seid Ihr schon etwas komplettere Pokerspieler?Mir wuerde z.Bsp. ein 5-Kampf mehr Spass machen.Und den Tarif bitte der Bankroll entsprechend festlegen,denn „anystake above“ kann ganz schoen teuer werden.

  11. @marmorstein

    Zufällig komm ich aus aus München, das wär also kein Problem, versteh aber nicht wieso man einfach online spielen kann, wo ich mich eh wohler fühlen würde (aus Gründen von Anonymität / Multitabling / Fairness ect.).

    5 Kampf wird ein bißchen eng, mehr als FL / NL HE und Omaha beherrsch ich nicht wirklich auf höherem Niveau, wobei ich Omaha auch nicht unbedingt auf zu großen Stakes spielen wollen würd (NL 10/20 oder FL 25/50 kein Problem), ansonsten wär ich weiterhin interessiert, geh aber nicht davon aus das sowas jemals stattfinden wird.

  12. So,da sind wir schon mal einen Schritt weiter.Online spiele ich nicht,ich will Dir schon in die Augen sehen koennen(hoffentlich versteckst Du Dich nicht hinter einer Sonnenbrille).Omaha wird eigentlich Potlimit gespielt,alles andere bringt zu wenig Action.Holdem ist fuer mich FL und NL in Ordnung.Zur Wahrung Deiner Anonymitaet schickst Du am besten Deine Mail Adresse oder Tel-Nr an die Redaktion der Pokerfirma.Ich kontaktiere Dich dann

  13. Gna… die Angaben zu den Stakes waren auf die Hold’em Varianten bezogen, dass man Omaha hauptsächlich PL spielt, weiß sogar ein Fisch wie ich 🙂

    Email ist verschickt, Details klären wir dann auf dem Weg.

    Viel Glück in Vegas.

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