Kolumnen

Die Wahrheit – Zockerleben

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Na ja, wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich die Abstimmung ein wenig manipuliert habe. Denn mir war bewusst, dass diejenigen, denen meine Artikel nicht gefallen, eh nicht bis 3 zählen können und so faktisch gar kein Votum abgeben konnten.

Relativitätstheorien

Die Backgammonturniere in den 80ern, wurden fast ausschließlich in großen Hotels abgehalten. Oft leicht außerhalb der Hauptsaison, füllten so europäische Spitzenhäuser ihre Leerbetten. So kam es zu durchaus angenehmen Kasernierungen, da wenige einen Sinn darin sahen, das Hotel zu verlassen, in dem man perfekt umhegt wurde. Der Turniermodus beim Backgammon ist ein K.O.-Format, das es mit sich bringt, dass zwischen den Matches reichlich Zeit für andere Tätigkeiten bleibt. Einmal ausgeschieden, zogen die meisten Highroller es sowieso vor, untereinander um Geld zu spielen, als an den kleineren Zusatzturnieren teilzunehmen. Zwei solche, Jürgen, ein Münchner, und Martin, ein Schweizer, hatten sich bei einem Turnier in Deutschland ineinander verbissen. Beide exzellente und vielseitige Spieler. Hier ging es nicht nur ums Geld, sondern auch um Prestige. Um die Hackordnung ein für allemal festzulegen, spielten sie während 3 Tagen Backgammon, Rommée und Zenserln, eine Klammerjass-Variante. Als am Abreisetag aufaddiert wurde, war Jürgen 9000 DM hinten. Da er über lange Zeiträume an unsolider Geldwirtschaft litt, war er auch damals gerade pleite. Aber man kennt sich ja, also kein Problem, die Schulden werden beim nächsten Treffen bezahlt.

Zwei Wochen später fand ein Turnier im Hotel Majestic in Cannes statt. Ich saß mit Martin im Foyer beim Café, als Jürgen das Hotel betrat. Er ging an die Rezeption um einzuchecken, unterbrach das aber sofort, als er Martin sah. Freudig lief er auf ihn zu, und holte noch im Gehen, ein Bündel französischer Francs heraus, die er Martin überreichte. Martin war sehr erfreut, da es beim Zahlen von Schulden in Zockerkreisen ja immer mal wieder zu Verzögerungen kommen kann. Beim Nachzählen stellte Martin aber fest, dass das Bündel nur aus 9000 FF bestand – bei einem Wechselkurs von ca. 30 DM für 100 FF, also nur einen Gegenwert von 2700 DM repräsentierte. Was er bezüglich des Rests zu tun gedenke, wollte Martin nun wissen. O-Ton Jürgen:

„Rest? Welcher Rest? Ja weißt du denn nicht, dass immer in der Landeswährung ausgezahlt wird? Wir sind quitt. Ich hab 9000 bezahlt. Hätten wir uns in der Schweiz getroffen, dann hätte ich dir 9000 CHF gegeben, oder in England 9000 £. Du hast eh Glück gehabt, dass wir nicht in Italien sind!“


Entgegen landläufiger Meinung sind die Weltmetropolen für Live-Poker nicht Wiesbaden und Hamburg – Schenefeld, sondern Los Angeles und Las Vegas. Die Bandbreite der angebotenen Spielvarianten und Spielhöhen, in Verbindung mit durchgehenden Öffnungszeiten, ermöglichen es, sich bedingungslos auszutoben. Wo kann man denn in Europa z. B. $400-800 Limit Horse spielen?

Genau das ist aber die Lieblingsvariante eines englischen Freundes von mir, der sich deshalb ca. 3 Monate pro Jahr in den USA aufhält. Nach einem Monat im Commerce-Club in L. A. war er ins Bellagio in Las Vegas übersiedelt, wo er bereits seit 6 Wochen zugange war. Er beklagte sich über seinen anhaltenden schlechten Lauf und den daraus resultierenden Großbrand von $200.000.

In einer nachfolgenden Sitzung war er erneut $30.000 hinten, und beschloss, eine kurze Pause einzulegen, um den Lauf zu drehen. Anschließend an den Pokerraum befindet sich das Sportsbook mit einer großen Bar, wo man, nach geleistetem Wetteinsatz, bei einem Drink den Ausgang des Spiels oder Rennens auf Großbildschirmen mitverfolgen kann. Nicht zuletzt wegen der Nähe zum Pokerraum wird diese Bar von Repräsentantinnen des horizontalen Gewerbes bevölkert. Die Schönheit der anwesenden Grazien wird nur noch durch die exorbitanten Preise übertroffen, die sie für die Erbringung ihrer Dienste fordern.

Bereits 10 Wochen allein unterwegs beschloss mein Freund, um auf andere Gedanken zu kommen und auch um sicherzustellen, dass seine Verlustserie nicht auf hormonellem Überdruck basierte, eine der Damen zu sich aufs Zimmer zu bitten. Natürlich unter Zeitdruck, da er ja zurück zur Partie wollte, sprach er die Dame seiner Wahl wie folgt an:

„Hör zu, ich will hier nicht lang diskutieren, ich gebe Dir $300 für eine halbe Stunde.“

Die Dame antwortet darauf trocken: „Das ist nicht genug.“
„Na gut, hier mein letztes Angebot … 45 Minuten!“

Phillip Marmorstein

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