Kolumnen

Fremde Menschen volltexten

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Woher kommt eigentlich dieser Drang, wildfremde Menschen im Zug vollzuquatschen?
Ungefragt, ohne Grund, ohne Sinn, einfach drauf los. Mir ungefragt die Lebensgeschichte seit dem 22. Lebensjahr zu erzählen. Inklusive der Probleme, die die Tochter gerade mit ihrem aktuellen Kerl hat. Inklusive der Magen-Darm-Probleme, die sie seit ein paar Jahren hat. Als wenn mich das interessieren würde. Als würde ich auch nur ansatzweise Interesse heucheln.

Nennt mich von mir aus misanthropisch. Oder nennt mich von mir aus auch gerne ein ignorantes Arschloch. Denn, ja, andere Menschen gehen mir immer mehr aufn Sack. Die meisten zumindest. Die, dich mich nicht in Ruhe lassen. Die, die mir trotz anfänglich höflicher Bitte weiterhin das Ohr abknabbern. Ungefragt und egal wo man im Zug sitzt. Ob erste Klasse auf einem Einzelsitz oder im Speisewagen am Vierertisch. Zwischen „Entschuldigung, ist hier noch frei?“ und „ja, guten Appetit, aber das muss ich Ihnen erzählen, das Chili con Carne kann ich gerade wegen meiner Darmprobleme nicht essen“ liegen keine 25 Sekunden. Halt s Maul.

Drei Stunden später.
Ich habe lange darüber nachgedacht und meine Mutter angerufen, ob ich schon immer so gewesen bin. Nein, früher, damals war ich wohl ein total höflicher, netter und allen zugewandter junger Mann gewesen. Damals. Es fing laut meiner Mutter erst an, als ich in schlechte Gesellschaft gekommen bin. Als ich nächtelang unterwegs war, mit zwielichtigen Menschen in noch komischeren Etablissements. Als ich kaum noch nach Hause gekommen bin und ewig genervt und in Geldnot war. Damals muss ich mich total geändert haben. Damals, als das mit dem pokern angefangen hat. Ja, früher war alles besser. Irgendwie. Oder auch nicht. Ist mir aber auch egal. Raise, du Bettnässer. Und noch egaler ist mir die Story, wie du vor vier Wochen im fünften Level, nachdem du auf 1.800 in early position ….

(Ihr wisst, was ich meine …)

3 KOMMENTARE

  1. hm, da Poker ein kompetitiver Sport ist, den man als absoluter Einzelkämpfer betreibt,
    kann es schon sein, dass intensives Pokerspiel den Charakter verändert.

    Es geht darum den Gegner zu besiegen, besser zu sein und zu „überleben“ (Turnierpoker)

    Nicht jeder wird deswegen zu einem egoistischen Arschloch, aber bei manchen kann es schon eine Tendenz ausmachen.

    Hat nicht jeder von uns Spieler schon mal gedacht ICH BIN DER GRÖßTE oder DEM ZEIGE ICH JETZT MAL WO DER HAMMER hängt.
    Ich glaube schon, und ich glaube, dass sich das in den Alltag hineinschleichen kann.

    Aber das ist nicht schlimm, Poker ist bei weitem nicht so gefährlich wie ein Ego-Shooter-Spiel.

    Es hat auch ein soziale Komponete , nette Unterhaltung am Tisch, Austausch mit Freunden über Spielweise, Staken usw..

    Da es so facettenreich ist lieben wir ja dieses Spiel so sehr.
    Best Hands wünscht MarcShark

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  2. Tja , Poker ist halt ein Sport für Egoisten und Einzekämpfer
    Man muss/will Siegen, andere besiegen.

    Das kann erwnsthaft den Charakter verändern/verstärken
    Muss es aber nicht 🙂

    Das ist das schöne am pokern, die Facetten, auch die soziale Komponenten wie „staken“, Austausch mit anderen und Table Talk machen das Spiel so faszinierend

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