Kolumnen

Nicht meine Hand Teil 2

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Wie versprochen „x-e“ ich euch heute noch meine Behauptung aus, dass Tim’s Bluff-5-Bet aus meinem letzten Beitrag zum meinem großen Missgefallen nicht nur erfolgreich sondern auch noch wertschöpfend war.

Ehe ich beginne will ich noch auf zwei Dinge eingehen:

1. Dass Tim mit seinem Bluff Wert schöpft, muss mir missfallen! Denn wenn er Wert schöpft und ich in der Hand bin, so zieht er diesen Wert wohl aus meiner Line – ganz nach Sklanskys großem Pokertheorem…

2. Ich versuche die beiden Artikel analog wirklichen Pokerdenkprozessen aufzubauen: „Live und in Farbe“ also als Spieler mache ich mir meist nur logische, in deutsch formulierte Gedanken. Es kommen selten Zahlen vor. Zahlen laufen im Hintergrund ab. Sie sind die Basis für die Logik in meinen Gedanken. Ich habe schon so viel gerechnet, dass ich vieles einfach schätzen darf und weiss, dass ich dabei kaum irre. Auch rechne ich oft genug im Nachgang und erhalten mir so das Selbstbewusstsein auch in Zukunft mit schnellem Schätzen hinreichend präzise zu sein. Bauchentscheidungen muss man sich erarbeiten. Man darf sie sich nicht einfach selbstgefällig leisten! Dann trifft man zwar auch Bauchentscheidungen, aber eben keine guten.

Gehen wir also an die Arbeit:

Tims 5-Bet investiert frische 3.800, welche er im Vergleich zur gegebenen Alternative „Fold“ riskiert. Er kann dafür aber, falls er unmittelbar gewinnt, 3.850 (=50+100+800+2.100+800) einstreichen, was per „Fold“ natürlich unmöglich wäre. Zieht man hier Bilanz, so sieht man, dass er schon ab einer Erfolgsquote von 50% „Plus macht“.

Geht man einen Schritt weiter und bedenkt, dass Tims letztes Raise seinen Stack committet – er also jedes All In zu callen hat, weil er mindestens 3:1 in Chips geboten bekommt und ausser gegen Asse allein gegen jede andere Range mit seiner Hand (A6) im Mittel die benötigten 25% Equity besitzt – so rechnet man in etwa folgendes:

Wenn ich pushe und Tim callt, so ist in etwa 1k Deadmoney im 21k Pot zwischen uns. Tim hält für diesen Fall in etwa 30% Equity, weil er meist dominiert ist oder nur eine Overcard gegen ein Paar hält. Sein Wert im Topf beläuft sich also auf ca. 6.300. Er vernichtet also auch in dieser Betrachtung keineswegs einen Wert der die Chance (unmittelbarer Gewinn von 3.800, s.o.) übersteigt. Es bleibt somit dabei: Tim muss zu mindestens 50% mit seinem Bluff durchkommen und er schöpft Wert.

Letzte Aufgabe der Mathematik in Kombination mit Pokersachverstand ist es nun, diese benötigten 50% auf Plausibilität in der gegebenene Situation einzuschätzen:

Mit welchen wirklichen Händen „leiste“ ich mir einen Flatcall im CO mit all seinen Multiwaygefahren? Wenn überhaupt, dann maximal mit AA, KK, AK, AQ, dann wird es schon dünn. Denn schon QQ oder AJ wären hier überspielt per Flatcall, arbeiten besser als 3-Bet. Diese Menge ist also sehr klein im Verhältnis zu den vielen vielen Händen mit denen ich wegen des Postflopspiels (in Position und bei dickem Stack) ein gegebenes (weakes) Opening calle. Da ich tatsächlich J6s halte, sieht man klar, dass ich tatsächlich viel öfter Mist habe als Premium.

Doch diese Einschätzung ist noch nicht entscheidend. Denn erst nach Tims gecallter 3-Bet und meiner 4-Bet muss man fragen: Ist es wahrscheinlicher, dass ich eine der plausiblen Tophände erst flatcalle und dann aufdrehe oder dass ich situationsbedingt mit einer schlechten Hand „durchdrehe“. Tim hat seine Abwägung gemacht und Recht behalten. Ich hoffe für mein Spiel, dass er nur wenig „Wert geschöpft hat“ sprich: dass ich im Allgemeinen in solchen Spots zumindest zu 40% ein Monster halte. Da Poker unvergleichlich komplex und unsere Zeit als Spieler doch recht kurz ist, werden wir das wohl nie wirklich erfahren.

Ich hoffe euch ein wenig produktiv unterhalten zu haben und wünsche einen guten Start in 2012!

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan Kalhamer für
gaming-institute.de

5 KOMMENTARE

  1. Ein wirklich aufschlussreicher Beitrag. Vielen Dank. Ich habe da allerdings eine Sache hinzuzufügen:

    „Spielen Sie suited Karten öfter aber übernehmen sie sich nicht dabei. J-6 ist eine grottenschlechte Hand. Egal ob gleichfarbig oder nicht.“
    Borer, Mak, Tanenbaum: Gewinnstrategien für das Short-Handed Spiel. Regensburg 2008, S. 48. übersetzt von Stephan M. Kalhamer

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