Kolumnen

Peak Performance

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Manche Ansätze, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sind zwar löblich – ob sie in letzter Instanz zielführend sind, bleibt fraglich. Zum Beispiel die Idee eines jungen Mannes aus Irland, der die Weltressourcen durch Verzicht auf Wasser und Energie schonen will, indem er sich selbst und seine Kleidung nie mehr wäscht.

Fraglich ist auch, ob meine Berufswahl die Welt zu einem besseren Ort macht, da ich als Spieler ja kein Produkt erzeuge oder sinnvolle Dienstleistungen erbringe. Was aber mit Sicherheit die Welt zu einem besseren Ort für mich machte, waren die Ereignisse im Herbst 1987, als ich zum ersten Mal mit Golf in Berührung kam. Und zwar in Form eines reizenden Herren auf einem Backgammon-Turnier in Graz, der zu einem kräftigen Tarif brav meine Taschen füllte …

Nach Beendigung der Sitzung verabredete er sich gleich für den nächsten Tag. Lecker! Nach der zweiten Sitzung erklärte mir mein Gegner, so sei er noch nie vernichtet worden; bei ihm im Golfclub wäre er wohl der beste Spieler. Was, dachte ich mir, von der Sorte gibt’s noch mehr? Es stellte sich heraus,dass der Golfclub im Süden Münchens lag, 40 Minuten Fahrzeit von meiner Wohnung entfernt. So ein Glück. Ohne langes Überlegen bewarb ich mich für eine Mitgliedschaft ab 1988. Ach so, jetzt musste ich ja auch noch  Golfen lernen, schon um nicht als reiner Backgammon-Hai aufzufallen. Der Intensivkurs begann im April. Sue, eine bezaubernde englische Proette, war die Kursleiterin. Es konnte mir gar nicht schnell genug gehen – so wie ich alle Spiele in meinem Leben wie ein Schwamm aufgesaugt hatte und bei meiner durch Billard geschulten exzellenten Auge-Hand-Koordination würden die letzten Tage des Wochenkurses mich bestimmt schon langweilen.Weit gefehlt! Wer schon einmal den Spruch „Golf macht demütig“gehört hat und selber Golf spielt, der weiß, wovon ich rede. Meine maßlose Selbstüberschätzung war wie weggeblasen. An ihre Stelle trat der Ehrgeiz, auch dieses Spiel zu meistern.  Die idiotische Illusion, es beim Golf zur Meisterschaft zu bringen, ist der realistischeren Vorgabe gewichen, die Zahl der ins Seitenaus geschlagenen Bälle auf ein finanzierbares Maß herunterzuschrauben.

Da mein Stil leider als loose-agressiv bezeichnet werden muß, wird es wohl bei ewiger Patzerei bleiben. Was also bringt mich und andere Leidensgenossen zurück auf den Golfplatz? Lassen Sie sich nichts vorlügen! Von wegen frische Luft, soziale Kontakte oder Entspannung. Es geht nur um das Gefühl, den Ball perfekt zu treffen! Die Euphorie, scheinbar mühelos, mit einem satten Schmatzen, den „Sweetspot“ erwischt zu haben und dann dem Ball, der sich mit dem durch die extreme Kompression erzielten Zischen in einer perfekten Flugbahn präzise aufs Ziel zubewegt, in einer grazil ausbalancierten Schlußposition verharrend, nachzusehen. Schon am fünften Tag, nach etwa 800 geschlagenen Bällen, war mir die Premiere dieses Hochgefühls vergönnt.

Ähnlich einem Kleinkind, dem es zum ersten Mal gelingt, sich alleine die Schürsenkel zu binden, lief ich aufgeregt zu Sue, um ihr mein Erlebnis zu schildern. Ja, meinte sie lakonisch, das musst du 99 von 100 Mal so hinbringen. Na bravo, wie soll ich denn das jemals schaffen? „Du musst fleißig trainieren, körperlich und geistig auf der Höhe sein“ Und dann: „Wenn du bereit bist, maximale Leistung zu bringen, wird sie sich auch einstellen“. Und weiter: „Wenn du im Stadium der Peak Performance bist, kannst du das Gras im selben Moment riechen, in dem du es mit dem Schläger abmähst.”

Ja, ja, klar, dachte ich ungläubig. Einige Tage später war es dann soweit. Ich roch das frisch gemähte Gras und wusste, dass der Schlag perfekt war, noch bevor ich ihn fliegen sah. Ich war mit mir und der Welt im Einklang, in der „Zone“, wo alles gelingt. Leider nur bis zum nächsten Schlag, den ich wie üblich völlig vermurkste. Spätestens an dieser Stelle denkt sich der geneigte, jedoch ungeduldige Leser: „Komm endlich zur Sache, du Wichser!“ Okay, okay.

Die meisten Pokerspieler dümpeln im Mittelmaß, ohne sich dessen bewußt zu sein. Fehlenden Erfolg erklärt man sich  durch fehlendes Glück. Für diese armseligen, zur Selbstreflexion unfähigen Flachdenker bleibt tatsächlich nur ein Ausweg aus dem Mittelmaß, leider in die falsche Richtung: das Absacken in die untersten Regionen der selbstimplementierten Geldzerstörung. Dabei ist die Formel des Erfolgs ganz einfach zu erkennen,wenn auch nicht einfach umzusetzen: (Wissen+Wollen) x Glück = Erfolg.

Es ist keine optische Täuschung, wenn immer die gleichen Namen in den Statistiken der größten Cash-Gewinner und Turniersieger auftauchen. Diese Spieler haben alle etwas gemeinsam: sie haben sichergestellt, dass die beeinflussbaren Elemente des Erfolgs am Maximum sind.

Dabei ist es irrelevant, welchen Teilbereich von Pokerwissen man als allerwichtigsten einstuft. Wichtig ist es, alle Bereiche verinnerlicht zu haben und so in der Lage zu sein, ohne große Anstrengung sämtliche Situationen korrekt einzuschätzen. Routine in der Informationsverarbeitung ermöglicht so einen ermüdungsfreien und minimal fehlerträchtigen Ablauf der Entscheidungsprozesse. Ein inneres Zusammenspiel mit variabler Gewichtung von Mathematik, Psychologie, Deduktionsfähigkeit und Handanalyse führt dann zur angemessenen Reaktion. Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Rahmenfaktoren sowie Erinnerung an früher wahrgenommene Eigenheiten der Gegner ermöglichen weiteres Finetuning.  Der zweite Teil der Gleichung ist der absolute, permanente Siegeswille. Auch die technisch besten Spieler versagen schließlich, wenn die Spannung nachlässt. Hier gibt es eine Vielzahl möglicher Gründe, von denen einige auf den ersten Blick gar nichts mit Poker zu tun haben.

Finanzielle Sättigung, geistige oder körperliche Übermüdung (Burnout), unbewältigte Probleme jeglicher Art usw. – je mehr negative Randfaktoren ausgeschaltet sind, am besten alle, desto besser kann man sich auf das Spiel konzentrieren. Erfahrene Pros haben die Wissensseite abgedeckt und wenn es ihnen gelingt, sich im absoluten Wollen zu fokussieren, dann stellt sich die Peak Performance ein; die Zone, in der alle Entscheidungen richtig sind, die absolute Kontrolle über sich und seine Umgebung. Dazu gehört die intuitive Aufnahme auch der kleinsten Schwingungen und Signale, die der Gegner aussendet. Der Rest ist dann Glück, das bekanntlich nicht zu beeinflussen ist. Wenn es so aussieht, dass der gute Spieler mehr davon hat, dann nur, weil er in Relation zur Weichbirne viel weniger davon braucht. Also beschweren Sie sich nicht über mangelndes Glück, sondern geben Sie ihm durch die  Schaffung der richtigen Grundlagen eine Chance.

Phillip Marmorstein.

10 KOMMENTARE

  1. fein-ich habe- glaube ich-5 pokerbücher gelesen und in allen war das oben geschriebene ein wichtiger Faktor-und deshalb weiß ich jetzt nicht,was der Artikel soll-außer das ich nun weiß, was du 1987 und 1988 gemacht hast und das man kein Wasser verbraucht, wenn man sich nicht wäscht…Und sollen doch alle guten Spieler froh sein, dass es viele schlechte und mittelmäßig Spieler gibt…

  2. danke für den Artikel, schaut doch mal in die bekannten Foren unter der Rubrik „badbeats“ .. da schreiben Spieler tlw. seit JAHREN vin anhaltendem Pech .. die glauben ernsthaft, dass das „Glück“ auch nach einigen 100.000 Händen noch immer ungerecht verteilt ist und sie ständig auf der falschen Seite der Varianz stehen .. ich KANN es nicht mehr hören .. und höre es mir auch nicht mehr an ..

  3. zwar kein schlechter artikel, leider kommt er bei weitem nicht an vorangegangene heran
    schade bis jetzt waren marmorsteins artikel zwar selten, aber die besten

  4. Gut beobachtet.Im Alter wird die Blase leider schlechter,demzufolge wird es immer schwieriger gegen den Wind zu pissen.Da muß man sich halt anpassen.Ich machs jetzt wie alle Anderen : Ich schreib jetzt lieber öfter ,dafür weniger pointiert.

  5. erhöht es den Faktor Deiner latenten Genialität, wenn Du ala Bukowski „pissen“ statt „urinieren“ oder verniedlicht „Pinkeln“ schreibst? Macht es Dich dann genial, bzw. „grenzgenial“?

    Nicht wirklich. Es ist in seiner, ganz individuell pseudointellektuellen und vollkommen unakademischen Art „tief“. Aber unterhaltsam eben!

  6. @raubritter
    Endlich mal einer, der den Nagel sowas von auf den Kopf trifft!Pseudointellektuell und hilfsakademisch sind die richtigen Attribute für Marmorsteins „Ichmöchtegernbesonderswitzigundexotischschreiben“- Profilneuroseartikel!

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