Kolumnen

Wie weniger Glückspiel erklärt wird – und was ich von Pius Heinz erwarte

Mir wurde es neulich bei der Überleitung bei der Hauptausgabe der Nachrichtensendung „heute“ im ZDF um 19.00 Uhr am 9. November 2011 übel:  Da übergab der Moderator Matthias Fornoff das Wort an die Sportmoderatorin Kristin Otto mit der Überleitung: „Und letzte Nacht hat in Las Vegas im Casino ein Deutscher mit dem „Glückspiel Poker“, den Weltmeistertitel und acht Millionen US-Dollar gewonnen“. –  Dies fühlt sich an wie ein direkter Schlag in mein Pokerface, weil mich das ZDF in den gleichen Topf wie Roulettespieler schmeißt.

Poker in Deutschland und der Schweiz gilt beim Gesetzgeber als Glückspiel. Im Speziellen in der Schweiz, wird seit dem Verbot im letzten Jahr aktiv für die Legalisierung von Poker außerhalb der Casinos geworben.

Nach Aktionen, welche zur Aufklärung bei Schweizer Politikern betreffend Poker vorgenommen wurden, fand unter der Schirmherrschaft des Pokerpalace an der Zürcher Herbstmesse „Züspa“,  eine weitere Aktion statt: Dort wurde von einer Delegation von über siebzigjährigen Pokerspielern, zehn Tage lang für Poker geworben und Spiele für die Besucher organisiert.

Und „die Alten“ taten dies grandios: Neben der Einführung ins Pokerspiel vermittelten sie den Interessierten souverän die zwei entscheidenden Unterschiede gegenüber den ruinösen Casinospielen wie folgt:

–    Bei Poker in der Variante „Texas Holdem No Limit“ erhält man vor Tätigen eines Einsatzes zwei Karten und eine große Entscheidungshilfe, ob man sich überhaupt bei der aktuellen Runde beteiligen will und kann selbst über die Höhe des Einsatzes entscheiden. Bei den anderen Spielen wie zum Beispiel Roulette, muss man vor dem Spiel ohne Anhaltspunkte auf Aussicht des Resultats einen Einsatz setzen.

–    Bei Poker spielt ein Spieler gegen andere Menschen. Diese sind jung oder alt, sind Hobbyspieler, Profis, Handwerker, Professoren und kommen aus unterschiedlichen Schichten. Sie sitzen alle an einem Tisch und wenn sie gewinnen wollen, müssen sie sich miteinander beschäftigen und versuchen, mit Geschick den Gegner auszuspielen, um diesem die Chips abzunehmen. Sind die Karten ausgeteilt, kann ein Spieler nur das verlieren, was er an Chips am Tisch hat. Autoschlüssel oder Geld in seinem Portemonnaie gelten nicht.

In Deutschland kenne ich keine Aktionen, welche Poker der breiten Öffentlichkeit vorstellen und eine Abspaltung von den anderen Glücksspielen in Casinos verlangen. Poker ist ein Strategie- und Geschicklichkeitsspiel mit einer kleineren Glückskomponente als Roulette oder Blackjack, und gehört deshalb nicht unbedingt ins staatliche Casino.

Je größer diese Aufklärung wird, desto mehr Chancen bekommt Deutschland, dass sauberes Poker unter vordefinierten Qualitätsstandards außerhalb von Casinos um Geld betrieben werden kann.

Jetzt ist gerade ein Deutscher der zweitjüngste Pokerweltmeister aller Zeiten geworden. Er spielt Poker erst seit vier Jahren; hat es in diesem Zeitraum jedoch intensiv geübt. Insgesamt hat er für den Sieg an neun Tagen gepokert, 6864 Spieler hinter sich gelassen und über das achthundertfache des Einsatzes mit Geschick, Strategie und ein klein wenig Glück gewonnen.

Darum ist Pius Heinz ein würdiger Champion der diesjährigen „World Series of Poker“ und hat sich das Preisgeld von über acht Millionen US-Dollar mehr als verdient. Herzliche Gratulation.

Wenn Pius nächste Woche bei „Stern TV“ und bei „TV Total“ eingeladen ist,  um über seine Erlebnisse in Las Vegas zu berichten, dann besteht die große Chance einem Millionenpublikum zu erklären, warum Poker weniger Glückspiel als Roulette ist. Wenn er das tut, dann redet Pius Heinz vielen Poker begeisterten Menschen, welche einfach nur legal spielen wollen, tief aus der Seele. Eventuell findet dann in der Öffentlichkeit und Politik ein Umdenken statt.

Cheers

Martin Bertschi

    Martin Bertschi

    Scharfzüngige Schweizer Spieler, welcher Online und Live vom Pokerspiel sich den Lebensunterhalt verdient.

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