Kolumnen

Rollenspiel

Je nachdem, wer bei uns ist, wer im Raum ist, oder wen wir beeindrucken wollen, spielen wir andere Rollen, kehren einen anderen Teil unserer Persönlichkeit nach außen.

Am Pokertisch ist das ähnlich. Jeder Spieler hat ein Image. Aber nicht genau eins, sondern möglicherweise viele, ein Image in jedem der Köpfe seiner Gegner!

Die Hand, wegen der ich von Gegner A als looser Bluffer eingestuft werde, hat Gegner B möglicherweise gar nicht gesehen. Oder anders eingeschätzt. Oder eben doch gleich.
Wenn man weiß, was für ein Image man bei einem bestimmten Gegner hat, dann kann man das gut und profitabel ausnutzen. Lustigerweise kann man verschiedene Images am Tisch aufbauen und nutzen. Wenn man zum Beispiel den ängstlichen Gegner aus einem kleinen Pot rausblufft und den Bluff extra so zeigt, dass der mutige Wilde ihn sieht. Gegen den hat man dann im großen Pot natürlich eine große Hand, die man wie einen Bluff aussehen lässt, aber in Wirklichkeit auf volle Auszahlung spielt.
Ist man sich im Klaren über seine Außenwirkung, dann kann man diese ganz bewusst einsetzen. Perfekt ist es, wenn man sein Image am Tisch gezielt bestimmen kann.

Natürlich geht das nicht immer. In der wöchentlichen Heimrunde mit den besten Freunden wird man sich nicht langfristig verstellen können. Aber selbst da wird jeder Spieler eine Rolle übernehmen.

In einem Turnier kann man in den Anfangsrunden zu einem kleinen Preis ein Image etablieren, das man dann in den späteren Runden ausnutzen kann. Problem: Oft ist man nicht lange genug mit den gleichen Spielern am Tisch. Entweder sie fliegen raus, oder man selbst. Oder der Tisch wird aufgelöst.

Die „Rollenverteilung“ geht schon im ersten Augenblick los. Der erste Eindruck ist auch beim Poker wichtig. Ein großer, lauter Typ in Lederjacke, Tattoos und Schmuck wird am Tisch eher aggressiv spielen. Der kleine, dünne Buchhaltertyp wohl eher zurückhaltend. Mein guter Freund George Danzer wird sehr oft gecallt, da die Leute immer 9-hoch bei ihm vermuten. Klar, jung, witzig, Internet-Kid.
Man wird aber auch manchmal von den Karten in eine bestimmte Rolle gedrängt. Bekommt man über Stunden hinweg keine Hand, ist es vielleicht bald Zeit, einen großen Bluff zu nutzen. Auch wenn man nur gute Karten hatte: war man in der letzten Zeit zu aktiv, hat das definitiv Image-Spuren hinterlassen. Das wichtigste ist, sich immer über seine Rolle am Tisch klar zu sein und sein Image auszunutzen.

Im Frühjahr 2006 beim WSOP Main Event, Tag 2, kam kein geringerer als Phil Hellmuth an meinen Tisch. Gefolgt von einem ESPN-Kamera-Team, natürlich. Phil spielt seit Jahren schon die Rolle des „Poker Brat“, des sich immer beschwerenden, jammernden, nach Aufmerksamkeit lechzenden Kleinkinds. Diese Rolle passt sehr gut zu ihm, denn er ist so. Er muss sich kaum verstellen, nur die Rolle noch etwas ausführlicher spielen.

An diesem Tag konnte man ihn schon von Weitem hören. Er erzählte allen auf seinem Weg zu unserem Tisch ausführlich von einem seiner Riesen-Laydowns. Er hatte am letzten Tisch innerhalb von 2 Stunden zweimal QQ vor dem Flop weggeworfen. Natürlich waren diese Folds unfassbar gut und nur von einem Spieler von absolutem Weltklasseformat zu bringen. Von ihm halt. An unserem Tisch wurde die Geschichte dann noch einmal in allen Details und vielen Superlativen ausgeschmückt. Er hatte sich kaum gesetzt, immer noch von seiner eigenen Großartigkeit begeistert, da erhöhte er in früher Position.
Phil ist für seine Small Ball Strategie bekannt, d.h. er vermeidet große Preflop-Konfrontationen und versucht lieber, sein Riesen-Edge in kleinen Pots nach dem Flop auszunutzen. Dieses Image, gekoppelt mit seinen Laydown-Geschichten zeichnete eine recht große, offensichtliche Zielscheibe auf seine Stirn. Und so kam es dann auch. Alle foldeten zur Großen Blind, einem jungen Kid mit mittelgroßem Stack. Der pushte all-in vs. Hellmuths EP-Raise. Phil sprang fast aus seinem Stuhl, machte eine Riesenshow, versuchte, den Jungen zu lesen und legte dann seine Karten bildoffen weg: QQ!!

Ich dachte nur: was ein grottenschlechter Fold!! Nach der ganzen Vorgeschichte hat er ja quasi danach geschrieen, dass gegen ihn einer pusht! Ich meine, wer legt in so einer Situation schon QQ weg?? Der Junge zeigte natürlich 97o. Die folgende Aufregung kann man sich vorstellen.

Direkt in der nächsten Hand erhöhte Phil wieder, diesmal UTG. Alle foldeten zu mir auf dem Button, ich hatte AQs. Nach der Vorgeschichte eigentlich ein leichter Push mit meinem unterdurchschnittlichen Stack, da ich sogar gegen QQ auf einen Fold hoffen konnte und Phil nach außen offensichtlich auf Tilt war.
Aber irgendetwas war anders. In der ersten Hand hätte ich hier sicherlich gepusht. Aber jetzt hatte Phil schon wieder erhöht, gerade nachdem er einen großen, katastrophalen Laydown gezeigt hatte. Er musste also eine Hand haben. Nach meinem recht schnellen Fold pushte der gleiche Junge wieder, diesmal aus der SB. Die BB hielt sich raus und Phil sprang wieder auf. Nach einiger Zeit und viel Gerede sagte er: „Even I am not good enough to lay this down.“ Und callte mit KK und verdoppelte sich.
Beide Spieler, sowohl der Junge als auch Phil waren sich über ihr gegenseitiges Image nicht bewusst, dachte ich mir. Nach dem ganzen Tohouwabohou der QQ-Fold-Geschichten war es nur eine Frage der Zeit, dass jemand Phil preflop von einer großen Hand runterbringen wollte, als reinen Bluff. Es lag die ganze Zeit in der Luft. Da hätte Hellmuth mit den Damen snapcallen sollen.
Aber der Junge ging ihm ja trotzdem voll in die Falle. Warum er dachte, dass Phil Hellmuth, einer der besten NLHE-Turnierspieler, direkt nach einem solchen Laydown wieder raisen und wieder wegwerfen würde, ist mir schleierhaft. Von den Stacksizes und der vorangegangenen Situation war es klar, dass Phil hier eine Hand haben musste. Ich denke, dass der Triumph von zwei aufeinander folgenden 3bet-Bluffs gegen eine Legende vielleicht seine Einschätzungen getrübt hat.
Vielleicht dachte er auch, Phil Hellmuth sei komplett von der Rolle, mit all seinen Ausrastern nach der QQ-Hand.

Von der Rolle sollte man allerdings nie sein. Denn Tilt kann sich nur negativ auf die für den Pokerspieler so wichtige Bank-Roll(e) auswirken…
Rock N Roll,

Jan.


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