Kolumnen

Fluch und Segen der Preisgeldgarantien

Viele Spieler sehen Preisgeldgarantien als Muss in der heutigen Turnierwelt. Doch näher betrachtet ist die Sicherheit des Preisgeldes alles andere als gut.

Vor Jahren schrieb ich „Qualität braucht keine Garantiesummen“. Ein Satz, der mir ab und zu von King’s Boss Leon Tsoukernik noch gerne vorgehalten wird. Aber ich bleibe dabei, dass Preisgeldgarantien tatsächlich ein falsches Instrument sind und den Pokermarkt zumeist negativ beeinflussen. Die Auswirkungen sind weitreichender, als es auf den ersten Blick scheint.

Im Live-Poker hat das King’s mit den massiven Garantiesummen in Europa das komplette Turniergeschehen definitiv beeinflusst. Der positive Effekt dabei ist, dass andere Casinos im (vergeblichen) Konkurrenzkampf ebenfalls teils sehr hohe Preisgeldgarantien aufgerufen haben. Aktuell ist es aber fast nur das Banco Casino Bratislava, das realistisch gesehen mit wirklich hohen Preisgeldern von sich reden macht. Das Grand Casino Liechtenstein legt im heißen Pokerherbst nun auch einiges auf den Tisch, um die Spieler ins Fürstentum zu bringen. In weiterer Distanz muss auch noch das Merit auf Zypern erwähnt werden, doch ist es für die deutschsprachige Szene nur bedingt relevant.

Die Pros haben aus den abgesagten Turnieren im Venetian und damit nicht-garantierten $1.100.000 einen Twitter-Skandal gemacht. Aber macht es nicht eigentlich Sinn, Turniere, die garantiert ein massives Overlay haben werden, schon im Vorfeld zu canceln und das Turnierformat komplett zu überdenken? Leon Tsoukernik steht zu Overlays, auch wenn oft etwas anderes kolportiert wird. Natürlich wird die Werbemaschinerie angeworfen, wenn ein Turnier etwas kostet,  aber gezahlt wird trotzdem. Andere Veranstalter versuchen mit exorbitanten Garantiesummen Spieler anzulocken und greifen zu anderen Methoden, wenn die Differenz zur Preisgeldgarantie empfindliche Schmerzen verursacht. Dann werden Spieler sogar in Flieger gesetzt, um sie mit Deals „Du spielst kostenlos, xx % gehören Dir, der Rest uns“ in die Turniere zu schicken. Während die einen sagen, das sei doch das Recht des Veranstalters, schließlich trägt man ja das Risiko, sehen es andere als „Betrug“ an jedem, der sein Buy-In aus eigener Tasche bezahlt hat.  Ist das Overlay aber wirklich groß, dann ist das zumeist auch das Ende des Veranstalters – oder vergleichbarer Turniere. In jedem Fall also eine Lose-Lose Situation.

Verpasste Garantiesummen haben überraschenderweise nicht den gewollten Effekt, in weiterer Folge mehr Spieler wegen des Extrageldes anzulocken, sondern bringen gleich zwei unerwünschte Nebenwirkungen. Zum einen wird ein vielleicht dennoch gutes und erfolgreiches Turnier mit einem Overlay degradiert. Zum Beispiel – es sind in einem durchschnittlichen Casino bei einem € 500 Turnier € 100.000 garantiert. Schafft man 190 Entries, verpasst man zwar die Garantiesumme, die 190 Entries wären aber eigentlich ein Erfolg für das Casino, der nun aber durch das Overlay geschmälert wird. Nun stellt sich natürlich die Frage – wären die 190 Entries zusammengekommen, hätte man nicht garantiert. Und da ist für mich dann entscheidend, wie das Casino im Vorfeld und im Generellen gearbeitet hat bzw. arbeitet. Denn wenn die Qualität passt, dann wären es vielleicht ohne Garantiesumme 180 Entries gewesen, die man entsprechend feiern hätte können.  Oftmals ist es auch sogar so, dass Spieler hinterfragen, warum bei einem Turnier, das eigentlich mit guter Struktur und Rahmenbedingungen aufwartet, dennoch ein Overlay ist. Es gibt auch das Phänomen, dass ein Turnier, bei dem drei Mal die Garantiesumme verpasst wird, sie nie erreicht werden wird. Als Casino/Veranstalter sollte man am Format etwas ändern, denn dieses eine Turnier wird nie erfolgreich sein.

Hohe Garantiesummen haben zudem das Problem der ewigen Late Reg. Über die Jahre sind lange Late Reg Phasen normal geworden, doch eigentlich sind sie für den Geldkreislauf im Pokersystem höchst giftig. Leere Tische zum Turnierstart, unsägliche Erfindungen wie „Early Bird Bonus“ und Überlegungen/Streitigkeiten, wie man später Tische eröffnet, um nicht spät eintreffende Pros/Buddies an denselben Tisch setzen zu müssen, sind nur der unangenehme Nebeneffekt. Tatsächlich aber führen die hohen Garantiesummen dazu, dass eben die Late Reg eine gefühlte Ewigkeit offen ist. Auch die allseits (un)beliebte Option „unlimited Re-Entry“ hängt mit diesen Garantiesummen zusammen. Und dann muss die Struktur verändert werden und was dazu führt, dass gerade bei One Day Turnieren die Blinds unverhältnismäßig steigen müssen oder die Leveldauer verkürzt werden muss, um das Turnier noch in einem ansprechenden Zeitraum (oder innerhalb der Schließzeiten des Casinos) beenden zu können. Während der Woche kommt noch der Faktor „ich kann ja nicht bis in der Früh spielen, ich muss ja arbeiten“ dazu. Hat ein Casino bei einem Daily Tournament wochentags eine hohe Garantiesumme mit einer Late Reg bis 1 Uhr früh, wird es trotzdem scheitern, weil das wäre der Zeitpunkt, wo eigentlich schon der Final Table erreicht sein sollte.  Ein Nebeneffekt der langen Late Reg ist dann natürlich auch, dass die Cash Game Tische später oder vielleicht gar nicht öffnen, weil zu wenig Zeit bleibt.

Natürlich wünschen sich die Spieler Garantiesummen, aber tatsächlich haben Garantiesummen nur einen gewünschten Effekt, wenn es sich um wirkliche Highlights handelt. Der WSOP Circuit und die WSOP Europe im King’s schreiben höhere Zahlen als vergleichbare Events in anderen Casinos. Vermutlich durch die Garantiesummen oder auch weil man sich über die Jahre (natürlich auch durch die Preisgeldgarantien) etabliert hat. Eine EPT kommt noch immer (zumeist) ohne Preisgeldgarantie aus, schreibt man aber keine Rekordzahlen, beginnt auch gleich das Hinterfragen und Belehren durch die Community, was man ändern muss. Garantiesummen, die ohnehin zu 100 % erreicht und zu 200 % übertroffen werden, empfinden die Spieler auch wieder als lächerlich. Auch wenn Preisgeldgarantien ein Instrument sind, um sich ein regelmäßiges Klientel aufzubauen, sollte der Trend eigentlich sein, dass diese Spieler dann um des Spielens willen und wegen des Casinos kommen und die Garantiesumme eigentlich zweitrangig bzw. irrelevant wird.

Spannend bleibt die Entwicklung der Pokerturniere auf jeden Fall, denn die Inflation und die hohen Sprit- und Energiekosten werden sich auch auf das Reiseverhalten der Spieler auswirken. Ob dann noch die hohen Garantiesummen gehalten werden können – oder sogar noch höher werden müssen, um die Turniere als „attraktiv“ zu gestalten, wird das „Ü-Ei“ 2023 werden.


8 Comments
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Pogger As
2 Monate zuvor

Ohne Garantie werden die Wege zu weit, es kostet ungleich mehr und der Poker würde sich über kurz oder lang zurückziehen. Das ein Turnier zu lange dauert stimmt allerdings, ich denke unter der Woche nicht daran wo teilzunehmen und da sind Overlay programmiert. Ohne Garantien würde Poker für sehr viele nicht mehr leistbar werden da die Buy ins sehr viel höher sein müssten es würde Preis/Leistung nicht mehr passen.

Claas Claasen
2 Monate zuvor

Interessante Diskussion, danke dafür.
Dass gewisse Overlays von den Spielern nicht mehr angenommen werden, haben sich die Casinos aber auch selbst zuzuschreiben. Für mich sind sich anbahnende Overlays kein Grund mehr ihnen hinterherzujagen, da wie oben beschrieben eh jedes mal genügend Hausspieler gefunden werden, die das Turnier füllen. Das es anders geht, zeigt das ganz alte Kings. Früher garantierte man jede Woche 50k, musste teilweise 20k Overlay pro Woche auszahlen und konnte aber dennoch bemerken dass es von Woche zu Woche mehr Spieler ins Haus brachte, bis die Overlays irgendwann verschwanden. Heutzutage hat man das Gefühl haben die Casinos panische Angst, ihren Spielern auch nur einmal etwas mehr zurück zu geben.

Admin
Pokerfirma Redaktion
2 Monate zuvor
Reply to  Claas Claasen

Ich muss dich in Bezug auf das 50k im King’s korrigieren – das Turnier hatte in den Anfängen bis auf ein einziges Mal immer ein Overlay. Erst als es nicht mehr jeden Samstag stattfand und auch andere Turniere angeboten wurden, wurde die Garantie übertroffen. Generell aber war es für das King’s auf jeden Fall der Schlüssel zum Erfolg und man (Leon) hat sehr viel Geld in die Overlays investiert.

Niklas Fanboi
2 Monate zuvor

Garantiesummen ja, aber nicht um jeden Preis.
Gerade die two/three day Events sind zeitlich wirklich katastrophal geworden.
Ewige late regs, turbo flights und ein Start in day 2 sonntags um 16-18 Uhr.
Kann ich nicht nachvollziehen und das ist für die Spieler einfach nicht schön, da die meisten dann ja doch arbeiten müssen.

Führend in der Planung für live Turniere sollte die Turnierstruktur sein und nicht die Garantiesumme. Hat man dann ein gutes und spielerfreundliches Konzept kann man immer noch eine „geringere“ Preisgeldgarantie ausrufen. Ist auf jeden Fall die bessere Strategie als alles andere…

Karle
2 Monate zuvor

Weiber, Autos, Alk, Zocken, hat immer Hochkonjunktur, auch in schlimmsten Krisen, vorher hat Frau und Kind nichts zu essen.

Klaus
2 Monate zuvor
Reply to  Karle

Das „haben Frau und Kind …“ heisst das. Auch ansonsten viel Unsinn …

Reto
2 Monate zuvor

Mir ist nicht ersichtlich, wie ein ‘gutes und erfolgreiches Pokerturnier’ durch eine Preisgeldgarantie degradiert werden kann. Vielmehr denke ich, dass eine Preisgeldgarantie zusätzlich Spieler anzuziehen vermag, die von weit her anreisen. Weil es das Risiko ausschaltet, dass man erst vor Ort mit viel weniger Spielern als in Aussicht gestellt, konfrontiert wird.

Admin
Pokerfirma Redaktion
2 Monate zuvor
Reply to  Reto

Das steht auch nicht in diesem Artikel, dass ein „gutes und erfolgreiches Pokerturnier“ durch eine Preisgeldgarantie degradiert wird