Pokerstrategie

Von Managern und Spielern

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Seit Jahren tauche ich gerne in die Welt der Politik, der Wirtschaft oder auch des klassischen Leistungssports ein. Im Gespräch mit den jeweiligen Experten dient Poker meist als gemeinsamer Nenner. Es ist die allen verständliche Sprache, wenn es um gutes Entscheiden geht – vergleichbar mit dem Einsatz von Englisch in Mallorca oder Macao.

Heute Morgen habe ich mit Freude einen kleinen Artikel gelesen: die Antwort von Andrei Kolodovski auf die Frage warum viele großartige Fondmanager auch tolle Kartenspieler sind. http://www.quora.com/Investing/Why-are-many-great-fund-managers-also-great-card-players/answer/Andrei-Kolodovski
Er zeichnet u.a. folgende gelungene Vierfeldertafel.

ManagerUndSpieler

Der 2. Satz unter dem Schema ist brillant. Er stellt den Profit durch Geschick den Kosten von Ignoranz gegenüber. Das allein macht den Beitrag schon lesenswert.

Der 1. Satz ist der Anlass für meinen Beitrag. Er ist leider falsch. Schlimmer noch, der Glaube daran zieht schwerwiegende Folgen für das eigene Spiel nach sich. Die Aussage „In the long run, „Unlucky losses and „Lucky profits“ tend to balance each other out.“ ist für alle Spieler außer dem exakt durchschnittlichen Spieler unzutreffend.

Gute Spieler treffen naturgemäß häufiger gute Entscheidungen. Darum haben gute Spieler größere Chancen auf „Unlucky losses“ als auf „Lucky profits“. Für schlechte Spieler verhält es sich genau umgekehrt. Da gleicht sich nichts aus. Soll es auch gar nicht.

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal per Gutshot gewonnen habe, wurde aber allein in 2014 schon mehrfach am Tisch damit erlegt. Habe ich Pech? Runne ich schlecht? Nein! Ich lege mein Spiel einfach nicht auf eigene Bauchschüsse an. Somit kann ich auch nur schwerlich einen solchen landen. Das ist alles.

Es ist wichtig, sich als Pokerspieler vollkommen bewusst zu sein, dass man in Führung liegend nach Chips PlusEV ist – aber nach Endorphinen MinusEV!

Als guter Spieler lebt man mit der ständigen Drohung, dass „der River“ doch noch die Butter vom Brot nimmt. Das ist gut, richtig und wichtig. Nur deshalb funktioniert das Spiel.  Kolodovskis Satz sagt, dass man genauso oft aussuckt wie man ausgesuckt wird. Er ist deshalb gefährlich, weil er gerade bei technisch guten Spielern überzogene Erwartungen weckt. Diese führen über Unmut zu Tilt – und der macht aus einem guten Spieler unversehens einen schlechten.

Meine Empfehlung lautet: versucht euch immer wieder aufs Neue einzubläuen, dass ein erhaltener Suckout das Privileg eines guten Spiels ist: Nur wer vorne liegt, kann überholt werden.

Zahler zocken – Könner kalkulieren

Stephan Kalhamer für
gaming-institute.de

6 KOMMENTARE

  1. @Phillo…… da muss ich natürlich das gleiche wieder geben 🙂 Klar hat er Recht bei unserer derzeitigen Pokerseuche. Aber am WE shippen wir das Ding mit der Motivation dieses Artikels. Du in HH und ich in Rozvadov 😉

  2. Hmm, „tend to balance“ ist sicher nicht so strickt gemeint, aber wichtiger noch ist wohl, dass der Vergleich hier nicht zwischen wie oft sucke ich mit gutshot aus vs. wie oft werde ich mit gutshot ausgesuckt nicht korrekt ist. Die unbekannten nicht erfolgreichen Versuche ausgesuckt zu werden „gehören hier auch in den Nenner“. Und, für Spieler, die ihr Spiel auf Bauchschüsse anlegen, natürlich auch die nicht erfolgreichen aktiven Versuche. Insofern ist m.E. auch der 1. Satz richtig genug. Gute Spieler mögen eher tilten, da sie seltener ( im Vergleich zu ihren vielen gut gespielten Händen) die Situationen erleben und da sie diese suck-outs ehr als solche erkennen. Wobei wir wieder an der Grenze zum Ingnorance-Quadranten sind.

  3. Guten Morgen Herr Kalhamer,

    wir hatten in der Vergangenheit schon das Vergnügen.
    Ich bin wieder mal verblüfft.
    Der Satz „… tend to balance …“ liest sich im ersten Moment gut. Ihrer Betrachtungsweise hingegen schließt der Leser gern da, Sie mathematisch plausibel und einfach die richtige Gegenthese erklären.

    Danke und weiter so.
    AH

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