Kolumnen

Der Rest der Welt ist nicht Las Vegas

Geographisch gesehen ist das natürlich offensichtlich. Aber vor allem in der Pokerwelt ist diese Aussage viel weitreichender, denn kein anderer Ort als Las Vegas selbst kann Austragungsort für eine Weltmeisterschaft sein.

Die Diskussion rund um die Online-Pläne der World Series of Poker (WSOP) hat viele Meinungen, Ideen und Vorschläge hervorgebracht. Wie so oft, haben diejenigen, die die 85 Online-Bracelets auf wsop.com bzw. GGPoker nicht mögen, viel zu sagen, während diejenigen, die sich einfach auf die Option freuen, online um die Bracelets spielen zu können, ihre Meinungen für sich behalten.

Es gibt Aspekte, die gegen die Vollwertigkeit der Online-Bracelets sprechen. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen wird es nie ein 100%ige Garantie geben, dass derjenige, der spielt, auch der Accountinhaber ist. Auch wird es keine 100%iger Garantie geben, dass derjenige alleine und ohne irgendwelche fremde Hilfe seine Entscheidungen trifft. Das ist aber ein generelles Problem von Online-Poker und ist nur bedingt der Bracelet-Diskussion anzurechnen.

Ein anderes Problem ist natürlich, dass es keine globale Zugänglichkeit eines Online-Pokerrooms gibt. Schon allein der Split in wsop.com (31 Bracelets) und GGPoker (54 Bracelets) zeigt die Schwierigkeit auf. Dann kommt aber noch hinzu, dass in Amerika gerade mal in Nevada und New Jersey gespielt werden kann. Auch GGPOker ist nicht in allen Ländern weltweit zu spielen. Wie kann etwas also eine Weltmeisterschaft sein, wenn nicht alle Spieler aus allen Nationen teilnehmen können.

Vor allem diese beiden Punkte sind es, die die Poker-Community ausführlich seit Bekanntgabe der WSOP Online Bracelets diskutiert. Auch die Wertigkeit des Gold Bracelets wird immer wieder als Grund genannt, warum es keine Online-Bracelets geben soll. Rob Yong, Mastermind von partypoker LIVE, hat natürlich auch seine Meinung und schlägt silberne Bracelets für WSOP Europe, WSOP Asia und WSOP Online vor:

Interessant ist dabei, dass andere Spieler wie Sam Grafton nun den Aspekt aufgreifen, man solle die „anderen WSOP Events nicht entwerten, sondern sich darum bemühen, mehr aus ihnen zu machen.“

Damit sind wir nun bei der Headline „Der Rest der Welt ist nicht Las Vegas“. Es gibt absolut keinen anderen Standort, der nur annähernd dieselben Konditionen wie Las Vegas bieten kann. Nicht in den USA, nicht im asiatischen Pendant Macau und schon gar nicht in Europa oder Australien.

Seit 2007 gibt es die WSOP Europe. In London, Cannes, Paris, Berlin und Rozvadov wurde sie ausgetragen und egal welche Vor- und Nachteile die einzelnen Standorte hatten, die Teilnehmerzahlen waren immer limitiert.

Das liegt aber nicht an den Standorten, auch eine WSOP Europe in Barcelona oder Prag oder Wien oder wo auch immer würde nichts daran ändern. Keine dieser Städte liegt nun mal in den USA. Und genau das ist der Aspekt, den offenbar keiner realisieren will. Wenn in Las Vegas zur Weltmeisterschaft geladen wird, freut sich gefühlt die ganze Pokerwelt darauf. Aber wie viele der Spieler fliegen wirklich ins Poker Mekka? Wenn man sich die Statistiken alljährlich anschaut, dann sind zwar Spieler aus mehr als 100 Ländern vertreten, aber der Großteil sind US-Amerikaner. Viele kommen einfach auch übers Wochenende zum Zocken, gehen während der Woche arbeiten und kommen am nächsten Wochenende wieder.

Es gibt keine konkreten Zahlen, aber – da es Pokerfirma nun auch schon ein paar Jahre gibt – unsere Erfahrungswerte. Von 1.000 DACH-Spielern sind es vielleicht 50, die während der ganzen Dauer der WSOP in Las Vegas sind. Weitere 50 fliegen zwei Mal. Die übrigen 900 versuchen ihren Event-Schedule zu priorisieren, das mit ihrem Job zu vereinbaren und zwei, vielleicht drei Wochen in der Wüste zu verbringen.

Man plant das Jahreshighlight. Mittlerweile ist es auch so, dass viele schon ihren Jahresplan machen und abwägen, ob sie Las Vegas und die WSOP oder vielleicht ein anderes Event priorisieren. Wenn sechs, sieben Wochen Las Vegas ist, dann bleibt nichts mehr für andere Events.

PokerStars hat mit der EPT Barcelona einen Hotspot geschaffen, vergleichbar mit den Aussie Millions. Aber auch wenn es gefühlt weltweite Mega Events sind, haben sie doch eines mit der WSOP gemeinsam – der Großteil der Spieler sind nationale Spieler. Australien ist für jeden am anderen Ende der Welt, Barcelona zwar super erreichbar, aber unattraktiv durch unerbittliche Steuerbehörden. Ein weiterer Aspekt ist nunmal, dass es die riesigen Hotel- & Casino Resorts nunmal fast nur in den USA gibt, speziell eben in Las Vegas, der Welthauptstadt des Glücksspiels.

Vielleicht fünf, maximal zehn Prozent der Poker-Community hat eine generelle Reisebereitschaft und auch -möglichkeit. Letztes Jahr generierte die WSOP 187.298 Entries. Unglaublich eigentlich. Aber der Großteil davon sind nun mal US-Amerikaner und die haben keine Lust, nach Europa, Asien oder Australien zu fliegen. Da braucht es schon die Motivation, Player of the Year werden zu können, oder den unbedingten Zwang, ein Bracelet holen zu wollen. Oder im Fall von Allen Kessler ein kostenloses Buffet wie im King’s.

Sind die 85 WSOP Online-Bracelets richtig oder falsch? Es gibt keine „richtige“ Antwort. Ist es wirklich das Bracelet, das alljährlich so viele Spieler in die Wüste lockt? Oder ist es der Umstand, dass Las Vegas einfach ein Erlebnis ist und das Gesamtpaket der WSOP, den großen Turnierserien rundherum, die 24/7 Cash Game Action, die Urlaubsstimmung und die großen Shows zusammen die WSOP ausmachen?

Legendär ist die Aussage von Katja Thater, als sie 2007 das „hässliche Ding“ holte und klar machte, dass ihr der Turniersieg an sich viel mehr bedeutete als das goldene Bracelet. Es geht beim Pokern um den Wettkampf und das Geld. Den Wert des Bracelets gibt es schon lange nicht mehr, die Pokerwelt ist dafür viel zu schnelllebig geworden. Und wäre nicht Hossein Ensan der amtierende Weltmeister, wüssten wahrscheinlich die meisten DACH-Spieler gar nicht, wer Weltmeister ist.

Las Vegas hat seit 4. Juni wieder geöffnet. Es wird Jahre dauern, bis sich die Stadt vom Corona-Lockdown erholt, aber Las Vegas bleibt Las Vegas, die Stadt die niemals schläft. Und die Heimat der WSOP. Aber sicher nicht der einzige Ort, an dem Bracelets vergeben werden dürfen.


3 Comments
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Karle
25 Tage zuvor

Das Bracelet wär für mich überhaupt kein Grund, das schmeiß ich weg, oder schenks einem Kind.
Ist außerhalb der Pokerwelt etwa so viel Wert wie der dritte Mann am Mond.

H.S.
25 Tage zuvor

……äh…,der Goldwert ?!! Hab ich mal so gehört.

Admin
Pokerfirma Redaktion
25 Tage zuvor
Reply to  H.S.

Die „Gold Bracelets“ sind nicht wirklich Gold. Tatsächlich ist es bis auf die wenigen Ausnahmen der speziellen Bracelets wie beim Main Event der ideelle Wert