Seit gut zehn Jahren ist rund um die Multi Flight Turniere in der Live Poker Szene ein Hype entstanden. Mittlerweile bedient man sich gerne schon des halben Alphabets, um exorbitante Garantiesummen zu schaffen. Aber kann der Trend auch der Inflation stand halten?
Auf der Spitze des Pokerbooms in den 2000er Jahren nahm der Rebuy-Wahnsinn bei Turnieren überhand und wurde kurzerhand abgedreht. Nach einigen Freezeout Versuchen, erfand man die „Second Chance“ mit kurzer Late Reg. Dann wurde die Late Reg länger und gleichzeitig wurde auch aus einem Re-Entry die „Unlimited“ Variante. Damit nicht genug, schuf man Flight Turniere. Aus „vielleicht zwei Starttagen“ wurden unzählige Heats mit unzähligeren Re-Entries. In guten Wirtschaftszeiten und mit hohen Garantiesummen war diese Kombination ein Garant für ein volles Haus und Rekord über Rekord konnte gefeiert werden.
Doch mit Corona hat sich die Wirtschaftslage gedreht, die Konjunktur ist im freien Fall, umgekehrt die Inflation im exponentiellen Steigflug. Waren unmittelbar nach den Lockdowns die Spieler über die wiedergewonnene Freiheit noch erfreut und stürmten die Tische, so hat nun die Selektion begonnen. Die Nebenkosten bei den Liveturnieren werden immer mehr zum Thema und auch bei der Rake wird ganz genau geschaut, wie viel denn nun aus dem Pot genommen wird und was man eigentlich davon hat.
2024 wurde für einige schon ein knappes Jahr und so entwickelte sich der Trend, dass nur noch die letzen Flights wirklich gut gebucht waren, um die Hotelkosten so niedrig wie möglich zu halten. Dass man die guten alten One Hand Satellites nun als Flip Flights eingeführt hat, zeigt nur, wie verzweifelt Spieler – und auch Casinos – manchmal sind.
Der Wirtschaftsaufschwung ist nicht absehbar und viele sechs-, siebenstellige Garantien werden oft nicht mehr zu erreichen sein. Einige Veranstalter werden sich eine blutige Nase holen, wenn nicht bald der Reset-Knopf gedrückt wird. Die Frage die bleibt – kommen die Spieler auch, wenn es die gewohnten Garantiesummen nicht mehr gibt oder zumindest nicht mehr in dieser Höhe? Schafft man es, Pokerturniere wieder neu zu erfinden und so eine Trendwende herbeizuführen? Oder sterben die Multiflight-Turniere einen langsamen Tod und reißen damit die Turnierpokerlandschaft, wie wir sie im letzten Jahrzehnt gewohnt waren, gleich mit in den Abgrund?
Einige Casinos versuchen, den Multi-Flight Hype zu umgehen und dem Re-Entry Wahnsinn nur bedingt nachzugeben. Das wird teils mit guten Teilnehmerzahlen belohnt, aber ein wirkliches Wachstum kann man so auch nicht erzielen. Chips, Levelzeiten und Struktur sind am Ende doch nur Nebensache, wenn ein kleines Buy-In mit der Aussicht auf einen richtig fetten Gewinn lockt.
Auch wenn Deutschland bis auf wenige Ausnahmen einer Pokerwüste gleicht, gibt es in Europa und weltweit immer mehr Angebot und es wird um die Spieler gebuhlt. Ob das auch so bleibt, wenn es zu viele Overlays gibt, bleibt abzuwarten. Spannend wird das nächste Pokerjahr in jedem Fall.